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Historische Bilder aus dem Rathauskeller führen zum waghalsigen Fotografen nach Franken

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Von: Norbert Müller

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Blick in eine andere Zeit: der Bereich Vor dem Tor und Bahnhofstraße. Am oberen Bildrand erkennt man den Bahnhof, rechts daneben die Ziegelei. Einige Häuser sind heute verschwunden, andere neu gebaut.
Blick in eine andere Zeit: der Bereich Vor dem Tor und Bahnhofstraße. Am oberen Bildrand erkennt man den Bahnhof, rechts daneben die Ziegelei. Einige Häuser sind heute verschwunden, andere neu gebaut. © Kurt Engel

Ein Kästchen mit historischen Aufnahmen von Naumburg und den Stadtteilen wurden im Keller des Naumburger Rathauses gefunden.

Naumburg – In alten Kellern lässt sich so mancher Schatz heben. Diese Erfahrung machte jetzt Naumburgs Hauptamtsleiter Thomas Fingerling in den Katakomben des Naumburger Rathauses.

Eigentlich war er in den Untergrund gestiegen, um nachzusehen, was der frühere Jugendpfleger dort noch so alles gelagert hat. Irgendwo hinter Farben und Bastelmaterial fand Fingerling ein kleines, eher unauffälliges Holzkästchen. Und das hatte es in sich: Genau 84 Dias, die Fingerling erst mal gar nicht gegen das schummrige Kellerlicht haltend zuordnen konnte. Ein Zettel fand sich auch nicht im Kästchen, der Hinweise hätte geben können. Ein Projektor musste her, was eine echte Herausforderung war. Der Hauptamtsleiter: „Wer hat denn heute noch so ein Ding?“ Aber es fand sich ein Gerät, dann endlich konnten die schon leicht farbstichigen Lichtbilder an die Wand geworfen werden.

Von Landwirtschaft und Fachwerk geprägt: Heimarshausen ist heute Naumburgs südlichster Stadtteil. Die Kirche stand schon immer etwas abseits der Dorfmitte.
Von Landwirtschaft und Fachwerk geprägt: Heimarshausen ist heute Naumburgs südlichster Stadtteil. Die Kirche stand schon immer etwas abseits der Dorfmitte. © Kurt Engel

Und was sich da grobkörnig und in gealterter Rottönung präsentierte, ließ Fingerling staunen. Aufnahmen von Naumburg und den Stadtteilen aus einer Zeit, als Stadt und Dörfer noch selbstständig waren, also vor der Gebietsreform. Die Kläranlage in Naumburg war gerade im Bau, die Elbetalschule gab es noch nicht. Häuser sind zu sehen, die Ende der 60er-Jahre von der Altstadtsanierung gefressen wurden.

In die Geschichte abtauchen

Auch die Bilder der heutigen Stadtteile lassen in die Geschichte abtauchen: An Altendorf führt noch nicht eine messerscharf gezogene Landstraße vorbei, sondern die Hauptstraße macht einen Schlenker mitten durchs Dorf. Viele schmale, lange Felder prägen das Bild zwischen den Ortschaften, und besonders auffällig ist die Zahl der bäuerlichen Gemüsegärten, gerade auch in Naumburg.

Mit eigener Lizenz: 1967 entstand das Foto von Kurt Engel nach erfolgreicher Prüfung.
Mit eigener Lizenz: 1967 entstand das Foto von Kurt Engel nach erfolgreicher Prüfung. © Kurt Engel

Anhand der baulichen Gegebenheiten schätzt Fingerling, dass die Bilder wohl 1966 aufgenommen sein dürften. Warum die Dias gemacht wurden, darauf gibt es keine Hinweise, auch Mitarbeiter, die damals im Rathaus beschäftigt waren, können nicht weiterhelfen.

Allerdings: Die Dias sind durchnummeriert, haben die Freigabe der Regierung von Oberfranken, was damals bei Luftaufnahmen noch zwingend erforderlich war, und sie tragen eine feine Prägung am Rand: „Foto Engel Sonnefeld“. Ob sich da fast 60 Jahre nach dem Flug in Oberfranken noch etwas herausfinden lässt über die Entstehung der Aufnahmen?

Das Oberdorf mit Schloss (rechts) und Gutshof: Elberberg schloss sich mit Elben zu Elbenberg zusammen. Auch hier sieht man kaum Neubauten.
Das Oberdorf mit Schloss (rechts) und Gutshof: Elberberg schloss sich mit Elben zu Elbenberg zusammen. Auch hier sieht man kaum Neubauten. © Kurt Engel

Ein Fotoatelier Engel gibt es dort längst nicht mehr. Aber es gibt den 74-jährigen Kurt Engel, der bis zu seinem Ruhestand als Fotograf arbeitete. Und er war damals dabei.

Mit 14 erstmals auf Tour

Sein Vater Rudi Engel hatte im Ort ein Foto-Studio für die üblichen Aufgaben wie Porträtfotos. Aber die Engels bedienten noch eine ganz besondere Nische, die der Senior im Krieg kennengelernt hatte: die Luftfotografie. Auf die 60er-Jahre angesprochen, sagt Junior Kurt Engel: „Wir hatten zu der Zeit Luftaufnahmen für die Gemeinden gemacht.“ Deutschlandweit war man unterwegs. Mit 14 Jahren nahm ihn der Vater erstmals mit auf Tour. Zu Anfang leistete man sich sogar einen eigenen Piloten, der Vater machte die Aufnahmen.

Alte Wege: In Altendorf verlief die Hauptstraße von oben rechts kommend durchs Dorf. Heute führt sie oben in gerader Linie am Kern vorbei.
Alte Wege: In Altendorf verlief die Hauptstraße von oben rechts kommend durchs Dorf. Heute führt sie oben in gerader Linie am Kern vorbei. © Kurt Engel

Wenige Jahre später saß Vater Kurt am Steuer einer eigenen Piper PA 12, einer dreisitzigen einmotorigen Maschine und Sohn Kurt bediente die Kamera, ein Spezialmodell von Agfa mit einer Filmkassette, die 360 Aufnahmen im Kleinbildformat ermöglichte.

Gesichert mit einfachem Beckengurt

Von Coburg aus starteten die Engels zu ihren Aufträgen. „Wir haben dann meist einen ganzen Landkreis gemacht“, erinnert sich Kurt Engels. Die Tür der Maschine wurde zum Fotografieren abmontiert, er selbst war auf der hinteren Bank mit einem einfachen Beckengurt gesichert und stützte sich mit einem Fuß auf einer Strebe ab. Da habe er sich beim Fotografieren besser bewegen und Schieflagen des Fliegers ausgleichen können.

Brutale Angelegenheit

„Es war eine brutale Angelegenheit“, erinnert sich der 74-Jährige. Das Budget der Gemeinden war begrenzt. „Das bedeutete für uns, in möglichst kurzer Zeit die Aufnahmen machen, die bestellt waren.“ Eine Viertelstunde habe man im Schnitt Zeit gehabt für einen Ort, sagt Engel.

Ein Dorf wie aus dem Bilderbuch: 1966 gab es rund um Altenstädts Dorfkern nur wenige neue Häuser.
Ein Dorf wie aus dem Bilderbuch: 1966 gab es rund um Altenstädts Dorfkern nur wenige neue Häuser. © Kurt Engel

Um da die Motive zügig in den Kasten zu bekommen, hat Vater Rudi, der mit großer Leidenschaft am Steuerknüppel saß, „mehr oder weniger ganz brutale Flugbewegungen gemacht. Die fünf Stunden Flug waren wie eine einzige Achterbahnfahrt.“ Im Laufe der Zeit schätzt Kurt Engel, der 1967 selbst den Pilotenschein machte, seien so an die 40 000 Aufnahmen entstanden.

Das Licht musste passen

Bei der Flugbegeisterung des Vaters hätten es auch deutlich mehr werden können, aber sie konnten nicht immer in die Luft gehen: „Man musste zum richtigen Zeitpunkt fliegen. Das Licht musste passen.“ Letztlich hatte man ein Zeitfenster von weniger als drei Monaten im Jahr. Im Herbst, im Winter, bei miesem Wetter „machte es keinen Sinn. Richtige Supertage für die Luftaufnahmen hatte man vielleicht 30 bis 35“, sagt Kurt Engel. Anfang der 80er-Jahre haben die Engels dann die Flugaufnahmen aufgegeben, als der Vater altersbedingt aufhörte.

Hin und wieder werde er noch angerufen von Leuten, die Luftaufnahmen des Ateliers Engel haben und sich vorsichtig nach dem Copyright erkundigen, lacht der Fotografenmeister, der aber großzügig keinerlei Rechte mehr einfordert. Er gönnt den Leuten, die – wie in Naumburg – nach Jahrzehnten die Bilder zu sehen bekommen, die besonderen Ansichten.

In den Stahlschrank

Die haben auch Naumburgs Hauptamtsleiter Thomas Fingerling begeistert. Zurück in den Keller, sagt er, werde er das Schatzkästlein mit den Bildern, die die Stadt gerade hat digitalisieren lassen, nicht mehr stellen. „Die schließe ich in den Stahlschrank ein, damit sie nicht wegkommen.“ (Norbert Müller)

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