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Keine Party zum närrischen Geburtstag der Naumburger Karnevalsgesellschaft

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Von: Norbert Müller

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Gedränge vor dem Hessischen Hof: Gerade passiert der Wagen mit Prinz Merten II. am Rosenmontag 1956 das Gasthaus, in dem 1934 die Naumburger Karnevalsgesellschaft gegründet worden war. Repros: Norbert Müller
Gedränge vor dem Hessischen Hof: Gerade passiert der Wagen mit Prinz Merten II. am Rosenmontag 1956 das Gasthaus, in dem 1934 die Naumburger Karnevalsgesellschaft gegründet worden war. Repros: Norbert Müller © privat

Was hatten sich die Naumburger Narren auf diesen Rosenmontag gefreut: 88 Jahre nach Gründung der Naumburger Karnevalsgesellschaft (NKG) hätte es ein besonderer werden sollen, stehen doch die Schnapszahlen bei den Jecken ganz hoch im Kurs.

Naumburg - Aber pandemiebedingt fiel auch die aktuelle Session mehr oder weniger ins Wasser. Keine großen Fremdensitzungen mit Tanz, Sketchen und Büttenreden, kein bunter Umzug. Aber an die lange Zeit ihres Bestehens hat die NKG dann doch erinnert, hat wieder ihre von den Naumburgern jedes Jahr mit Spannung erwartete Karnevalszeitung, das „Numburger Sichedibben“ herausgebracht, in dem auf einem Zeitstrahl die vergangenen „8 x 11 Jahre“ abgebildet sind.

Mit Hahl-dunne-Schriftzug im Nacken: Naumburgs erster Narren-Regent, Prinz Heinrich I., mit seinem Gefolge. Er regierte 1935 und 1936.
Mit Hahl-dunne-Schriftzug im Nacken: Naumburgs erster Narren-Regent, Prinz Heinrich I., mit seinem Gefolge. Er regierte 1935 und 1936. © privat

Da wird an die 13 närrischen Männer erinnert, die am 21. Februar 1934 im Hessischen Hof die Karnevalsgesellschaft gründeten. Kostümfeste und Maskenbälle gab es in der Stadt auch schon lange vor der Gründungsversammlung an jenem Freitagabend im angesagtesten Gasthaus. Weil den Naumburgern also das närrische Treiben in den Tagen vor dem Aschermittwoch nicht fremd war, hatte die neue Karnevalsgesellschaft auch keine Startschwierigkeiten.

Mit dem Bahnhofsvorsteher Heinrich Müller wurde der erste Prinz inthronisiert, der zwei Jahre in Amt und Würden blieb. Erst das Corona-Prinzenpaar sollte ihn da übertreffen: Prinz Hermann und Prinzessin Ulrike machen aktuell die dritte Schicht.

So fing es an: ein Foto des Prinzenwagens beim ersten Rosenmontagsumzug. Schnell mauserte sich Naumburg zur nordhessischen Karnevalshochburg.
So fing es an: ein Foto des Prinzenwagens beim ersten Rosenmontagsumzug. Schnell mauserte sich Naumburg zur nordhessischen Karnevalshochburg. © privat

Auch eine Bürgergarde stand dem ersten Prinzen bereits zur Seite: Sie wurde von der Feuerwehr gestellt. Zwei Jahre später mischten auch die Damen in Uniform mit: Die Prinzengarde ging an den Start. Die junge NKG etablierte auch den organisierten närrisch-bunten Umzug am Rosenmontag. Der erste Zug rollte in der Session 1934/1935 durch die Straßen. Noch mehr Ideen wurden verwirklicht, die bis heute zum Naumburger Karneval gehören: Damals wurde der Schlachtruf „Hahl dunne“, was soviel heißt wie „halte fest“, eingeführt. Den soll das Gründungsmitglied Henner Dux vorgeschlagen haben, der die beiden Worte später auch in seinen Grabstein hat meißeln lassen.

Die erste Fremdensitzung ging am 11. November 1935, über die Bühne des Hessischen Hofes. Da wurde auch schon das „Numburger Karnevalslied“ gesungen. Den Text dichtete NKG-Präsident Franz Kramer, vertont hat ihn dessen Bruder Ernst. Bis heute singen es die Naumburger mit Inbrunst – und am liebsten zu den Klängen der Stadtkapelle.

Mit Pferdefuhrwerk durch die Straßen der Stadt: Das Foto aus dem Jahr 1938 zeigt den Wagen mit Prinz Ernst I. (Schmandt) während des Rosenmontagsumzugs.
Mit Pferdefuhrwerk durch die Straßen der Stadt: Das Foto aus dem Jahr 1938 zeigt den Wagen mit Prinz Ernst I. (Schmandt) während des Rosenmontagsumzugs. © privat

Unter den Fittichen der NKG entwickelte sich der Karneval schon in den ersten Jahren prächtig. „Die karnevalistischen Veranstaltungen waren so beliebt, dass auch die örtlichen Lokale dem Ansturm der Narren kaum standhalten konnten“, berichtet die aktuelle Ausgabe des Sichedibbens. Das Narrenblatt erschien übrigens 1939 zum ersten Mal. Und bald darauf lag der Karneval auf Eis. Während des Krieges war es erst mal vorbei mit dem närrischen Vergnügen.

Gruppenbild in Uniform: Prinzengarde (Damen) und Bürgergarde (Herren) Ende der 50er-Jahre.
Gruppenbild in Uniform: Prinzengarde (Damen) und Bürgergarde (Herren) Ende der 50er-Jahre. © privat

Erst 1949 setzten die Naumburger ihre Narrenkappen wieder auf. Die NKG, weiterhin unter der Regie ihres Gründungspräsidenten Franz Kramer, veranstaltete einen Kostümball und einen Umzug der Kinder am Rosenmontag. Dann ging es rasant bergauf. Schon die erste Fremdensitzung – ein Jahr später – wurde in der Stadthalle im Burghain veranstaltet, um die große Narrenschar unterbringen zu können. Der Leiter des Forstamtes, Friedrich von Trott zu Solz bestieg als Boppi I. den Narrenthron. Wie seine Vorgänger war er als Regent ein Solist. Erst neun Jahre später hat die einsame Herrschaft der Prinzen ein Ende, und eine Prinzessin wird erstmals inthronisiert.

Mit zwei PS unterwegs: Der Elferrat, das Leitungsgremium der NKG, ließ sich kutschieren.
Mit zwei PS unterwegs: Der Elferrat, das Leitungsgremium der NKG, ließ sich kutschieren. © privat

In den Folgejahren war der Karneval nicht zu bremsen. Weder durch Schneemassen, die 1968 und 1969 den Umzug fast verhindert hatten, aber noch rechtzeitig durch Räumkommandos der Jecken beseitigt wurden, noch durch einen Eisregen am Rosenmontag 1987. Der Golfkrieg verpasste der Session 90/91 einen Dämpfer. Aber erst das Coronavirus legte den Betrieb lahm und verhinderte zum Jubiläum besondere Aktivitäten.

„Das sind ganz schlechte Zeiten für ein Jubiläum“, bringt es dann auch NKG-Präsident René Kröninger auf den Punkt. Aber das Jubiläumsjahr dauere ja noch bis zum 21. Februar 2023. Da wäre ja durchaus noch Zeit für Überraschungen. Norbert Müller

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