Entschleunigung auf zwei Rädern

Mann aus Bründersen sammelt leidenschaftlich Mopeds - Mittlerweile über 100 Zweiräder

Mittendrin: Andreas Weymann hat in der Scheune hinter seinem Haus einen Teil seiner Sammlung geparkt. Insgesamt hat er weit über 100 Zweiräder mit Zweitakt-Antrieb.
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Mittendrin: Andreas Weymann hat in der Scheune hinter seinem Haus einen Teil seiner Sammlung geparkt. Insgesamt hat er weit über 100 Zweiräder mit Zweitakt-Antrieb.

Andreas Weymann aus Bründersen entdeckte seine Leidenschaft für Zweiräder wieder. Eine ganze Scheune ist voll mit seinen Schätzen.

Naumburg/Bründersen – Sie sind selten geworden auf den Straßen: Die knatternden Zweitakter mit ihrem charakteristischen blechernen Klang, diesem Räng-Dängdäng, der auch den Trabi auszeichnet. Andreas Weymann hat vor gut vier Jahren die Leidenschaft für Mofas und Mopeds mit Zweitakt-Motor entdeckt. Oder besser: wiederentdeckt.

Denn als Jungspund hatte der heute 56-Jährige ein Hercules Mokick mit entsprechender Klangcharakteristik und oft blaugrauer Fahne aus dem schmalen Auspuffrohr. Diese Hercules Supra 4GP brachte es mit 49 Kubikzentimetern Hubraum und 2,9 Pferdestärken auf 40 km/h. 

„Wir sind die Generation, die mit Mofa und Moped aufgewachsen sind“, sagt der gebürtige Sander, der heute in Bründersen lebt und in Naumburg als Geschäftsmann zuhause ist. „Als Landei“, ergänzt er, versprachen die leichten flotten Flitzer eine Mobilität, von der gleichaltrige Radfahrer nur träumen konnten. Und deutlich bessere Chancen bei den Mädchen, sagt Weymann, hatte man obendrein.

Aber mit der Volljährigkeit war dann die Begeisterung für die Zweitakter bald verflogen. Auch für das Topmodel, die Hercules Ultra 1, genannt „die Rote“, von der Weymann in seinen Jugendjahren träumte, die er aber nie bekam. „Die kostete damals gut 3700 DM, das war ein stolzer Preis“, nennt er den Grund, warum es seinerzeit bei dem Traum blieb. Nachdem der „große“ Führerschein bestanden war, interessierte sich der gelernte Elektriker für die „richtigen“ Motorräder und vor allem für Autos.

Objekt der Begierde: Als Jugendlicher träumte Andreas Weymann von einem Sondermodell der Hercules Ultra namens „Die Rote“. Heute besitzt er mehrer davon.

Weymann seit 20 Jahren Ersatzteilhändler für bestimmtes Automodell

Mit Autos verdient er auch bis heute sein Geld. Vor gut 20 Jahren stieß er in eine Marktlücke und spezialisierte sich auf den Renault Espace, einen Großraum-Van, der von seinen Besitzern wegen seiner Vielseitigkeit geliebt wird, obwohl er technisch nicht gerade zu den Zuverlässigsten zählt. Vor allem für die älteren Modelle bietet Andreas Weymann Ersatzteile aller Art an und dazu auch gleich die Einbauten in der eigenen Werkstatt.

Nebenbei hat er das eine oder andere Auto gesammelt, das heute als Youngtimer auf bestem Weg zum Klassiker ist. Aber mit den automobilen Schätzchen ist es so eine Sache. Irgendwann werden die Unterstellmöglichkeiten knapp. So war es auch bei Andreas Weymann. Dann galt es, die Sammelleidenschaft zu zügeln. Die bekam neuen Aufschwung, als ihm ein alter Naumburger eine gut erhaltene Hercules MK2 anbot. Die hatte die selben Leistungsdaten wie sein erstes Moped.

„Du setzt dich drauf und bist wieder 17“, erinnert sich Weymann an den Moment, als er die Hercules testete. Und plötzlich war es wieder da, das Feuer und die Begeisterung für die Zweiräder aus der Jugendzeit. Mofas, Mopeds, Mockicks – Andreas Weymann hatte schnell eine üppige Kollektion beisammen – Inzwischen deutlich über 100 Zweiräder.

Beim Blick auf die Maschinen in seiner Scheune sagt er grinsend: „Das ist alles Geld, das ich sonst verqualmt hätte.“ Seit einem Infarkt hat der einst starke Raucher den Tabak aufgegeben. Das Einzige, was jetzt noch qualmt und mit Genuss verbunden ist, sind seine Zweitaktmotoren. 15 seiner Schätze hat er angemeldet, die kann er jederzeit fahren. Und das macht er gern mal nach Feierabend oder am Wochenende. 

Auf Mofas entschleunigt unterwegs

„Dir tut nichts weh, und du bist entschleunigt unterwegs“, beschreibt er das Fahrgefühl. Mit Kumpels wird jedes Jahr am 1. Mai eine Ausfahrt auf Mofas unternommen. Maximal 20 km/h bringen die motorisierten Fahrräder – und eine Menge Spaß. Im Urlaub fährt Weymann gerne Moped-Marathons. Im Schwarzwald beispielsweise oder in Sölden in Tirol. „Da geht es richtig hoch und runter.“ 5000 Höhenmeter und Strecken an die 240 Kilometer seien da üblich. Bei diesen Gelegenheiten trifft sich die Moped-Szene aus ganz Europa. Und die boome seit einigen Jahren gewaltig.

Modell mit Geschichte: In Weymanns Fuhrpark befindet sich auch eine DKW RT 175 aus dem Jahr 1953 mit leichter Patina, aber technisch in hervorragendem Zustand.

Im vergangenen Jahr hat sich Weymann auf ein neues Terrain gewagt. Er fuhr beim Flugplatzrennen in Calden mit. „Da bin ich meine schönste und wertvollste Hercules gefahren.“ Eine Ultra, „die Rote“, das Traumzweirad aus seiner Jugend, von der er mittlerweile sechs Exemplare besitzt. Die Ausfahrt mit dem Kult-Bike „im Kartonzustand“ endete für Weymann auf der Intensivstation des Kasseler Klinikums. Bei Tempo 80 hat ihn ein anderer Hobbyfahrer in einer Schikane überholt und dabei „abgeschossen“, wie Weymann sagt.

Seitdem hält sich der Moped-Messi, wie sich der 56-Jährige selbst bezeichnet, konsequent an die Vorzüge der Entschleunigung, genießt die Ausfahrten durch reizvolle Landschaften, den Duft der Natur und das Aroma des Öl-Benzin-Gemisch verbrennenden Zweitaktmotors. Und mit dem typischen Räng-Dängdäng als Begleitmusik freut sich Andreas Weymann über das Geschenk, das ihm seine Schätzchen: „Sie geben dir deine Jugend zurück.“

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