Kreuzweg

Naumburgs Stadtpfarrer Kowal hat seinen 17. Kreuzweg fertiggestellt

Jede Menge Holz und Späne: Stadtpfarrer Johannes Kowal in seinem Atelier im Keller des Pfarrhauses mit drei der 14 Kreuzwegtafeln.
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Jede Menge Holz und Späne: Stadtpfarrer Johannes Kowal in seinem Atelier im Keller des Pfarrhauses mit drei der 14 Kreuzwegtafeln.

Auf Wunsch einer Privatperson hat Naumburgs Stadtpfarrer Johannes Kowal einen Kreuzweg geschaffen. 14 Tafeln mit Stationen des Leidenswegs Christi hat er in Kirschholz geschnitzt.

Naumburg – „Die Kunst ist für die Nacht“, sagt Naumburgs Stadtpfarrer Johannes Kowal gut gelaunt. Wenn andere sich schlafen legen, steigt der Geistliche in den Keller des Pfarrhauses und verbringt Stunde um Stunde in seinem Atelier. „Und wenn die anderen aufstehen, um zu arbeiten, dann arbeite ich weiter – als Pfarrer.“

In jüngster Zeit hat er viel mit Hammer und Schnitzeisen gearbeitet, die Malerei musste da etwas zurückstecken. Auf Wunsch einer Privatperson hat er einen Kreuzweg geschaffen. Den 17. in den vergangenen fast 50 Jahren seiner Schaffenszeit, und vermutlich, wie Kowal sagt, auch den letzten.

14 Tafeln mit Stationen des Leidenswegs Christi hat er mit scharfen Eisen und viel Gefühl ins bisweilen widerspenstige Holz getrieben.

Die sechste Station: Jesus mit dem Kreuz und „die mutige Frau mit dem Schweißtuch, das sie Jesus reicht“. Seit der Zeit um 1600 gibt es Kreuzwege mit 14 Stationen.

Gut abgelagerte Kirsche muss man erst mal finden

Von der Zusage bis zum fertigen Werk war es ein weiter Weg. Zunächst galt es, das passende Holz zu finden. Jesu Weg auf der Via Dolorosa wollte er dieses Mal in Kirschholz schneiden. Gut abgelagerte Kirsche muss man aber erst mal finden, und in Kowals üppigem Bestand von schnitzbarem Gehölz war just die Kirsche nicht vorhanden.

Ein alter Naumburger konnte weiterhelfen und lieferte exakt 14 Tafeln. Damit war von vornherein klar: Ausschuss kann sich der Künstler nicht leisten, jedes einzelne Stück muss gelingen.

Bevor das geschätzt 80 bis 90 Jahre alte Holz ins Atelier durfte, steckte es Johannes Kowal erst mal in den Backofen. Zwei Tage bei 120 Grad übersteht selbst der zäheste Holzwurm nicht. Und in diesem Punkt sollte man immer auf Nummer sichergehen: „Wenn nur ein Würmchen im Holz wäre, würde es irgendwann die Platte kaputtmachen.“

Schon als Kind geschnitzt, gemalt und gezeichnet

Die Motive hat der 70-Jährige mit Bleistift als Skizze auf Papier angelegt, dann auf die unbearbeiteten Holzplatten übertragen und schließlich, wann immer es die rare Freizeit zuließ, aus dem spröden Holz herausgearbeitet.

Das Gespür für das Material hat er sich schon früh angeeignet. Schon als Kind in seiner Heimat Polen, erzählt Kowal, habe er geschnitzt und vor allem auch viel gemalt und gezeichnet. Später, nach dem Theologiestudium, hat er sich in Norwegen, wo er eine Pfarrstelle übernommen hatte, nebenbei an verschiedenen Kunstakademien weitergebildet.

Neu interpretiert: Johannes Kowal stellt auf der neunten Station Gott Vater (links) auf den Leidensweg Jesu: „Steh auf! Bald bist du am Ziel.“

1700 Bilder in den vergangenen Jahrzehnten gemalt

Seit 2008 ist Johannes Kowal Stadtpfarrer in Naumburg und das Pfarrhaus randvoll mit selbstgeschaffenen Kunstgegenständen – Gemälden und Skulpturen. Von vielen Werken habe er sich über die Jahre getrennt. Was er bei den Verkäufen seiner Kunst verdient hat, habe er „gerne anderen Leuten gegeben, die kein Geld hatten oder an die Mission“.

Es mögen wohl an die 1700 Bilder sein, die er in den vergangenen Jahrzehnten gemalt hat, die Zahl der Holzarbeiten schätzt er auf mehrere Hundert. Ein Werkverzeichnis gebe es nicht.

Mitunter begegnet ihm ganz unvermittelt eine Arbeit aus dem eigenen Atelier. Kowal erzählt die Geschichte, als er in Polen im Gebirge eine Kapelle betrat, um sie sich anzusehen. „Ich wollte meinen Augen nicht trauen“, erinnert sich der Pfarrer.

Die Betrachter sollen die Tafeln auf sich wirken lassen

An der Wand hing ein Kreuzweg, der einem Exemplar glich, das er in Norwegen geschnitzt hatte. Auf der Rückseite der Tafeln fand er tatsächlich seine Signatur. Dass sein Werk nach Polen gehen würde, wusste er nicht.

Und auch bei seinem aktuellen Kreuzweg, sagt er, habe er keine Ahnung, wo genau dieser hinkommen wird. „Er wird in einer Kapelle hängen, aber wo, das weiß ich nicht. Und ich will es auch nicht wissen.“ Wichtig sei ein Platz in einem passenden Raum. Und: „Der Kreuzweg soll zu sehen sein und die Leute erfreuen.“ Die Betrachter sollen die Tafeln auf sich wirken lassen.

Die Arbeit hatte auch eine meditative Ebene

Sich in jede Station hineindenken, so wie er es getan hat, als er die Szenen des Leidensweges herausarbeitete, sich mit der plastischen Wirkung der Darstellung beschäftigte, vor allem aber mit der Passion selbst.

Die Arbeit habe auch eine meditative Ebene. „Ich habe mich in jede Station reingedacht“ und auch gedanklich eine Brücke in die heutige Zeit geschlagen. „Jede Tafel bedeutete für mich vier Wochen Exerzitien“, sagt Johannes Kowal. Da spielten auch starke Gefühle mit rein, wie bei der letzten Station, der Grablege Jesu. „Das bewegt einen bei jedem Schlag.“

Inzwischen ist der Kreuzweg fertig. Details hat er noch bis zu seiner eigenen vollständigen Zufriedenheit nachgearbeitet, die Oberfläche des Holzes leicht matt gebürstet und mit Bienenwachs behandelt.

Der Abschied fällt ihm nicht schwer

Ehe Pfarrer Kowal nun seinem vielleicht letzten Kreuzweg Adieu sagen muss, werden die Tafeln am morgigen Samstag, 18. September, nach der 18-Uhr-Messe in der Naumburger Stadtpfarrkirche zu sehen sein, dann wird es auch Informationen zum Werk geben. Das Gleiche gibt es am Sonntag nach dem um 10.45 Uhr beginnenden Hochamt in der Stadtpfarrkirche und nach dem 9-Uhr-Gottesdienst in der Filialkirche in Merxhausen.

Dann heißt es für den Stadtpfarrer, sich von seinem Kreuzweg zu verabschieden, wobei Johannes Kowal beteuert, dass ihm das nicht zu schwer falle. Er stelle sich dann vor, wie eines Tages jemand in die Kapelle komme und vor den Tafeln sitzen wird: „Er weiß nichts von mir. Er wird sich Gedanken machen, dass die Bilder jemand geschnitzt hat. Meinen Namen kennt er nicht. Den Namen kennt der liebe Gott.“ (Norbert Müller)

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