Geschichtsverein ist auf Hilfe von Hausbesitzern angewiesen

Michael Loskant erforscht mittelalterliche Gewölbekeller von Naumburg

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Kleines Hilfsmittel: Mit einem Laser misst Michael Loskant den Gewölbekeller aus.

Wer in Naumburgs frühe Geschichte einsteigen will, muss in die Unterwelt. Über ausgetretene Treppen hinab in Räume, die kein Tageslicht kennen.

Tonnengewölbe aus Sandstein, die es schon vor dem großen Brand im Jahr 1684 gab, dessen Flammen alle Häuser zu Asche werden ließen. Hier, in den mittelalterlichen Kellern, gibt es noch viel zu erforschen und zu entdecken. Und weil schon so manches Gewölbe, das Brand und Kriege überlebte, in jüngster Vergangenheit beim Abriss des beschirmenden Hauses ausradiert wurde, sollte man nicht länger zögern, befand Michael Loskant, und die Katakomben der Altstadt aufsuchen und sie dokumentieren.

Und so taucht der gerade zum stellvertretenden Vorsitzenden des Naumburger Geschichtsvereins gewählte 66-Jährige seit gut zwei Wochen ein ums andere Mal ab und erlebt dabei seine Heimatstadt aus einer ganz raren Perspektive. Ein Dutzend Keller hat Loskant inzwischen aufgesucht, begleitet von den Hauseigentümern, die ihm nicht nur gern Tür und Tor öffneten, sondern auch so manche Geschichte rund um den Keller, das darüber stehende Haus und auch die früheren Bewohner erzählten.

Kann stehen bleiben: Ob ein Keller aufgeräumt ist oder nicht, spielt für die Dokumentation keine Rolle.

So wie Rolf Jacobi. Dass das Gewölbe unter seinem Domizil an der Dielenhennstraße während des Zweiten Weltkrieges als Luftschutzbunker diente, weil es zwei Ausgänge hatte, wissen nicht mehr viele. Während Jacobi davon erzählt, wie einst die Bierkutscher ihre Fässer in den Keller des Hauses schafften, das als Gaststätte Zum Kurfürsten bekannt war, geht Michael Loskant seiner Arbeit nach. Zur Ausrüstung gehört eine akku- betriebene Bauleuchte, eine Kamera, ein Notizbuch und ein kleines Laser-Messgerät. Mit ihm erfasst der im vergangenen Jahr pensionierte Lehrer auf Knopfdruck Höhe, Breite und Tiefe des Raums. Und dabei hat er unter anderem festgestellt, dass die Keller immer zwischen sieben und acht Meter lang sind und manche bis unter die Straße, den Marktplatz oder ein angrenzendes Gebäude ragen.

Mit der Kamera hält er nicht nur den Raum als Ganzes fest, vor allem auch Besonderheiten und Details sind von Interesse. „Es gibt auffallend viele schön gearbeitete Rundbögen zu sehen“, erzählt Loskant. Ein Zeichen der Wertschätzung für den Raum, der seinen Besitzern doch so wichtig war. In den Gewölbekellern herrscht übers Jahr eine gleichbleibende niedrige Temperatur, eine konstante Luftfeuchtigkeit. In den vergangenen Jahrhunderten waren sie eine frühe, einfache Art Kühlschrank. Was auch Generationen von Kneipiers im Kurfürsten zu nutzen wussten. Rolf Jacobi, der heutige Besitzer, erzählt seinem Besucher noch von zwei weiteren Gewölbekellern auf seinem Grundstück, der eine vermauert, der andere verfüllt, nachdem das Gebäude über ihm vor Jahrzehnten abgerissen worden war.

Heute, schätzt Michael Loskant, befinden sich unter der Naumburger Altstadt wohl noch 50 bis 60 Gewölbekeller. Er hofft, dass er bis zum Jahresende alle besucht haben wird. Ob es ihm gelingt, hängt entscheidend von den Hausbesitzern ab. „Bislang waren die Leute alle sehr aufgeschlossen, die kannte ich aber auch persönlich. Bei den Eigentümern, die auswärts wohnen, wird es wohl schwieriger.“

Aber er ist überzeugt, dass es gelingen wird und das Kataster der alten Naumburger Gewölbekeller, das auf eine gut 25 Jahre alte Idee aus dem Geschichtsverein zurückgeht, zustande kommen wird. „Ich erstelle jetzt erst mal das Rohmaterial“, sagt Loskant, und das gelte es dann mit Unterstützung von Fachleuten zu interpretieren. Möglicherweise kommt am Ende ein weiteres Buch des Geschichtsvereins heraus. Loskant hofft aber auch noch auf ein anderes Ergebnis der Aktion: „Vielleicht kann man die Leute sensibilisieren und ihnen deutlich machen, was sie für ein tolles Bauwerk haben.“ Vielleicht, sagt er, trage das Ganze auch dazu bei, dass man beim Abriss eines Hauses künftig den Gewölbekeller nicht mehr zerstört, sondern als Denkmal bewahrt.

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