„Das ist unter aller Sau“

Niedrige Schweinepreise bedrohen Existenz der Landwirte

Gähnende Leere im Schweinestall: Immer mehr Schweinehalter geben auf, weil sich das Geschäft nicht mehr lohnt.
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Gähnende Leere im Schweinestall: Immer mehr Schweinehalter geben auf, weil sich das Geschäft nicht mehr lohnt.

Die meisten landwirtschaftlichen Betriebe sind seit vielen Generationen in Familienbesitz. Umso schlimmer, dass viele jetzt vor dem Aus stehen, weil der Verkauf von Schweinen kaum noch rentabel ist.

Wolfhager Land - Auch Lars Peter, Landwirt aus Mönchehof, hat den Schweinemast-Betrieb von seinem Vater übernommen. Seit er 16 ist, arbeitet der 50-Jährige dort bereits mit. Einen Teil seiner Mastschweine verkauft er direkt an einen Metzger in Ihringshausen. Der halte die Preise und zahle angemessen weiter, sodass Peter selbst auch noch etwas verdiene. Der Rest wird an den freien Handel vermarktet, das laufe aber ziemlich schlecht.

„Man traut sich gar nicht mehr, Tiere zu halten, weil man Angst hat, dass man sein Geld nicht zurückkriegt“, sagt Peter. „Das ist unter aller Sau.“ Es fehle die Sicherheit, dass die Verbraucher die Qualität des Fleisches, mit allem was dahintersteckt, honorieren. Um nicht nur auf die Schweine angewiesen zu sein, betreibt der Landwirt zudem Ackerbau und baut unter anderem Weizen, Gerste, Mais und Zuckerrüben an.

„Man muss sich breit aufstellen, um nicht so anfällig zu sein, das wäre dramatisch und existenzbedrohend“, sagt Lars Homburg, der auf seinem Hof in Altenstädt neben der Schweinemast auch Ackerbau betreibt. Seit Dezember hält sich der 47-Jährige mit einem anderen Modell über Wasser: Das Lohn-Mast-Modell ist quasi ein „Schweinehotel mit Service“, wie er sagt. Er hält auf seinem Hof für jemand anderes die Tiere.

Johannes Gerhold arbeitet beim Kreisbauernverband, hat aber auch einen eigenen Betrieb mit 800 Mastplätzen. Besser gesagt: Hatte, denn der Agraringenieur hat die Schweinemast inzwischen aufgegeben. „Letztes Jahr ging die Misere los“, sagt er. Die Tiere wurden durch Corona nicht zeitgemäß abgeholt, weil die Schlachthöfe geschlossen waren. Dazu kamen neue und immer höhere Anforderungen, die kaum zu erfüllen seien. Nun soll aus seinen Ställen ein Rinder- oder Pferdepensionsbetrieb werden, wo andere Leute ihre Tiere unterstellen können.

Anders als Peter, der Eintritt zahlen muss, wenn er in den Stall geht, wie er sagt, muss Homburg dank des Lohn-Mast-Modells kein Geld mitbringen. „Das könnte man auf Dauer gar nicht durchhalten“, sagt er. Laut Homburg sei die allgemeine Annahme in der Politik, dass die Landwirte ihren Gürtel eher enger schnallen könnten als andere Wirtschaftsbetriebe, indem sie auf Konsum und Investitionen verzichteten. „Wir Landwirte müssen immer zurückstecken“, sagt er.

Dabei stecken sie in einem Teufelskreis fest: Ohne Investitionen können sie die Anforderungen nicht erfüllen und dürfen dann nicht mehr produzieren. Die Schweinehalter müssen immer mehr Geld investieren und bekommen immer weniger Lohn dafür. „Kauft das, was ihr fordert“, formuliert Gerhold den Aufruf an die Verbraucher. Und da sind sich alle einig: Die Landwirte kommen den Anforderungen gerne nach, wenn sie entsprechend dafür entlohnt werden – aber „die Verbraucher kaufen trotzdem nur billig“, meinen sie.

Das Problem seien die hohen Standards hier in Deutschland. Der größte Schweinefleisch-Produzent in Europa sei Spanien. Dort herrschten deutlich geringere Standards als hier, das Fleisch sei also günstiger. Demnach werde viel importiert und das Fleisch lande verpackt im Supermarkt und locke die Verbraucher mit günstigen Preisen.

Dabei spiele auch das Thema Tierschutz eine große Rolle. Zwar werde hier viel Wert darauf gelegt, in anderen Ländern gelten jedoch andere Regeln. „Wenn’s hier verboten ist, wird’s woanders gemacht. So wird die Situation auch nicht besser“, sagt Peter.

Zwar trage auch die Afrikanische Schweinepest ihren Teil zu der momentanen Misere bei, das Hauptproblem sei jedoch Corona. Der Export nach China, dem Hauptabnehmer für Pfötchen, Öhrchen und all jene Teile vom Schwein, die in Deutschland eher nicht gegessen werden, fiel weg. Dazu kommt, dass die wertvollen Stücke vom Schwein an Gastronomen gehen. Auch das fiel durch Corona fast komplett weg, weil die Restaurants geschlossen hatten. Im Supermarkt wurden die günstigen Stücke vom Schwein gekauft. Der Lebensmittel-Einzelhandel sei der Gewinner der Corona-Krise und die Landwirte hätten die Zeche bezahlt.

(Von Lea-Sophie Mollus)

Der Ärger ist groß bei (hinten von links) Lars Peter, Lars Homburg, (vorne von links) Thomas Fögen, Stefanie Wittich-Vogel und Johannes Gerhold.

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