Land hilft Bauern beim Artenschutz

Naumburger Bio-Hof ist Pilotbetrieb in Hessen

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Mehr Blühflächen: Ein Drittel der Landwirte in Stadt und Landkreis Kassel nimmt die Landesförderung HALM in Anspruch, um etwas für den Artenschutz zu tun. Im Bild eine Blühfläche vor den Toren Wolfhagens.

Naumburg. Wie können Landwirte wirtschaftlich arbeiten und gleichzeitig etwas für die biologische Vielfalt tun? Dass dies auch in der konventionellen Landwirtschaft kein Gegensatz sein muss, will ein Beratungsangebot des Landesbetriebs Landwirtschaft Hessen (LLH) vermitteln.

Ziel ist es, einen Konsens zwischen Naturschutz und betrieblichen Interessen zu finden. Dabei werden Pilotbetriebe mit guten Ideen als Beispielgeber vorgestellt, denen dies in verschiedenen Bereichen gelungen ist. 

Ein Betrieb dieser Art ist der Waldhof der Familie Becker in Naumburg. Als erster Pilotbetrieb in Hessen stellten die Inhaber Sabine und Claus Becker gemeinsam mit der LLH-Beraterin Martina Behrens und Jürgen Düster vom Landkreis Kassel, über ihn kann Fördergeld beantragt werden, eine Infotafel am Betrieb auf. Dass es sich dabei um einen Bio-Betrieb handelt, sei Zufall, so Behrens. Beckers unterstützen die biologische Vielfalt in ihrem Betrieb durch vielfältige Aktivitäten. 

Engagement für Artenschutz: Eine Tafel informiert über Projekte auf dem Waldhof. Claus Becker, Sabine Becker, Martina Behrens vom Landesbetriebs Landwirtschaft Hessen und Jürgen Düster vom Landkreis Kassel (von links) brachten jetzt eine Infotafel an. 

Agraringenieurin Martina Behrens entwickelt mit den Betrieben Ideen, wie Projekte effektiv, praktikabel und kostenbewusst umgesetzt werden können. Als Beispiel nennt sie Flächen, deren Bewirtschaftung aufgrund ihrer Form, Lage oder Ertragseigenschaften wenig rentabel sind und die als Brachen oder Blühflächen Insekten und Vögeln helfen können. Ab einer Größe von 1000 Quadratmetern können Ertragsverluste durch das Hessische Agrarumweltprogramm (HALM) ausgeglichen werden. Somit ist es möglich, kostenneutral etwas für die biologische Vielfalt zu tun. 

Beratung gibt es unter anderem zu individuellen Möglichkeiten im Betrieb, Hilfe bei Verwaltungsfragen oder die öffentlichkeitswirksame Präsentation der Naturschutzleistungen. „Schon mit kleinen Maßnahmen, wie der abschnittsweisen anstatt kompletten Mahd von Säumen, kann viel erreicht werden“, so Behrens.

Lebensraum für Vögel und Insekten

Der Waldhof bei Elbenberg wird seit mehr als 25 Jahren biologisch bewirtschaft. Zu dem Bioland-Betrieb gehören 29 Hektar Ackerland, 60 Hektar Wiesen, 40 Mutterkühe mit Nachzucht sowie Schafe, Gänse, Hühner, Ziegen, Pferde und Ponys. 

Der Waldhof wurde als Pilotbetrieb ausgewählt, weil Familie Becker dort diverse Maßnahmen umsetzt, die dem Artenschutz dienen. Sie halten zum Beispiel Schafe auf artenreichen Wiesen. Dabei entwickelt sich Magerrasen, auf dem seltene Pflanzen gedeihen, die inzwischen Lebensraum für viele Insektenarten sind oder sie mähen Futterflächen wie Luzerne und Kleegras nur abschnittsweise, um den Lebensraum zum Beispiel brütender Vögel nicht auf einen Schlag zu entfernen und blühende Kräuter zu ermöglichen.

400 Betriebe auf Ökokurs

Noch bis zum 1. Oktober dieses Jahres können Landwirte Förderanträge für umweltgerechte und naturnahe Bewirtschaftungsweisen im Gesamtbetrieb oder auf Einzelflächen stellen. Darauf weist Jürgen Düster, Fachdienstleiter Landschaftspflege in der Kreisverwaltung hin. Im Rahmen des Hessischen Programms für Agrarumwelt- und Landschaftspflegemaßnahmen (HALM) werden Landwirten, die durch besondere Bewirtschaftungsmaßnahmen Natur und Landschaft, die Gewässer beziehungsweise die Umwelt schonen und schützen, finanzielle Mittel bereitgestellt. Diese dienen zum Ausgleich ihrer zusätzlichen Aufwendungen und Ertragsverluste gegenüber einer konventionellen Bewirtschaftung.

Die HALM-Mittel werden laut Düster bereits von mehr als einem Drittel der rund 1250 Betriebe aus Stadt und Landkreis Kassel zur Einkommensstabilisierung in Anspruch genommen. Vorrangig werden die Fördergelder für den Ökolandbau und die extensive Nutzung von Grünland sowie mit steigender Tendenz für die Anlage von Blühflächen beantragt und bewilligt. Neben der Förderung der ökologischen Wirtschaftsweise im Gesamtbetrieb (Ökolandbau) werden mit HALM-Mitteln auch einzelne nachhaltige Verfahren der Acker- und Grünlandbewirtschaftung unterstützt. Dazu zählt unter anderem der Anbau von Zwischenfrüchten und deren Beibehaltung über den Winter um den Boden zu schützen, die Anlage und Pflege von Blühstreifen/-flächen, von Gewässer- und Erosionsschutzstreifen, Ackerrandstreifen sowie die extensive Grünland- und Streuobstnutzung.

Besonders für Flächen, die an Gewässer angrenzen, könnte HALM künftig interessanter werden. Mit dem Inkrafttreten des novellierten Hessischen Wassergesetzes ist seit Anfang Juni 2018 der Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln im Vier-Meter-Bereich des Gewässerrandstreifens untersagt und ab dem Jahr 2022 darf dieser Bereich nicht mehr gepflügt werden. Für die Anwendung von Düngemitteln bedeutet dies, dass auch mit Exaktstreuern, mit denen nach den Vorgaben der Düngeverordnung bis auf einen Meter an die Böschungsoberkante gearbeitet werden darf, ein Abstand von vier Metern einzuhalten ist. Auch Pflanzenschutzmittel, die nicht mit gewässerbezogenen Auflagen belegt sind, dürfen innerhalb der ersten vier Meter ab der Böschungsoberkante nicht mehr eingesetzt werden.

Die Neuanlage und Pflege eines HALM-Gewässerrandstreifens auf Ackerflächen, der mindestens fünf bis maximal 30 Meter betragen kann und eine Mindestfläche von 1000 Quadratmetern umfassen muss, biete hier eine durchaus lukrative und sinnvolle Alternative zur Nutzung und Pflege solcher Flächen, erklärt Jürgen Düster.

Kreis berät bei HALM-Antragstellung

Bis spätestens zum 1. Oktober können beim Fachbereich Landwirtschaft des Landkreises Kassel in Hofgeismar, Manteuffel-Anlage 5, noch Anträge für die Förderperiode ab 2019 eingereicht werden. Die entsprechenden Antragsvordrucke liegen dort bereit. Für Beratungen und Hilfe beim Ausfüllen des Antrages kann ein Termin unter der Rufnummer 0561/10032424 vereinbart werden. Diejenigen Landwirte, die bereits am HALM teilnehmen, brauchen grundsätzlich nichts zu unternehmen. Nur wenn Änderungen hinsichtlich des Umfangs der bewirtschafteten HALM-Flächen (Flächenzu- oder -abgänge) absehbar werden, sollten sich die Landwirte mit der Bewilligungsstelle bei der Kreisverwaltung in Verbindung setzen.

Archivvideo: So arbeitet ein Biobauernhof

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