Im feinen Zwirn durch die Gassen

Uwe Bächt erzählt Gästen aus der Naumburger Geschichte

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Im feinen Zwirn auf dem Naumburger Marktplatz: Uwe Bächt führt als Conradt Schlutz durch die Geschichte und die Gassen der Stadt. Für die gesamte Bildansicht bitte oben rechts auf das Pfeilsymbol klicken.

Naumburg. Als Stadtführer zeigt Uwe Bächt seinen Gäste seine Stadt. Während er im echten Leben Steine formt, lebt er als Stadtschreiber Conradt Schlutz sein Schauspieltalent aus.

Drei bis vier Mal im Jahr wechselt Uwe Bächt seine Identität. Aus dem Steinmetz in hellem Breitcord wird der frühere Naumburger Stadtschreiber Conradt Schlutz mit schnittigem Dreispitz, feinen barocken Beinkleidern und edlem gestreiften Gehrock.

Dann geht der 53-jährige auf eine Zeitreise durch die Altstadt und nimmt Gäste mit, die vorzugsweise mit dem nostalgischen Hessencourrier anreisen.

Bächt ist einer der wenigen verbliebenen Stadtführer in Naumburg und beinahe so etwas wie die Idealbesetzung für den Job. Nicht nur, dass er geschichtlich sehr interessiert ist, sich im Geschichtsverein einbringt und als Meister der Steinmetz-Zunft sich bestens auskennt mit Baustilen, Stadttoren und Befestigungen aus dem späten Mittelalter, Bächt hat auch ein schauspielerisches Talent, das ihm bei seiner Aufgabe, dem kurzweiligen Vermitteln von historischen Fakten, sehr zugutekommt.

„Ich hab ein schauspielerisches Gen“, sagt Bächt über sich selbst, und er habe als Mime in seiner Jugend häufig auf der Bühne gestanden. Nun also ist die Naumburger Altstadt seine Kulisse. Sein Alter Ego Conradt Schlutz empfängt die Gäste am Bahnhof, was von der zeitlichen Einordnung nicht ganz passt, da Schlutz im 17. Jahrhundert Naumburger Stadtschreiber war. Von Eisenbahnen war da noch lange nicht die Rede.

Der Actuarius, wie die damalige Amtsbezeichnung lautete, begann gerade mal elf Wochen nach dem großen Stadtbrand, der im Jahr 1684 ganz Naumburg in Schutt und Asche legte, mit dem Aufbau eines der ersten Häuser. Das repräsentative Anwesen kaufte gut 300 Jahre später Uwe Bächt.

Und mit der Beschäftigung mit der Historie seiner neuen Immobilie kam Bächt auch dem Conradt Schlutz immer näher, bis er vor gut acht Jahren kurzerhand in die Rolle des Amtsschreibers schlüpfte, sich erst ein passendes Gewand in Kassel in einem Kostümfundus auslieh, es bald darauf für gut 600 Euro kaufte und seitdem die Leute in alter Montur durch die Gassen der Stadt führt. Vom Bahnhof vorbei an der evangelischen Kirche zum einzigartigen, aus dem 16. Jahrhundert stammenden Friedhofsportal führt die Tour, weiter zu den Standorten der früheren Stadttore, zur wuchtigen katholischen Stadtkirche und dem Marktplatz mit Blick auf den Burgberg und weiter zur Stadtmauer.

Und dabei vermittelt der im Stadtteil Elbenberg lebende Uwe Bächt – ohne seine Zuhörer mit allzu vielen Jahreszahlen zu erschlagen – einen Überblick von der Stadtwerdung, über die Schicksale der Naumburger Burgherren, die kurze protestantische Zeit nach der Reformation, die katholische Prägung durch die Zugehörigkeit zum Erzbistum Mainz und die Entwicklung vor und nach dem Stadtbrand.

Gut eineinhalb Stunden ist Schlutz alias Bächt mit seinen Gästen unterwegs, „immer mittendrin“, wie er sagt. Er hat „viel Spaß daran“, die Geschichte der Stadt zu vermitteln, vor einer Gruppe zu reden und sich auch auf die Interaktion mit dem Publikum einzulassen.

Und so sagt er dann lachend zu den Voraussetzungen für einen Stadtführer: „Das ist nichts für einen, der total verklemmt ist.“ Vor allem müsse aber die Begeisterung für die Geschichte da sein. Bächt sagt auch: „Ich finde Naumburg als Stadt total spannend. Die hat Potenzial, aber das müsste noch viel mehr gehoben werden.“ Für sein Engagement wird er „mit einem kleinen Trinkgeld“ entlohnt, drei Euro pro Teilnehmer.

Inzwischen ist Uwe Bächt auch Mitglied in der Stadtführergilde in Fritzlar, wird dort in Kürze eine anspruchsvolle Ausbildung zum Gästeführer beginnen, in der nicht nur die historischen Themen im Mittelpunkt stehen, sondern auch Rhetorik, Konfliktmanagement und Erste Hilfe. „Den Schlutz kann ich in Fritzlar nicht spielen“, bedauert Uwe Bächt, der vor zwei Jahren in der Fritzlarer Altstadt ein Fachwerkhaus gekauft hat. „Aber ich bin auf der Suche nach einer passenden Figur.“ Dann wird der Steinmetz noch öfter seine Identität wechseln können als bisher.

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