"Früher hatte der Glaube einen höheren Stellenwert"

Priester Ulrich Trzeciok im Interview: So viel hat sich in 50 Jahren verändert 

Naumburg. Vor 50 Jahren wurde Naumburgs langjähriger katholischer Stadtpfarrer Ulrich Trzeciok zum Priester gewählt. Am kommenden Wochenende wird das Jubiläum gefeiert.

Am morgigen Samstag wird es zu Ehren des Jubilars ab 18 Uhr ein Konzert mit dem Knabenchor der Abtei Niederaltaich in der Naumburger Stadtpfarrkirche geben, am Sonntag wird der Chor den Jubiläumsgottesdienst, der um 14 Uhr an gleicher Stelle beginnt, musikalisch begleiten. Im Vorfeld des Jubiläums haben wir mit Pfarrer Trzeciok, inzwischen vom Bischof zum Geistlichen Rat ernannt, über Vergangenes und die Perspektiven der Gemeinde gesprochen.

Herr Pfarrer Trzeciok, Sie wurden vor 50 Jahren zum Priester geweiht. Wie hat sich das Leben in einer katholischen Gemeinde damals von dem in einer heutigen Gemeinde wie der in Naumburg unterschieden?

Ulrich Trzeciok: Eine einheitliche „katholische Gemeinde“ gibt es nicht. Mein erster Dienstort war eine katholisch geprägte traditionelle Landpfarrei. Der zweite eine Diasporapfarrei in einer städtisch geprägten Kreisstadt. In Naumburg habe ich Elemente aus beiden Bereichen vorgefunden.

Wie haben sich die Aufgaben des Pfarrers verändert?

Trzeciok: Der Grundauftrag der Seelsorge hat sich nicht geändert. Aber als Gemeindeleiter in den größer werdenden Pfarrbezirken hat ein Pfarrer heute mehr Verwaltungs- und Manageraufgaben zu erfüllen als früher.

Was hat Sie damals dazu bewogen, Priester zu werden?

Trzeciok: Das kann ich mit zwei Sätzen nicht beantworten. Ich war als Kind an allen kirchlichen Dingen sehr interessiert, eifriger Messdiener. Im vierten Schuljahr war ich jedenfalls entschlossen, Priester zu werden. Deshalb wollte ich in Kassel auch auf das Friedrichsgymnasium gehen, weil man dort Latein und Griechisch lernen konnte. Das braucht man zum Theologiestudium.

Man weiß von Ihnen, dass Sie sich auch sehr für historische Themen interessieren, ebenso für Naturwissenschaften. Gab es in den vergangenen 50 Jahren auch mal Zweifel, ob Sie statt Seelsorger nicht einen anderen Beruf hätten ergreifen sollen?

Trzeciok: Nicht so richtig, aber schon mal eine Phase der Niedergeschlagenheit. In den sechs Jahren des Studiums gab es einige ernsthafte Prüfungen, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Als Alternative hätte ich vielleicht Biologie studiert.

Sie haben vor 41 Jahren die Stelle des Naumburger Stadtpfarrers übernommen. Gab es einen besonderen Grund, warum Sie sich für eine kleinere Gemeinde auf dem Land – noch dazu in der Diaspora – entschieden haben, statt sich um eine Kirchengemeinde in einer Stadt wie Kassel zu bemühen, wo Sie aufgewachsen sind?

Trzeciok: Ich war damals für den Einsatz in einer ganz anderen Gemeinde vorgesehen. Es gab aber Verzögerungen, und der Generalvikar des Bischofs hat mir dann vorgeschlagen, nach Naumburg zu gehen.

Auf dem Land kämpft die Kirche heute mit den gleichen Grundproblemen wie in den Städten: Die Pfarrgemeinden scheinen mit ihren Priestern zu altern, und die junge Generation wird kaum noch erreicht. Was hat man früher anders gemacht, wieso ist es da gelungen, auch die Jungen mitzunehmen?

Trzeciok: Christlicher Glaube und Bindung an die Kirche hatten früher einen viel höheren Stellenwert als heute. Da gab es eine breitere Basis in den Familien, aus denen Priester- und Ordensberufe gewachsen sind. Man kann das zum Beispiel sehen an dem enormen Rückgang der Zahl der sonntäglichen Gottesdienstbesucher in den letzten 50 Jahren – auch in Naumburg. Und früher gab es viele junge Priester, die als Kapläne an den Jugendlichen ihrer Zeit näher dran waren als ein alter Pfarrer.

In Ihrer 32-jährigen Amtszeit als Naumburger Stadtpfarrer haben sich drei junge Gemeindemitglieder dazu entschlossen, Priester zu werden. Sie arbeiten heute als Seelsorger in verschiedenen hessischen Städten. Hat der Heimatpfarrer in einem solchen Entscheidungsprozess Einfluss als Wegbereiter?

Trzeciok: Das müssen Sie die Drei schon selbst fragen. Von mir kann ich sagen: Unsere Kapläne in den 50er-Jahren haben durch ihre Arbeit mit uns Interesse geweckt: Das könnte ich auch machen.

Wenn man später mal auf die Jahrzehnte Ihres Wirkens in Naumburg zurückblicken wird: Was wäre Ihnen wichtig, woran sich die Leute dann erinnern – jenseits des eindrucksvollen Chorfensters, das auf Ihre Initiative zurückgeht?

Trzeciok: Oft wird so eine Erinnerung an der Bautätigkeit festgemacht: Der Pfarrer hat dies und das gebaut und renoviert. Wichtiger wäre mir, man würde sich erinnern: Damals sind die wichtigen Strukturen der pastoralen Arbeit entwickelt worden, die jetzt noch tragen – die Sakramentenkatechese für Erstkommunion und Firmung, Kindergottesdienste, Pfarrgemeinderat mit Arbeitsgruppen für verschiedene Dienste etwa. Und auch der Beginn der Zusammenarbeit im Pastoralverbund.

Wagen Sie eine Prognose: Wie könnte das Leben der katholischen Kirchengemeinde von Naumburg in 50 Jahren aussehen?

Trzeciok: Ich bin kein Hellseher. Zu vermuten ist, dass es dann eine selbstständige katholische Kirchengemeinde Naumburg mit einem Pfarrer vor Ort, wie sie seit dem 13. Jahrhundert besteht, nicht mehr geben wird. Allenfalls eine Pfarrei „Wolfhager Land“. Wie das Leben in der katholischen Kirchengemeinde Naumburg dann aussehen wird, hängt ganz erheblich davon ab, was den heutigen jüngeren Gemeindemitgliedern ihr Katholischsein noch wert ist.

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