Zwangsversteigerung beim Amtsgericht

Stadtschänke in Naumburg: Der Hammer fällt bei 28.001 Euro

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Hatte große Pläne für die Stadtschänke: Andreas Weimann musste sich beim Bieten geschlagen geben.

Welche Zukunft hat die Stadtschänke? Diese Frage beschäftigte die Naumburger, seit bekannt wurde, dass die Versteigerung des Kulturdenkmals ansteht. Eine Reportage.

Seine besten Tage hat das Haus an der Unteren Straße zweifelsohne hinter sich. Über viele Jahrzehnte als Gaststätte genutzt, ist es in den vergangenen 20 Jahren heruntergekommen, verwahrlost, alles andere als ein Schmuck für die Naumburger Altstadt. Doch das kann sich ändern. Nach jahrelangem Leerstand kam die Stadtschänke am Dienstag im Kasseler Amtsgericht unter den Hammer.

Der Wert des Versteigerungsobjekts ist gerichtlich festgelegt auf 7600 Euro, ein Schnäppchen für das alte Fachwerkgebäude mit seinen massiven, bis heute unverputzten Anbauten aus den 1970er-Jahren, auch wenn die komplette Gebäudetechnik nicht mehr funktioniert und die Immobilie bis unters Dach vermüllt ist. Der historische Wert erschließt sich am ehesten noch im säulengetragenen Gewölbekeller aus dem 13. Jahrhundert.

Nun also die schon vor einem guten halben Jahr amtlich bekannt gemachte Zwangsvollstreckung. Die überschuldeten Eigentümer lassen sich bei Gericht nicht blicken, dafür sind dann aber mehr als ein Dutzend Interessenten erschienen und nehmen vor dem Pult Platz, von dem aus eine Rechtspflegerin die Veranstaltung leitet. Routiniert spult die Mitarbeiterin des Amtsgerichts zunächst alle Regularien ab, informiert über Grundschulden, Zwangssicherungshypotheken und sonstige Verpflichtungen, die das Ehepaar, dem die Stadtschänke zuletzt gehörte, nicht mehr bedienen konnte.

Das summiert sich auf einen deutlich sechsstelligen Betrag. Dann Details über den Zustand des Hauses, aber auch darüber, dass es sich um ein Kulturdenkmal handelt.

Wer bislang noch hofft, zum Verkehrswert zum Zuge zu kommen oder gar noch darunter, wird schnell enttäuscht. Die Stadt Naumburg machte noch Ansprüche geltend, vor allem aber will die BSQ-Bausparkasse aus Nürnberg, die am meisten zu verlieren hat, retten, was zu retten ist. 9957,43 Euro, verkündet die Rechtspflegerin, „sind die zu entrichtenden Lasten“. Um 9.40 Uhr fordert sie zum Bieten auf. 30 Minuten bleibt dazu insgesamt Zeit. Taktisches Vorgehen der Interessenten? Fehlanzeige. Sofort nach der Aufforderung geht Christoph Reichard nach vorn. Der Mann aus Erfurt wickelt, wie er später sagt, seit 20 Jahren für die BSQ-Bausparkasse die Finanzierungen ab, die platzen. Heute vertritt er einen Interessenten, Agit Yafsan, mit dem das Vorgehen abgestimmt ist und für den er bietet. Die Bank hat noch zusätzlich einen Rechtsanwalt im Saal.

Reichard legt ein Angebot über 25 000 Euro vor. „Herr Yafsan bietet 25.000 Euro“, konkretisiert die Rechtspflegerin. Ein Raunen geht durch die Zuschauerreihen, in denen auch vier Naumburger sitzen: Ein Privatmann, zwei Vertreter einer Gruppe Naumburger Bürger und der Geschäftsmann Andreas Weimann, der das Haus umbauen möchte. Im Kneipenbereich will er ein Moped-Museum einrichten, im Rest des Hauses Räumlichkeiten für eine Senioren-Wohngemeinschaft. Der Gewölbekeller soll für öffentliche Kulturveranstaltungen zur Verfügung gestellt werden.

Hatte große Pläne für die Stadtschänke: Andreas Weimann musste sich beim Bieten geschlagen geben.

Weimann überdenkt seine Strategie, während erste Besucher unter dem Eindruck der gebotenen 25.000 Euro kapitulieren und den Raum verlassen. Auch Andreas Weimanns Limit ist eigentlich damit schon überschritten, den anderen Naumburgern geht es ebenso, sie sind raus, noch ehe sie einsteigen können. Im Raum ist für Minuten nur das Ticken der Wanduhr und das Klappern der Tastatur zu hören, über die die Protokollantin den Stand der Dinge eingibt. Ein weiteres Paar geht, als Weimann kurz vor 10 Uhr sein Gebot abgibt: 26.000 Euro.

Konkurrent Reichard verlässt den Raum zum Telefonieren. War es das schon? Er kehrt zurück, legt einen Euro drauf, Weimann weitere 500 Euro. Die Reaktion kommt prompt: ein Euro von Reichard. Weimann erhöht auf 27.000 Euro, der Vertreter des Herrn Yafsan geht mit einem weiteren Euro drüber.

Andreas Weimann geht letztlich bis 28.000 Euro mit, überlässt dann aber der weitermarschierenden Konkurrenz das Feld. Das Bargebot von Agit Yafsan in Höhe von 28 001 Euro, abgegeben von Christoph Reichard, erhält den Zuschlag. Andreas Weimann verlässt sichtlich enttäuscht das  Amtsgericht. An die 250.000 Euro hatte er in den Umbau investieren wollen, dazu viel Eigenleistung.

„Wir haben angestrebt, 25 000 bis 35.000 Euro zu erzielen“, sagt hinterher Christoph Reichard aus Perspektive der Bank. Aber auch der neue Eigentümer könne zufrieden sein. „Der Marktwert ist ja deutlich höher.“

Aus der Kneipe soll ein Wohnhaus werden

War das jetzt noch ein Schnäppchen? „Nicht wirklich“, sagt Agit Yafsan, der für 28.001 Euro die Naumburger Stadtschänke ersteigert hat. Aber weil es zurzeit zu wenige Häuser auf dem Markt gebe, die auch bezahlbar seien, sagt der 24-jährige Kurde, sei die Summe durchaus okay. In seiner Heimatstadt Fulda und dort im Umfeld gebe es nichts Vergleichbares.

In der Bischofsstadt ist Yafsan geboren und aufgewachsen, hier wird er auch bleiben, sagt er, auch wenn er jetzt ein Haus in Naumburg besitzt. Das habe er ja auch nicht als neues Domizil erworben. Beruflich habe er „hauptsächlich mit Immobilien zu tun“, die Stadtschänke sei inzwischen sein viertes eigenes Objekt. Sein Geschäftsmodell: Häuser günstig erwerben, Wohnungen bauen und vermieten.

Das gilt auch für Naumburg. In der Stadtschänke werden voraussichtlich sechs Wohnungen entstehen, erklärt der neue Eigentümer des alten Fachwerkhauses an der Unteren Straße. Ob es im Erdgeschoss auch wieder eine Gastronomie geben wird, „entscheidet sich im Februar, wenn es sich der Architekt angeschaut hat, und wenn es eine Nachfrage für eine Gastronomie gibt“. Die würde er dann nicht selbst betreiben, sondern verpachten. Der Innenausbau habe Priorität, „die technischen Dinge sind erst mal wichtiger als die Fassade. Das muss einwandfrei funktionieren“, betont der 24-Jährige. „Und dann gehen wir an die Schönheitsdinge.“

Bis Ende 2020 will Agit Yafsan die Wohnungen bezugsfertig haben. Wie hoch letztlich sein Investment sein wird, wisse er noch nicht. „Es wird eine große Summe sein, denn es muss viel gemacht werden.“

Den Kontakt zu Christoph Reichard von der BSQ-Bausparkasse und damit zur Stadtschänke in Naumburg habe er über Bekannte bekommen. Reichard habe ihm das Objekt gezeigt, er habe dann gesagt, „ich würde es kaufen“. Und als der Mann von der Bank ihm angeboten habe, für ihn das Ersteigern zu übernehmen, habe er gerne angenommen. „Herr Reichard ist lange im Geschäft, und er ist geschickt im Bieten.“

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