Gemeinsam mit Tochter und Enkeln

Nachkommen von Naumburger Juden besuchten Heimatstadt ihrer Vorfahren

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Blick in die Vergangenheit: Im Naumburger Heimatmuseum von Rudolf Jacobi sahen sich die Besucher altes Handwerk an. Von links: Ben Feldman, Heinz Ewald, Alex Feldman, Heidi Feldman und Joan Kander Struck.

Die Großeltern von Joan Kander Struck, die in Naumburg zuhause waren, wurden von den Nationalsozialisten umgebracht. Mit Tochter und Enkeln war die 69-Jährige nun auf Spurensuche.

Hier die Küche, dort die gute Stube. Joan Kander Struck beschreibt gestenreich die Raumaufteilung des Hauses, in dem einst ihre Großeltern lebten, ihr Vater Ernst Ludwig und dessen Bruder Rolf aufwuchsen. Das schmucke Fachwerkgebäude an der Unteren Straße in Naumburg war bis 1929, als die Kanters nach Kassel zogen, Lebensmittelpunkt der Familie. 

Am Mittwoch besuchte Joan Kander Struck mit ihrer ältesten Tochter Heidi Feldman und deren Söhnen Alex und Ben das Haus, das viel von seiner Ursprünglichkeit bewahrt hat.

Und so gelingt ein stückweit das Eintauchen in die Geschichte, der Versuch, den Wurzeln der Familie nachzuspüren. Die quirlige 69-Jährige, die mit Tochter und Enkelsöhnen aus Südafrika angereist ist, um sich auf die Spuren der Vorfahren zu begeben, erzählt von ihren Großeltern, die sie nie kennengelernt hat.

Adolph Kanter, der Opa, war Viehhändler, ein Preuße durch und durch, wie die Enkelin erzählt, als Offizier im Ersten Weltkrieg und stolz auf sein Eisernes Kreuz erster Klasse. Der Jude, der sein deutsches Vaterland so liebte, wurde im Dezember 1938 im KZ Buchenwald erschlagen. Die Großmutter Johanna, erzählt Joan Kander Struck, wurde 1941 nach Riga deportiert und dort im Lager umgebracht.

Die beiden Söhne überlebten. Strucks Vater Ernst Ludwig wanderte 1934 nach Südafrika aus, arbeitete zunächst bei einem Onkel, einem Holzhändler, später machte er sich als Unternehmensberater selbstständig. Ein einziges Mal, im Mai 1985, besuchte er danach Naumburg. 

Seinen Bruder Rolf, der nach der Machtergreifung der Nazis nach Palästina übersiedelte, zog es nach dem Krieg immer wieder zurück in seine alte Heimat Naumburg, in der er nach eigenem Bekunden eine so glückliche Kindheit verbracht hatte.

Joan Kander Struck, Mutter von sechs Töchtern, Oma von 20 Enkeln und inzwischen auch Urgroßmutter, reiste erstmals 2002 nach Naumburg, jetzt wieder, und in drei oder vier Jahren will sie erneut kommen mit anderen Enkeln: „Es ist wichtig für die Enkel zu sehen, wo sie herkommen, wo íhre Wurzeln sind.“ Naumburg. Die Großeltern von Joan Kander Struck , die in Naumburg zuhause waren, wurden von den Nationalsozialisten umgebracht. Mit Tochter und Enkeln war die 69-Jährige nun auf Spurensuche.In Naumburg besuchte man am Mittwoch, begleitet von Heinz Ewald vom Naumburger Geschichtsverein, das Rathaus, dann das Heimatmuseum und schließlich das Haus der Vorfahren, in dem sie von den heutigen Eigentümern, Martina und Gottlieb Bührer, willkommen geheißen wurden.

In den kommenden Tagen wollen Joan Kander Struck und ihre Tochter Heidi von Kassel aus weiterreisen nach Buchenwald, Theresienstadt, Auschwitz und Krakau. Für die beiden Enkel geht es zurück nach Israel zum Studium. Sie nehmen eine Menge Eindrücke mit aus der Heimat ihrer Vorfahren. Unter anderem, sagt Alex Feldman, „wie ruhig und friedlich es hier ist“.

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