So hat das Wolfhager Land 1945 erlebt - eine Multimedia-Reportage

Wollten die Besatzung verhindern: Der Volkssturm führt eine Übung in Balhorn durch. Obwohl sie Panzersperren bauten, erreichten die Amerikaner das Wolfhager Land und richteten in Wolfhagen ihre Militärregierung ein. Foto: Privat/nh

"Die Amerikaner kommen!" - Dieser Satz bewegte vor 70 Jahren das gesamte Wolfhager Land. Zeitzeugen erzählen ihre persönliche Geschichte, ein Zeitstrahl ergänzt sie.

Schüsse waren bereits von Ferne zu hören. Gerüchte, dass die Amerikaner kommen würden, machten die Runde. Gleichzeitig wuchs die schon vorhandene Angst in den Einwohnern des Wolfhager Landes. Was würden sie tun? Noch mehr Tote oder endlich Frieden? Ab dem 31. März 1945 - vor 70 Jahren - wurden diese Fragen Stück für Stück beantwortet. Die Amerikaner marschierten in die Region ein.

„Es war ein Ostersamstag. Nachts sind die Amerikaner nach Balhorn gekommen. Ich war noch auf und habe sie gesehen.“ So erinnert sich der damals 16-jährige Willi Reitze aus Balhorn. Was ihn eher neugierig machte, löste in anderen, vor allem älteren Bewohnern, Angst aus. So trägt beispielsweise Lehrer Friedrich Giesler aus Oelshausen zwei Tage vor Einmarsch der zukünftigen Besatzer in die Schulchronik ein: „Müde und abgekämpft, stumpf und hoffnungslos fluten Teile der Wehrmacht ununterbrochen zurück. Das Ende ist da! Das Großdeutsche Reich bricht zusammen.“

Obwohl die einzelnen Orte auf Befehl der NSDAP-Kreisleitung versuchten Panzersperren zu bauen - der Versuch blieb erfolglos. Niemand konnte die Amerikaner stoppen - und das signalisierten viele. Obwohl seitens der NSDAP ein Verbot zum Hissen weißer Fahnen verkündet wurde: Aus den Fenstern hingen die nach Frieden suchenden Bettlaken.

Im Wolfhager Rathaus richtete sich die Militärregierung vorerst ein, Ende April zog sie ins Landratsamt ein, heißt es im Buch von Bernd Klinkhardt und Wilhelm Winter über die Nachkriegszeit in Wolfhagen. „In der Schützeberger Straße erlebten wir dann die Durchfahrt unendlicher Kolonnen von Panzern und anderen Fahrzeugen, teilweise mit aufsitzender Infanterie“, hat der damals 13-jährige Heinrich Schwarz aus Wolfhagen die Besetzung noch vor Augen.

Trotz Freude darüber, dass die NS-Zeit nun ein Ende haben würde, wurde das positive Gefühl durch die Regeln und den Umgang der Amerikaner mit den Deutschen gebremst. „Am Vormittag wurde die Ablieferung von Schuss- und Stichwaffen, sowie Ferngläsern und Fotoapparaten verkündet“, meint Schwarz. Bei wem bei einer Hausdurchsuchung doch solch ein Gegenstand gefunden werde, würden erschossen.

So hat das Wolfhager Land 1945 erlebt

Tag für Tag kamen neue Regeln dazu: Die Pflicht eines Passierscheines, das Verbot als Zivilperson mit Soldaten zu sprechen oder geregelte Ausgehzeiten. Hinzu kam, dass einige Personen aus dem Wolfhager Land ihre Wohnung verlassen und bei Bekannten unterkommen mussten: Die Amerikaner hatten viele Häuser beschlagnahmt und wohnten für die Zeit der Besatzung selbst darin.

Annelise Kühnast war in 1945 schwer erkrankt, ebenso Verwandte von ihr. „Die amerikanischen Ärzte haben uns so gut behandelt. Sie haben uns Medizin gegeben, die es hier noch nicht gab und wurden gesund“, erzählt die Ippinghäuserin. „Letzendlich haben wir den Amerikanern unser Leben zu verdanken“, fügt sie hinzu.

Klicken Sie sich durch die weitere Nachkriegszeit des Wolfhager Landes in 1945 und erfahren Sie von vielen weiteren Zeitzeugen, wie diese die Ereignisse mitbekommen und empfunden haben.

Zeitzeugen aus dem Wolfhager Land berichten

Ludwig Bitter 

(*1931 in Ehringen; 1945: 14 Jahre alt) 

Er war damals ein Kind und erinnert sich noch genau: An den Mann, der Bescheid sagt, dass der Krieg begonnen hat, an das Militär, aber auch an die Amerikaner. Zeitzeuge Ludwig Bitter erzählt von seinen Erlebnissen.

Willi Reitze 

(*1929 in Balhorn; 1945: 16 Jahre alt) 

„Ich war damals 16 Jahre alt und muss sagen, dass in Balhorn militärisch nicht viel passiert ist. Ich wurde beispielsweise auch nicht eingezogen. Ich habe miterlebt, wie am Ostersamstag – 31. März 1945 – die Munitionsanstalt gesprengt wurde. Zu dieser Zeit sind auch die ersten Panzer in Naumburg eingetroffen, in Balhorn Samstagnacht. Ich war in der Nacht noch auf, habe aus dem Fenster geschaut und gesehen wie sie kamen. Dann bin ich ins Bett. Am Morgen waren die ersten amerikanischen Soldaten im Ort. Sie haben die letzten deutschen Soldaten geschnappt und abtransportiert. Hier gab es keinen Widerstand, in Merxhausen wurde bisschen geschossen. Die Amerikaner haben in unserem Ort ein Benzinlager eingerichtet, das sie ständig bewachten. Die ganze Kompanie wohnte hier. Viele Häuser mussten geräumt werden, damit die Amis darin schlafen konnten. Sie haben sich die bisschen besseren Häuser ausgesucht. Das ging so vom Vorsommer bis Oktober etwa.“

Heinrich Schwarz

(*1931 in Wolfhagen; 1945: 13 Jahre alt) 

Hier berichtet Zeitzeuge Heinrich Schwarz von seinen Erlebnissen 1945.

Annelise Kühnast

(*1928 in Ippinghausen; 1945: 17 Jahre alt) 

Sie musste ihr Haus verlassen, gleichzeitig war die damals 17-Jährige erkrankt. Annelise Kühnast hat die Amerikaner in Ippinghausen erlebt, wohnt heute im Seniorenzentrum in Wolfhagen und erzählt von ihren Erfahrungen aus 1945.

Else Voigt 

(*1931 in Istha; 1945: 14 Jahre alt) 

Else Voigt war mit ihrer Familie geflüchtet, bevor die Amerikaner kamen. Denn einen Tag zuvor war ihr Heimatort Istha beschossen worden. Was die damals 14-Jährige in 1945 erlebt hat, erzählt sie hier.

Maria Sauerbier 

(*1921 in Balhorn; 1945: 24 Jahre alt) 

„Ich habe miterlebt wie 1945 in Istha die Bomben fielen. Das war ganz furchtbar. Unser ganzes Haus hat gezittert. Wir waren Selbstversorger, weshalb ich viel in der Landwirtschaft arbeitete. Mein Vater hatte vier Kin der, meine Brüder waren im Krieg. Unser Köfferchen hatten wir immer gepackt. An dem einen Tag hat mein Vater im Garten ein Loch gegraben. Da sollten wir uns zum Schutz reinstellen. Die Amerikaner flogen mit Fliegern über uns hinweg. Plötzlich wurde etwas runter geworfen. Wir dachten es wäre eine Bombe. Wir dacht en, dass jetzt alles vorbei sei. Dabei war es ein leerer Benzinkanister. Da wussten wir: ́Wir sind durchgekommen. ́ Es war eine ganz, ganz böse Zeit. Wir hatten schreckliche Angst vor den Amerikanern. Mein Vater sagte, dass ich auf dem Feld Kartoffeln holen soll. Doch die Amis standen dort Patrouille. Ich hatte so eine Angst, dass ich nicht mehr rausgehen wollte. Doch dann sagte einer der Amerikaner, als ich mich hinaus wagte: Von mir brauchst du nichts befürchten."

Eleonore Witkowski, eingereiste Wolfhagerin 

(*1929 in Ostpreußen/ Bischofstein, dort bis 1968 gewesen, danach nach Wolfhagen gekommen; 1945: 16 Jahre alt)

Eleonore Witkowski hat den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit in Ostpreußen miterlebt. Die Russen sind dort einmarschiert, auch hat sie Erfahrungen mit den Polen gemacht. Witkowski wurde geschlagen, durfte e ine lange Zeit nicht ausreisen. Sie erzählt von ihren Erfahrungen und wie sie nach Wolfhagen kam.

August Hartmann, Altbürgermeister in Breuna

Hier lesen Sie einen HNA-Artikel vom 31. März 2005, in dem sich Breunas Altbürgermeister August Hartmann erinnert.

Paula Heinicke, eingereiste Wolfhagerin

(*1924 im Sudetenland/Asch, dort bis 1946 gewesen, danach nach Wolfhagen gekommen; 1945: 21 Jahre alt) 

An der heute tschechischen Grenze hat Paula Heinicke den Zweiten Weltkrieg miterlebt. Sie spricht über ihre Erfahrungen mit den Amerikanern, Tschechien, wie sie ausgewiesen wurde und 1946 in Wolfhagen landete.

Friedrich „Fritz“ Giesler 

(*11.11.18 95; Oelshausen) 

Hier lesen Sie die Chronik des Lehrers Friedrich "Fritz" Giesler.

Die Sicht der Amerikaner

Zwei amerikanische Soldaten – Roland J. Regan und Frederick J. Mauriello, Sr. – haben während des Zweiten Weltkrieges Briefe in ihre Heimat geschrieben. Sie waren auch in Niederelsungen unterwegs. Hier können Sie Auszüge aus den Briefen lesen.

Offizielle, amerikanische Dokumente des Gemeindearchivs Niederelsungen, in denen die Befehle und Geschehnisse für unter anderem das Wolfhager Land aufgelistet sind, finden Sie hier (Pdf-Datei).

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