Wohnung voller Müll und Fäkalien

Mann lebte mit 18 Katzen ohne Wasser und Strom in Naumburger Wohnung

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Kaum Platz zum Schlafen: Auf dem Bett des Mieters sitzt eine Katze, die Wände sind voller Fliegen. Für die Katzen als reinliche Tiere soll der Aufenthalt in der Wohnung nach Einschätzung der Veterinäre die Hölle gewesen sein.

Naumburg. Als die Mitarbeiter des Veterinäramtes die Wohnung in Naumburg betraten, stockte ihnen der Atem. In einem stinkenden Chaos lebte ein alleinstehender Mann, wie sich später herausstellte, seit gut drei Jahren ohne Wasser und Strom, dafür aber inzwischen mit 18 Katzen.

Und genau diese Tiere galt es nun, aus der Wohnung herauszuholen und in die Obhut eines Tierheims zu geben, damit sie in eine artgerechte Haltung vermittelt werden konnten.

Von der Polizei hatte der Fachbereich Veterinärwesen und Verbraucherschutz des Landkreises Kassel den Hinweis bekommen. Die Beamten hatten in dem Haus mit mehren Wohneinheiten in einer anderen Sache zu tun, witterten im Treppenhaus bereits, dass in einer der Wohnungen eine nicht artgerechte Tierhaltung existieren könnte und informierten das Wolfhager Amt. „Und schon waren wir dabei“, sagt Dr. Sabine Kneißl.

Kaum zu fassen: Drei der insgesamt 18 Katzen zwischen Bergen von Müll und Exkrementen. Beim Versuch, die Katzen zu schnappen, verschwanden sie blitzschnell in den Haufen von Unrat. Erst mithilfe von Lebendfallen konnten alle Tiere gefangen werden. 

„Es war erst mal problematisch, denn wir kamen nicht rein ins Haus“, berichtet Kneißls Kollegin Dr. Anke Reisse. Dass der Bewohner ohne Strom lebte und deshalb auch die Klingel nicht funktionierte, war da noch nicht bekannt. Also versuchte man immer wieder und auf verschiedenen Wegen Kontakt aufzunehmen, auch über den nicht im Ort wohnenden Vermieter. Man hinterließ Zettel am Eingang und hatte schließlich Erfolg. „Nach ein paar Tagen kam es zum Kontakt. Der Mann hat eingeräumt, dass er Hilfe braucht“, so Anke Reisse.

Wie nötig die Hilfe tatsächlich war, stellte sich aber erst heraus, als man in die Wohnung durfte. „Da war schnell klar, das hier ist keine Ein-Mann-Aktion.“ In den Räumen türmte sich der Müll, Wannen voller menschlicher und tierischer Exkremente standen überall herum, die Luft war voller Fliegen und kaum zum Atmen.

Fangversuche zwischen Unrat

Zwischen all dem: Der Mann, ein Mittvierziger, dem sein Leben offensichtlich völlig entglitten war und jede Menge Katzen, die sich den Fangversuchen der ihnen unbekannten Besucher in der Schutzmontur und mit den Atemschutzmasken im Gesicht entzogen und im Gebirge aus Unrat untertauchten.

Er habe mit einem Katzenpärchen angefangen, gab der Mieter gegenüber den Helfern an, sagt Veterinärin Reisse. Über die Monate und Jahre kam der Katzennachwuchs. Die Tiere blieben immer in der Wohnung.

Man benötigte Unterstützung. Für den Mann wurde der sozialpsychologische Dienst des Kreises hinzugezogen, für die Katzen holte man sich Hilfe, die sich schon in früheren Fällen bestens bewährt hatte: Mitarbeiter der Arche KaNaum aus Bad Arolsen, die, anders als das Veterinäramt, auch über hier dringend benötigte Lebendfallen verfügen.

So schafften drei Mitarbeiter des Amtes und drei Mitarbeiter der Tierhilfe an diesem brütend heißen Augusttag des vergangenen Jahres, acht Katzen zu fangen. Mit Zustimmung des Mieters wurden Lebendfallen aufgestellt und täglich zwei Mal kontrolliert. Im November waren sich Amt und Arche sicher, alle Katzen geschnappt zu haben: Insgesamt waren es 18 Tiere – von Würmern, Flöhen und Milben befallen, unterernährt und ausgetrocknet. Sie wurden in der Arolser Arche behutsam aufgepäppelt und in gute Hände vermittelt. Als Letzter bekam Kater Carlo vor wenigen Tagen ein neues Zuhause in Köln.

Der Fall, sagt Veterinäramtsleiterin Kneißl sei nun abgeschlossen, deswegen könne man auch über diesen einen von vielen Fällen, mit denen sich ihr Amt beschäftigen muss, informieren. „Oft genug gibt es in solchen Fällen noch juristische Auseinandersetzungen.“ Warum die anderen Hausbewohner über die lange Zeit auf den Gestank nicht reagierten, darauf habe sie keine Antwort. Auch nicht, ob der Unrat inzwischen aus der Wohnung entfernt wurde. Kneißl: „Unser Part ist das nicht.“

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