Ältestes Antiquariat Nordhessens in Altenstädt

Mit 7000 Büchern unter einem Dach

Von Büchern begeistert: Sebastian Eichenberg. Seit 2007 ist er Inhaber des ältesten Antiquariats Nordhessens. Das Geschäft läuft überwiegend übers Internet.
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Von Büchern begeistert: Sebastian Eichenberg. Seit 2007 ist er Inhaber des ältesten Antiquariats Nordhessens. Das Geschäft läuft überwiegend übers Internet.

Sebastian Eichenberg ist mit dem Antiquariat Hamecher von Kassel in den Naumburger Stadtteil Altenstädt umgezogen. Dort bietet er gedruckte Schätze an und spürt besondere Bücher für seine Kundschaft übers Internet auf.

Altenstädt - Keine Büchertürme bis zur Decke, keine vollgestopften Regale, deren Böden sich unter der Last dicker Wälzer durchbiegen. Im Antiquariat Hamecher geht es aufgeräumt zu. Rund 7000 Titel hat Inhaber Sebastian Eichenberg im Angebot. Die lassen sich übersichtlich sortiert in den dafür bestens dimensionierten Räumlichkeiten im Geschäftssitz mitten im Naumburger Stadtteil Altenstädt präsentieren.

Seit Januar 2020 ist Eichenberg mit seinem Bücherschatz im neuen Domizil gegenüber der Dorfkirche an der Heinrich-Schröder-Straße zuhause. Zuvor war Nordhessens ältestes Geschäft für gebrauchte Druckwerke – 1947 vom Literaturwissenschaftler Horst Hamecher zunächst als Leihbücherei gegründet – in Kassel angesiedelt. Eichenberg hatte das Antiquariat 2007 übernommen und dafür sein Studium der Kunstgeschichte geschmissen. Zu groß war die Begeisterung für gebundene Literatur, die durch seine Aushilfsjobs in verschiedenen Kasseler Antiquariaten während des Studiums so richtig entfacht worden war.

Als der junge Liebhaber besonderer Bücher den Laden übernahm, waren rund 65 000 gedruckte Werke im Bestand und die Räumlichkeiten in der Goethestraße tatsächlich vollgestopft bis zur Decke. „Da war enorm viel dabei, was veraltet war“, sagt der 40-Jährige. „Auch im Antiquariat gibt es Bücher, die aus der Mode sind“, sich genauso schlecht verkaufen lassen, wie solche mit Rissen und Feuchtigkeitsrändern. „Heute kann ich eine solche Ruine auch schon mal wegwerfen. Ich habe inzwischen gelernt, mich von kaputten Büchern zu trennen.“

Noch als Student, sagt er, sei ihm beispielsweise eine Shakespeare-Ausgabe aus dem Jahr 1900, die beschädigt war, kostbar gewesen. Als Geschäftsmann müsse er manches anders sehen. Der Zustand sei durch die Verfügbarkeit der Bücher immer wichtiger geworden. Auf der Suche nach einem ganz bestimmten Exemplar finde man im Internet ein deutlich größeres Angebot als früher. „Und für seine Sammlung will man immer das schönste Exemplar haben“, sagt Sebastian Eichenberg. Das versuche er, seinen Kunden auch anbieten zu können.

Über die Jahre hat Eichenberg den Bestand – auch aus Platzgründen – eingedampft, sich verabschiedet von billigen gebrauchten Taschenbüchern und Massenware, die man ebenso gut auf Flohmärkten finden könnte. Das lange gängige Modell, bei Haushaltsauflösungen oder aus Nachlässen komplette Büchersammlungen zu erwerben, sei inzwischen in der Branche eher die Ausnahme. Heute laufe es oft so, dass Kollegen dem Anbieter sagen, wenn er sich 100 Bücher aussuchen dürfe, gebe er 500 Euro, wenn er alle nehmen solle, lediglich 100 Euro. Das habe auch mit dem Preisverfall angesichts des immensen Internetangebots zu tun, bei dem viele private Verkäufer mitmischen. Die Gefahr sei zu groß, dass man am Ende auf der Masse sitzen bleibe. Und die sei sowieso nicht sein Ding.

„Den Schwerpunkt habe ich auf die Buchkunst verlagert“, sagt Eichenberg. Vor allem Pressendrucke haben es ihm angetan. Das sind Bücher, die auf Handpressen in kleiner Auflage hergestellt werden. „Das Buch ist ein Gesamtkunstwerk aus künstlerisch gestaltetem Einband, besonderem Papier und besonderer Typografie.“ Etwa um 1900 sei diese Art der Buchgestaltung aufgekommen. Nicht nur fürs Auge seien die Werke etwas Besonderes, „da geht es auch um das haptische Erlebnis“. Zwischen 100 und 2000 Euro kosten die von der Menge her überschaubaren Exemplare in seinem Angebot. Es gebe aber auch solche Bücher für gut 80 000 Euro, allerdings nicht im Antiquariat Hamecher in Altenstädt.

Schmuck fürs Bücherregal: ein Pressendruck aus dem Jahr 1926 mit kunstvoll gestaltetem Einband.

Aber auf die Pirsch für seine Kunden könne er nach solchen Schätzen gehen, beispielsweise auf Auktionen, die derzeit wegen der Pandemie weltweit nur online laufen. „Das Aufspüren“, sagt Eichenberg, „ist ein besonderes Vergnügen“, was im Übrigen auch für andere Sparten des Buches gelte. Ganz einfache Bücher werden außergewöhnlich und für Sammler interessant, „wenn sie eine spannende Provenienz haben“. Sobald sich darin eine bekannte Persönlichkeit mit einer Anmerkung verewigt habe, werde das Exemplar zum gefragten Objekt.

Aber nicht nur er gehe auf die Suche, um Kundenwünsche zu erfüllen. Die Kunden können jederzeit online in seinem Angebot stöbern. Rund 3000 Bücher seien online gelistet. Seit er von Kassel nach Altenstädt übergesiedelt ist, habe er Bücher in alle Welt geliefert, „aber aus Altenstädt habe ich noch niemandem ein Buch verkauft“. Dabei können Interessierte – immer im Einklang mit den geltenden Corona-Regeln – gerne im Antiquariat vorbeischauen und dabei auch sehen, wie sich die Räumlichkeiten des früheren Dorfladens verändert haben.

Und gerne erzählt er dann auch ausführlich die Geschichte, warum es ihn von Kassel ausgerechnet nach Altenstädt verschlagen hat. Die Kurzfassung: Weil er mit einer Erhöhung der Miete rechnete, habe er nach einer neuen Bleibe für sich und die Bücher gesucht. Gleichzeitig wollten seine Eltern sich von ihrem Haus in Wilhelmshöhe verabschieden. Die beste Freundin der Mutter wohnt in der Nähe der Altenstädter Kirche, berichtete vom zu verkaufenden Haus an der Heinrich-Schröder-Straße mit genug Platz für Sebastian Eichenberg, die Eltern und letztlich weitaus mehr als die aktuell 7000 Bücher. Genau dafür entschied man sich. (Norbert Müller)

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