Dem Herbizid trotzen

Interview mit Landwirt zu Glyphosat: „Bio-Landbau ist machbarer Weg“

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Seit bald 40 Jahren überzeugter Bio-Landwirt: Joachim Löber hält den Einsatz von Glyphosat für einen Frevel. Auch ist er der Auffassung, dass der Weg hin zum Bio-Landbau keinesfalls ein existenzgefährdendes Wagnis ist.

Kreis Kassel/Naumburg. Glyphosat steht für industrialisierte Landwirtschaft, der sich Landwirte scheinbar kaum entziehen können. Doch ist das wirklich so? Ein Interview mit einem Bio-Bauern.

Das Totalherbizid gilt als wahrscheinlich krebserregend und ist als Artenkiller in der Agrarlandschaft. Es darf für weitere fünf Jahre in der EU-Landwirtschaft eingesetzt werden. Der Bio-Bauer Joachim Löber äußert sich zu Glyphosat. 

Herr Löber, im Landkreis wächst die Zahl der Bauern, die dem Glyphosat den Rücken kehren und auf Bio-Landbau umsatteln. Allerdings sagen der Kreisbauernverband sowie der Nabu, für Landwirte sei es sehr schwer aus dem konventionellen Agrarbetrieb herauszukommen. Stimmt das?

Joachim Löber: Als ich 1980 meinen 70-Hektar-Betrieb auf Bio umgestellt habe, gab es kaum Hilfen oder Wissen darüber, wie es richtig geht. Damals habe ich viele Fehler gemacht. Heute ist das anders. Das Know-how ist da, und das Land stellt Fördermittel bereit. Zudem geben Bio-Landbauverbände, der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen und die Forschung an den Unis wertvolle Hilfen.

Es heißt, man brauche einen langen Atem und vor allem sehr viel Geld, um solch eine Umstellung hinzubekommen.

Löber: Das stimmt so nicht. Eine Umstellung gelingt mittlerweile binnen zweier Jahre. Und selbst die lässt sich wirtschaftlich gestalten. Denn auch die während der Umstellung erzeugte Ware lässt sich inzwischen gut als Bio-Umstellungsware verkaufen.

Stimmt es, dass sich Bio-Bauern erst eigene Märkte erschließen müssen?

Löber: Nein. Der Bio-Markt boomt. In Hessen ist die Nachfrage nach Bio-Produkten längst höher als vor Ort regional produziert werden kann – vor allem Gemüse. Und adäquate Vermarktungsstrukturen gibt es auch oder sie sind in der Entwicklung – wie die Versorgung von Gastronomie oder Großküchen. Auch die großen Supermarktketten lernen langsam, die Etiketten Bio und Regional als verkaufsfördernd schätzen. Ich zum Beispiel liefere schon seit Jahren Teile meines Getreides an die Herzberger-Bio-Bäckerei in Fulda, die Tegut beliefert.

Was hat Sie damals bewogen, auf Bio umzusteigen?

Löber: Glyphosat war 1980 noch nicht in Mode, das Spritzen von Gift aber schon. Ich halte nichts davon, unsere Lebensmittel wie auch die Natur, die uns ernährt, mit Gift zu zerstören.

Halten Sie die Glyphosat-Debatte für übertrieben?

Löber: Nein. Glyphosat ist ein Frevel. Es ist einfach nur billig und bequem. Es hilft den Bauern mit extrem wenig Aufwand preiswert zu produzieren. So gesehen ist Glyphosat das perfekte ökonomische Mittel. Aber es wirkt sich eben auch katastrophal auf die Natur aus – erst auf die Bodenlebewesen, dann auf das ganze Ökosystem. Ich erinnere nur an das allgegenwärtige Insektensterben.

Der Nabu und selbst der Kreisbauernverband erkennen inzwischen einen Zusammenhang zwischen konventionellem Ackerbau und weltweiten Produktions- und Vermarktungsverflechtungen, auf die Nahrungsmittel- und Agrarkonzerne ebenso Einfluss nehmen wie die EU mit ihren Auflagen und Richtlinien.

Löber: Ja, das ist richtig. Und diese Entwicklung wird sich noch verschärfen. Vor allem die Nahrungsmittel- und Agrarkonzerne werden global immer mehr steuern, wie produziert wird und was auf unsere Teller kommt. Die Autonomie der Landwirte und der Konsumenten steht auf dem Spiel, weil Abhängigkeiten geschaffen werden – mit genmanipulierten Pflanzen ebenso wie mit Saatgutpatenten. Ersteres ist in Deutschland noch nicht erlaubt, die Patentierung aber schon. Die Gefahr besteht, dass Bauern in immer größere wirtschaftliche Abhängigkeit von Saatgut- und Chemiekonzernen geraten.

Wie groß sehen Sie die Chance, dass es zu einem Wandel in der Landwirtschaft kommt?

Löber: Das ist ein langer, aber möglicher Prozess. Denn grundsätzlich sind ökologische wie ökonomische Interessen in der Landwirtschaft unter einen Hut zu kriegen. Bio-Landbau ist also machbar. Wichtig sind dabei die Verbraucher, die mit ihren Kaufentscheidungen darüber bestimmen, wie auf unseren Feldern produziert wird. Aber der Appell geht auch an die Landeigentümer: Sie sollen darauf Einfluss nehmen, welche Art von Landwirtschaft auf ihren Feldern praktiziert wird. Denn sicher ist: Die intensive Landwirtschaft wird so nicht weitergehen können, wenn wir schwere Schäden an der Umwelt vermeiden wollen.

Bio-Landwirt Joachim Löber

Joachim Löber (64) ist im Naumburger Ortsteil Altenstädt geboren und aufgewachsen. Der gelernte Landwirtschaftsmeister sattelte 1980 auf den ökologischen Landbau um. In der wenigen Freizeit, die er hat, wandert er gern und schwingt sich auf den Sattel seines Fahrrads. Er ist seit 39 Jahren verheiratet, mit seiner Frau hat er drei Kinder. 

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