Dr. Martin Draude liebt Hühner

Lehrer aus Naumburg besitzt über 450 Freilandhennen mit mobilem Stall

Gedränge am Futtereimer: Im mobilen Stall, wo sich die Hennen nur zum Schlafen und Eierlegen aufhalten, scharen sich die zutraulichen Tiere um Martin Draude und fressen ihm sogar aus der Hand.
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Gedränge am Futtereimer: Im mobilen Stall, wo sich die Hennen nur zum Schlafen und Eierlegen aufhalten, scharen sich die zutraulichen Tiere um Martin Draude und fressen ihm sogar aus der Hand.

Ihr moosgrüner Wohnwagen ist für die gackernde Truppe der Mittelpunkt der Welt. Dort wo das kastenförmige Mobil steht, fühlen sich die Hühner von Dr. Martin Draude zuhause.

Naumburg – In dem nagelneuen Gefährt übernachtet der wilde Haufen, tagsüber ist das Federvieh rund um den Wagen auf saftigem Grün unterwegs und lässt es sich gut gehen. Und wenn Habicht oder Fuchs gesichtet werden, geht es im Galopp unter die wuchtige Box, um Schutz zu suchen.

Vor allem aber: Drinnen legen die Hühner ihre Eier, die der junge Nebenerwerbslandwirt gemeinsam mit seiner Frau seit Kurzem unter dem Label Naumburger Landei als regionales Lebensmittel vermarktet.

Draude, Doktor der Naturwissenschaften, ist Lehrer für Mathe und Physik an der Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule in Kassel, auch seine Frau ist im Schuldienst. „Verdient ihr als Lehrer zuwenig, oder habt ihr zu viel Freizeit?“ Mit solchen Frotzeleien sei man anfangs aus dem Freundeskreis öfter hochgenommen worden. Aber darum gehe es ja gar nicht, sagt Draude, der auch gewiss nicht zur Abteilung verträumter Landlust-Romantiker gehört, die sich zum verkopften Akademikerdasein einen Ausgleich im Rustikalen sucht.

Martin Draude ist in Naumburg in einer bäuerlichen Umgebung aufgewachsen. Der Vater war Landwirt und im Nebenerwerb Holzrücker. Von klein auf hat der heute 34-Jährige mit seinen beiden Brüdern die Eltern im Stall und auf dem Feld unterstützt. Und als der Vater vor zehn Jahren völlig überraschend starb, haben die drei Jungs die Landwirtschaft ganz selbstverständlich gemeinsam weitergeführt.

Aufgaben klar verteilt

Der Betrieb wurde neu aufgestellt, im Sinne der nachrückenden Generation umstrukturiert. Die Milchkühe wurden abgeschafft. Hühner und Schweine gab es weiterhin, auch der Ackerbau wurde fortgesetzt. Inzwischen sind die Aufgaben klar verteilt: Die beiden jüngeren Brüder sind für alles zuständig, was mit dem Feld zu tun hat, Martin Draude und seine Frau konzentrieren sich auf die Viehhaltung und das Management. „Das Ganze läuft auf meinen Namen“, sagt Draude.

Um neben dem Lehrer-Beruf die Leidenschaft zur Landwirtschaft ohne Reibungsverluste pflegen zu können, erarbeitete er einen Masterplan für den Hof und den bäuerlichen Betrieb. Zug um Zug wurden in den vergangenen zwei Jahren die Gebäude aus den 50er-Jahren, die einer aufwendigen Sanierung bedurft hätten, abgerissen und durch Neubauten ersetzt. In Kürze werden Martin Draude und seine Frau, die im Januar ihr erstes Kind erwarten, zurück auf den erneuerten Hof ziehen.

Behutsam aufgestockt

20 Schweine stehen noch im Stall für die Selbstversorgung und auch für die große Verwandtschaft, sagt Martin Draude. Im Fokus steht derzeit aber ganz klar das Federvieh. „Für den Eigenbedarf hatten wir schon immer Hühner.“ Der Bereich wurde in den vergangenen Jahren behutsam aufgestockt mit Verkauf ab Hof. „Wir hatten dann 200 Hühner. Und die Leute kamen. Die Eier waren immer weg.“

Grünes Wohnmobil: Vor dem eigenen neuen Hof steht der mobile Stall auf der Wiese. Seit gut einem Monat gehören die Hennen im Freien dazu.

Im Zuge der architektonischen Runderneuerung stand dann irgendwann auch das alte Hühnerhaus auf der Abrissliste. „Das passte einfach nicht mehr ins Bild.“ Dazu kam, dass der Geflügelhof Hable, der über Jahrzehnte von Naumburg aus die Region mit Eiern belieferte, den Betrieb aufgab.

Weide wird geschont

Und so kam Martin Draude auf die Idee mit der Erweiterung, dem Mobilstall und der Freilandhaltung. „Der Vorteil ist: Wenn die Wiese abgefressen ist, hänge ich den Schlepper an und fahre den Stall und die Tiere ein Stück weiter.“ Dadurch werde die Weide geschont, weil sie sich schnell wieder erholen könne. Ein weiterer Vorteil: Durch die regelmäßige Wanderschaft minimiere man auch die Belastung mit Keimen auf der Fläche.

Draude wälzte Prospekte von Mobilställen, informierte sich ausgiebig und entschied sich dann für ein hochmodernes Modell, 13,5 Meter lang und drei Meter breit mit Platz für 450 Hennen, die vor gut fünf Wochen eingezogen sind. Der Wagen ist autark, mit Fotovoltaik auf dem Dach und einem Batteriespeicher.

Die Anlage liefert den Strom für die gesamte Technik des Stalls, den die Hennen nur zum Eierlegen und während der Nachtruhe aufsuchen. Ein Futtersilo ist ebenso drin wie die Wassertechnik für die Tränken, eine Lüftungsautomatik und ein Eiersammelband. Auch das Ausmisten geht automatisch. Bei den täglichen Kontrollgängen müssen nur die Eier von Hand aus der Sammelmaschine entnommen werden.

Um 10 Uhr geht die Klappe des Stalls automatisch auf, eine Stunde nach Sonnenuntergang geht die Klappe wieder zu. „Übers Licht werden die Tiere reingezogen“, sagt Draude. Die Anlage sei sehr pflegeleicht. „Die meiste Arbeit in der Woche stecken wir ins Sortieren und Abpacken der Eier.“ Immerhin gut 400 Stück jeden Tag. Die laufen, ehe sie verkauft werden dürfen, durch die Sortieranlage, werden auf Fehler durchleuchtet und mit dem Erzeugercode und weiteren Infos zur Nachverfolgung gestempelt.

Schlaflose Nächte

Rund 150.000 Euro kostet so ein Stall auf zwei Achsen, der wie auch die übrigen Investitionen in den Hof über das Agrarinvestitionsprogramm der EU gefördert wurde. Trotz Zuschüssen, sagt Draude, sei ihm klar gewesen, dass er ein finanzielles Risiko eingeht. „Ich habe Nächte wach gelegen. Und ich habe mich gefragt, ob wir die Eier auch loswerden.“

Die werden nun im eigenen kleinen Hofladen zum Kauf angeboten, der rund um die Uhr geöffnet ist. Selbstbedienung ist angesagt, Personal gibt es dort keins. „Das läuft auf Vertrauensbasis.“ Das Geld wirft die Kundschaft in einen kleinen, fest verankerten Safe. Inzwischen werden die Landeier auch schon in Märkten in Naumburg und Bad Emstal angeboten.

„Ich werde hiermit nicht reich, das ist klar“, sagt Martin Draude. „Aber ich habe einfach Spaß daran.“ An der Landwirtschaft allgemein und speziell am gackernden Getümmel rund um das moosgrüne Hühnermobil. (Norbert Müller)

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