Stadtpfarrkirche Naumburg

Gegen die teuflisch verschobene Achse: Marie-Luise Dähne bringt das Sammelsurium im Gotteshaus ins Gleichgewicht

Keine Angst vor der Höhe: Von einem Gerüst aus arbeitet Marie-Luise Dähne im Chorraum an der farblichen Fassung der Madonna. Bis zum Wochenende will die Künstlerin, die sich auf sakrale Räume spezialisiert hat, ihre Arbeit in der Naumburger Kirche abgeschlossen haben. Fotos: Norbert Müller

Zwischen Gotik und Moderne: In der Naumburger Stadtpfarrkirche tummeln sich die Stilelemente aus verschiedenen Jahrhunderten. Die Malerei der Künstlerin Marie-Luise Dähne soll eine Klammer schaffen.

Die Angst vor dem Teufel muss in Naumburg einst mächtig gewesen sein. In der katholischen Stadtpfarrkirche, bei deren Innenrenovierung mit den Wandmalereien der Berliner Künstlerin Marie-Luise Dähne gerade das Schlusskapitel geschrieben wird, gibt es dafür jedenfalls deutliche Hinweise.

Früher habe man gesagt, dass die Symmetrie die Sache des Leibhaftigen sei, erklärt die Künstlerin amüsiert, während sie im Chorraum des großen Naumburger Gotteshauses steht und Farben anrührt. Deshalb hätten die Baumeister vergangener Jahrhunderte darauf geachtet, dass nicht alles absolut deckungsgleich oder spiegelbildlich errichtet wird. „Aber hier muss die Angst besonders groß gewesen sein, weil hier einiges schon so weit aus der Achse ist, dass es wehtut.“

Um auszugleichen und Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Stilelementen zu schaffen, wurde die 64-Jährige engagiert. Zunächst ging es darum, an der Schildwand des rechten Seitenschiffs die beiden barocken Figuren von Bonifatius und Sturmius mit dem ovalen Dreifaltigkeitsbild durch eine dezente Hintergrundmalerei zu versöhnen.

Aber schon bald war klar, dass nicht nur der barock dominierte Flügel eines Halt gebenden Rahmens bedurfte. Und so stand die an der Berliner Hochschule der Künste in Malerei, Grafik, Bühnenbild und Raum ausgebildete Dähne bald vor der Herausforderung, ein Gesamtkonzept für die Stirnwände der Seitenschiffe und den Chorraum zu schaffen, mit dem Ziel, das auseinanderfallende Sammelsurium von Stilelementen zu fassen.

Dazu zählen vor der linken Wand der aus dem Jahr 1969 stammende Flügelaltar, im Chorraum links der etwa gleichalte Tabernakel und rechts die erst kürzlich dort montierte Madonna aus dem Jahr 1345. Dass drei der Chorfenster mit Gläsern aus dem späten 19. Jahrhundert bestückt sind, ein weiteres mittiges, aber offenbar vor lauter Angst vor dem Satan gänzlich aus der Achse geschobenes gotisches Fenster mit farbintensiver zeitgenössischer Verglasung, all das machte die Aufgabe besonders anspruchsvoll.

Von Dähnes Entwürfen wählte die Kunstkommission des Bistums Fulda jenen aus, der den Arbeitstitel „Das Gewand“ trägt.  Die Idee dazu lieferten die opulenten Faltenwürfe der Heiligen auf dem Flügelaltar, den Glasfenstern von 1896 und der barocken Seite. Das Gewand, der Mantel, erklärt die Künstlerin, stehe für den Schutz. Und die Kirche solle ja auch ein Schutzraum sein.

Seit eineinhalb Wochen nun ist die Berlinerin in Naumburg, um ihre Entwürfe mit spezieller mineralischer Farbe auf die Wände zu bringen. Gut acht Meter hoch ist das fahrbare Gerüst, das die Berlinerin als Arbeitsbühne nutzt. Über die einzelnen Etagen arbeitet sich Marie-Luise Dähne aus der Höhe zu den Objekten, die sie einfangen will. Immer wieder wechselt sie die Perspektive, schiebt sie das Gerüst zur Seite, um die Wirkung des bisher Geschaffenen von unten zu begutachten. Oben auf dem Gerüst sei man zu nahe dran. „Das Bild wächst beim Aufbau der einzelnen Farbflächen“, sagt Dähne. Und: Aus der Sicht des Betrachters im Kirchenraum müsse das Bild fließen, „eine luftige Sphärenhaftigkeit“ entwickeln. „Man darf nicht sehen, dass es in Kapiteln gemalt ist.“

Nach zweiwöchigem Aufenthalt in Naumburg will sie fertig sein und wieder zur Familie nach Berlin zurückkehren. Pfingsten soll die Innenrenovierung der Stadtpfarrkirche abgeschlossen sein. Zur Einweihung, sagt Marie-Luise Dähne, werde sie wiederkommen. Auch, um mit den Gemeindemitgliedern ins Gespräch zu kommen. Dann will sie auch gerne „Sehhilfen geben“, aber sehr behutsam, denn „wenn alles vorgegeben ist, hat es nicht den Zauber und die Magie. Das Erlebnis wird einem dann gestohlen“.

Und bei der Gelegenheit kann sie dann auch erfahren, wie es die Naumburger heute so mit der Angst vor dem Teufel halten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.