Als die Filmleute nach Naumburg kamen: Heimatfilm zeigt den Alltag vor 60 Jahren

+
Mit Überblick: Kameramann Peter Hembrecht steht auf dem Aufnahmewagen und filmt auf der Burgstraße den Festzug zur Stadthalle.

Wie sich das Leben vor genau 60 Jahren in Naumburg abspielte, zeigt ein alter Film aus dem Jahr 1958, der am Samstag nach langer Zeit wieder öffentlich gezeigt wird.

Es ist der Blick in eine andere Welt: Belebte Straßen in einer alten Fachwerkkulisse, eine Vielzahl von Geschäften, Menschen, die bei all dem Treiben in der Stadt frei zu sein scheinen von Hektik und Stress. Es sind Aufnahmen aus Naumburg, vor 60 Jahren eingefangen und auf Zelluloid gebannt. Diesen gut 90-minütigen Film wird der Naumburger Geschichtsverein in Kooperation mit der Naumburger Stadtkapelle am Samstag, 24. November, ab 20 Uhr im „Tschillich“ am Hattenhäuser Weg neben dem Haus des Gastes zeigen.

Die älteren Naumburger erinnern sich noch an den Tag, den 15. Juli, als die Filmleute in die Stadt kamen, um die Menschen zu Hauptdarstellern in einem Heimatfilm zu machen. Der Dreh war gut vorbereitet von den Profis des Filmdienstes „Heimatfilm-Aktion“ aus Gronau in Westfalen. Und von Willi Jacobi, dem damaligen Vorsitzenden der Naumburger Stadtkapelle.

Jacobi war der Motor des Filmprojekts auf Naumburger Seite, die Kapelle war der Auftraggeber. Gegenüber der Kasseler Zeitung sagte er damals zu Drehbeginn, „der Naumburger Heimatfilm soll den Nachkommen in 20, 30 und 50 Jahren zeigen, wie sich unser Leben abspielte. Alles soll alltäglichen Charakter haben“. Damit das dann auch so klappte, wurden im Vorfeld Handzettel mit der Schlagzeile „Naumburg – Filmstadt!“ verteilt mit Anweisungen, wie man sich verhalten möge: „Wenn Sie merken, dass Sie gefilmt werden, so unterbrechen Sie bitte Ihre augenblickliche Tätigkeit nicht. Der Kameramann macht kein Foto von Ihnen, sondern eine Filmszene. Deshalb bewegen Sie sich ruhig weiter, denn nur von der Bewegung lebt der Film.“

Nicht allen wollte das gelingen. Da schlug dann auch schon mal der Fluchtreflex durch. Andere hielten – oft belustigt, meist aber völlig gelassen – die Gegenwart der Kamera aus. Die beiden Kameramänner Peter Hembrecht und Siegfried Packmor stellten die Menschen in den Mittelpunkt: Die Kinder in der Schule mit ihren Lehrern, Passanten auf der Straße, Arbeiter in der Ziegelei, Sportler beim Training, Besucher im Schwimmbad, Feuerwehrleute bei einer Übung auf dem Marktplatz, Vereinsmitglieder bei einem Treffen im Ratskeller, die Kundschaft in Naumburger Geschäften – die Filmtruppe gab sich alle Mühe, einen möglichst umfassenden Blick auf die Stadt und ihre Bewohner zu geben. Der Reporter der Kasseler Zeitung hatte jedenfalls den Eindruck: „Ganz Naumburg war auf den Beinen.“

Das fertige Werk wurde erstmals am 5. Dezember 1958 in der Naumburger Stadthalle gezeigt, wie eine Notiz in den Unterlagen der Naumburger Stadtkapelle belegt. Im Archiv der Kapelle sind neben zwei Exemplaren der Handzettel, die seinerzeit großzügig verteilt wurden, auch die Rechnungen abgeheftet.

Dort finden sich dann auch Hinweise, dass damals zusätzlich Tonaufnahmen gemacht wurden. So sind die Namen von sieben Naumburger Betrieben mit dem Vermerk „mit gesprochenem Kommentar“ aufgeführt. Und die Kasseler Zeitung berichtet von „Tonaufnahmen, die mit den Chören und der Kapelle für den Film gemacht worden waren“. Am Originalfilm gibt es allerdings keine Tonspur. Von einer Schallplatte, produziert „in einem modernen Ton-Aufnahmewagen“, der laut Filmdienst zum Drehort mitfuhr, ist nichts bekannt.

Während der Aufführung des  Stummfilms fast auf den Tag genau 60 Jahre nach der Uraufführung wird es kurze Hinweise zu den in den Szenen zu sehenden Personen geben: Von Willi Jacobi, der später auch das Naumburger Heimatmuseum aufbaute, ist ein nachträglich verfasstes Drehbuch mit den Namen der in den einzelnen Szenen zu sehenden Darsteller erhalten.

Im Kinosaal im Tschillich neben dem Haus des Gastes werden Getränke, auch Popcorn und Eiskonfekt angeboten. Einlass zum gut 90-minütigen Kinoabend ist um 19.30 Uhr, die Vorführung beginnt um 20 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.