Nach 63 Jahren lockt der Ruhestand

Familie Thiele sucht für ihr Landhotel „Haus Weinrich“ in Naumburg Nachfolger

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Die Drei an der Zapfsäule: Marita und Eckhardt Thiele mit Tochter Sabine Nasemann hinter dem Tresen des Restaurants. Die Gastgeber im Landhotel Weinrich wollen ihren Betrieb an geeignete Nachfolger verkaufen.

Wie geht es weiter mit dem Landhotel „Haus Weinrich“ in Naumburg? Die jetzigen Besitzer, Familie Thiele, suchen einen Nachfolger. Der muss fleißig sein.

Das „illustrierte Brot“ ist längst Geschichte. Im Haus Weinrich, dem inzwischen ältesten gastronomischen Betrieb Naumburgs, stand die Stulle, belegt mit allen verfügbaren Wurstsorten, Schinken und Käse, garniert mit einer Gurke und flankiert mit einem Löffel Kartoffelsalat, in den frühen Jahren prominent auf der Speisekarte. Gut möglich, dass auch der Familienbetrieb selbst bald Geschichte ist. Marita Thiele und ihr Mann Eckhardt sowie Tochter Sabine Nasemann, die in zweiter beziehungsweise dritter Generation das Haus führen, wollen ihr Landhotel mit Restaurant verkaufen.

„Wir sind nicht mehr die Jüngsten“, sagt die 77-jährige Marita Thiele, Tochter des Gründers Anton Weinrich. Zu stemmen sei der Betrieb nur als Familie, die Generation der Enkel habe aber an einem hauptberuflichen Einstieg in die Gastronomie kein Interesse und sich beruflich anders orientiert.

Man wolle sich rechtzeitig um eine Nachfolge „ganz in unserem Sinne“ kümmern. Das bedeute: Die Käufer sollten Leute vom Fach sein, eine Ausbildung im Bereich der Gastronomie oder Hotellerie haben – so wie sie selbst und auch ihre Tochter. „Am besten“, sagt Marita Thiele, „wäre wieder eine Familie, denn mit Festangestellten ist das finanziell kaum zu stemmen“. Wer glaube, das Dreisternehotel mit den zehn Doppel- und drei Einzelzimmern und der Gastronomie ließe sich „mal so nebenbei“ betreiben, sei jedenfalls auf dem Holzweg. Fleißig müsse man sein und bereit, auch 18 Stunden am Tag zu arbeiten.

Auch für Quereinsteiger sei das Ganze nichts, stimmt Tochter Sabine den Eltern zu. Obwohl das Haus Weinrich, wie Marita Thiele einräumt, ein Quereinsteiger-Projekt war, das am Tag der Eröffnung drohte, zum Fiasko zu werden. Ihr Vater Anton Weinrich hatte gegenüber der evangelischen Kirche in Naumburg einen Malerbetrieb und mit Gastronomie eigentlich nichts am Hut. Aber er besaß ganz offenbar unternehmerischen Mut.

Das erste Haus am Platze: das Haus Weinrich in den späten 1950er-Jahren. Im Obergeschoss wurden die Hotelzimmer eingerichtet, die Gastronomie platzierte man im Erdgeschoss.

Denn als in den frühen 1950er-Jahren der damalige Bürgermeister Heinrich Müller aus Naumburg einen Erholungsort machen wollte, fehlte ein präsentabler Beherbergungsbetrieb. Anfragen des Verwaltungschefs bei den Naumburger Kneipiers brachten keinen Erfolg. Beim Malermeister Weinrich stieß er auf Interesse, zumal, wie sich Tochter Marita erinnert, für den Bau eines Hotels ein Zuschuss von 20 000 Mark winkte, damals eine Menge Geld. Und so entstand in einem ans Wohnhaus angrenzenden Garten das Hotel und Café Weinrich. Mit dem Restaurant und fünf Doppel- sowie zwei Einzelzimmern ging es am 11. November 1956 los. Marita Thiele, damals 14 Jahre alt, erinnert sich noch gut daran, wie die Mutter kurz vor dem Nervenzusammenbruch stand. Die Zimmer waren von einer Jagdgesellschaft aus Altenstädt gebucht, die am Nachmittag anrückte. Aber: „Wir hatten noch kein einziges Bett stehen“, sagt die 77-Jährige, weil der Lastwagen mit dem Mobiliar im dichten Schneetreiben nicht vorankam.

Gegen 18 Uhr kam der Transport, die ganze Sippe packte beim Aufbau mit an und war auch rechtzeitig zum Beginn der Einweihungsfeier um 20 Uhr fertig. Da wartete die nächste Herausforderung: „Mein Vater hat uns ins kalte Wasser geworfen, keiner von uns hatte Erfahrung in der Gastronomie. Und es war unglaublich voll.“ Für den großen Tag hatten die Weinrichs extra geschlachtet. Jedenfalls hat sich der Aufwand gelohnt, „die Eröffnung war ein Riesenerfolg“, so Marita Thiele.

Bald hatte man durch Handelsreisende und Vertreter einen festen Kundenstamm fürs Hotel. Restaurant und Café brummten auch dank der vielen Gäste, die aus dem Kasseler Raum zum Edersee fuhren, aber auch wegen der Familienfeiern, die zunehmend „bei Weinrichs“, wie man sagt, stattfanden. Bei Familienfeiern ist das Haus bis heute eine Institution.

Durch An- und Umbauten wurde das Haus Weinrich immer wieder auf einen modernen Stand gebracht. Marita Thiele, die den Betrieb von den Eltern übernahm und ihr Mann Eckhardt, heute 79 Jahre alt, der bis zur Rente als Banker arbeitete und nach Feierabend im Familienbetrieb hinterm Tresen weiterschaffte, blieb in all den Jahren kaum Freizeit.

Heute werden die Betten vor allem von Monteuren nachgefragt und von Wanderern, die auf dem Habichtswaldsteig unterwegs sind, der direkt am Haus vorbeiführt. „Das läuft richtig gut“, sagt Tochter Sabine Nasemann (53), die älteste der beiden Töchter, die inzwischen die Leitung des Hauses übernommen hat.

Trotz alledem will man sich nun aber vom Betrieb trennen. Leicht fällt es nicht, das merkt man vor allem Marita Thiele an. Sie sagt, man wolle bleiben, bis die passenden Nachfolger gefunden sind. „In der Zwischenzeit machen wir ganz normal weiter.“ An eine Schließung ist nicht gedacht.

Noch stehen also die Chancen gut, dass im Restaurant auf Sonderwunsch auch mal wieder ein „illustriertes Brot“ serviert wird, ehe sich die Thieles verabschieden, um sich verstärkt dem Urenkel zu widmen oder auch selbst mal auf Reisen zu gehen. Bevorzugte Destination: ein kleines Hotel auf Fuerte Ventura. Dort findet man die Ruhe und die Entspannung, die der eigene Betrieb nicht zulässt. „Im Urlaub will ich keinen Rabatz“, sagt Marita Thiele, „da will ich mich verwöhnen lassen“.

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