Herzstillstand im Wald: Airbag stieß ihn zurück ins Leben

Blick vom Hochsitz: Bruno Thiede ist passionierter Jäger. Auf dem Weg ins Revier hörte sein Herz auf zu schlagen. Dass er überlebte, grenzt an ein Wunder. Foto:  Norbert Müller

Naumburg. Manchmal muss erst das Schicksal heftig anklopfen, ehe man den längst gefassten Entschluss, das eigene Leben zu ändern, auch tatsächlich verwirklicht. So wie bei Bruno Thiede, Metzgermeister aus Naumburg.

Zur Jahreswende wird er eine 263 Jahre währende Familientradition beenden, sich aus der Fleischerei zurückziehen, die er seit 36 Jahren in der achten Generation führt. Nein, sagt der 61-Jährige, er spüre keine Wehmut, er freue sich auf den Neujahrstag, der ihm eine bislang nicht bekannte Freiheit verspricht. Frei von Termindruck, dem Takt, den sein Geschäft über so lange Zeit vorgegeben hat. Und damit frei vom Stress, der letztlich wohl zu dem Erlebnis führte, das ihn darin bestärkte auszusteigen.

Thiede erinnert sich noch gut an den entscheidenden Tag. Es ist der 26. April 2013. Der passionierte Jäger ist in seinem Revier im Forst nahe dem Waldhof bei Elbenberg unterwegs. Gemächlich fährt er den Weg entlang, gerade so schnell, dass sein hinter dem Geländewagen laufender Dackel bequem mithalten kann.

Es ist gegen 16 Uhr, als ihm schwindelig wird und er das Bewusstsein verliert. Dass in diesem Moment sein Herz aufhört zu schlagen, dass seine Überlebenschance eigentlich bei Null liegt, weil eine Arterie, die sein Herz mit Blut versorgt, verstopft ist und weit und breit niemand, der ihn wiederbeleben könnte, erfährt er erst viel später. „In dem Moment war es aus, ich war weg“, sagt Thiede heute.

Blockade gelöst

Die Rekonstruktion des Geschehens ergibt, dass Bruno Thiede ohnmächtig zusammensinkend wohl mit dem Fuß noch das Gaspedal erwischt haben muss. Anders lässt sich nicht erklären, dass er am Wegesrand mit seinem Auto eine kleine Böschung hochschießt und gegen einen Baum kracht. Der Airbag im Lenkrad löst aus und schlägt Bruno Thiede mit einer derartigen Wucht gegen die Brust, dass sich die Blockade in der Brust löst und das Herz wieder zu schlagen beginnt.

Thiede kommt in seinem völlig demolierten Fahrzeug wieder zu Bewusstsein, sucht nach seinem Handy, entdeckt es auf dem Weg. Daneben liegt seine Brille. Er schafft es, einen Bekannten zu Hilfe zu rufen. Die nächsten Stationen: Kardiologie, Klinikum Kassel, Operationssaal. Bruno Thiede erhält zwei Bypässe.

„Heute fühle ich mich topfit“, sagt der längst Genesene. Die behandelnden Ärzte, erinnert sich Thiede, hätten ihm erklärt, dass er ohne den Aufprall nicht überlebt hätte. Der Naumburger Geschäftsmann ist überzeugt, dass ihm letztlich beruflicher Stress den Herzstillstand bescherte. „Es war dann wirklich der Anstoß zu sagen, es reicht.“ Also machte er sich intensiv auf die Suche nach einem Nachfolger, einem Käufer für das Geschäftshaus und den Betrieb an der Unteren Straße.

Gut zwei Jahre später hat es Bruno Thiede geschafft. Ab Januar, sagt er zufrieden, könne er endlich auch mal an Werktagen ausschlafen. In den 46 Jahren, die er nun schon im Beruf ist, sei um 5 Uhr Arbeitsbeginn gewesen. Seine Frau Ilona, die im Laden die Kunden bedient, und er haben 30 Jahre keinen Urlaub gemacht. Das soll sich ändern. „Vielleicht machen wir mal eine Schiffsreise auf der Donau.“

Am meisten freut sich Bruno Thiede darüber, dass er als Privatier alle Zeit der Welt hat, um auf die Jagd zu gehen. Vorzugsweise im Revier, wo das Schicksal so heftig bei ihm anklopfte.

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