Prüfung erfolgreich abgeschlossen

Jessica Hölscher begeistert sich für die Falknerei

Üben am Plüschtier: Für das Anlegen des Geschühs, der Riemen zur Fixierung auf dem Handschuh, arbeitet man mit Attrappen.
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Üben am Plüschtier: Für das Anlegen des Geschühs, der Riemen zur Fixierung auf dem Handschuh, arbeitet man mit Attrappen.

Erst der Jagdschein, dann die Ausbildung zur Falknerin. Jessica Hölscher aus Altendorf ist von der Beizjagd fasziniert.

Altendorf - Den meisten reicht das Pensum nach einem knappen Dreivierteljahr intensivem Büffeln bis zum Jagdschein. Nicht so Jessica Hölscher. Die 26-Jährige aus dem Naumburger Stadtteil Altendorf hat, kaum dass sie die anspruchsvolle Prüfung bestanden hatte, nachgelegt und eine Ausbildung zur Falknerin absolviert. Im September hat sie auch diese Prüfung geschafft und besitzt nun die Berechtigung, mit edlen Greifvögeln zu arbeiten.

Dass sie mal mit Passion auf die Pirsch gehen würde, war kaum abzusehen. Mit dem Jagen hatte man in ihrer Familie nichts zu tun, sagt die junge Frau, die in Melsungen aufwuchs und dort auch zur Schule ging. Für die Natur habe sie sich zwar schon immer interessiert und sie auch genossen, vorzugsweise allerdings beim Segeln mit den Eltern auf dem Edersee. Zur Jagd kam sie durch Zufall, im Zuge eines Freiwilligen Sozialen Jahres, das sie nach dem Abi absolvieren wollte.

„Ich suchte was Herausforderndes und bin dann beim Rettungsdienst des ASB in Balhorn fündig geworden“, erinnert sie sich. Dort lernte sie ihren Freund kennen, mit dem sie seit inzwischen knapp sechs Jahren in Altendorf wohnt. Ihn, einen Jäger, hat sie bald auf den Ansitz begleitet. Sie hat beim Aufbrechen des erlegten Wildes geholfen, ist auch bei Treibjagden mitmarschiert. Und weil Jessica Hölscher keine Freundin halber Sachen ist, meldete sie sich schließlich 2019 beim Kreisjagdverein Wolfhagen an, um mit dem nächsten Kurs selbst den Jagdschein zu machen.

„Der Hauptgrund war für mich, mein Allgemeinwissen zu erweitern. Ich wollte mehr über die Natur wissen, über die Jagd und den Tierschutz“, sagt Hölscher. „Und ich wollte auch Ansprechpartnerin sein bei Wildunfällen und Fundtieren.“ An Wissensdurst und Leistungsbereitschaft mangelt es der jungen Frau, die in Kassel Lehramt studiert, jedenfalls nicht. 2020, im selben Jahr, in dem sie erfolgreich die Jägerprüfung ablegt, macht sie an der Uni ihr erstes Staatsexamen und absolviert bei der Feuerwehr in Altendorf die Ausbildung zur Atemschutzgeräteträgerin.

Auf dem Hochsitz: Jessica Hölscher ist nicht immer auf Beute aus. Oft sitzt sie auf der Kanzel, um zur Entspannung Wild und Natur zu beobachten.

Nun hätte sie also die Zeit im Revier genießen können. Wieso dann gleich den nächsten Schritt zur Beizjagd? „Da kann ich leider keine coole Antwort geben“, sagt die 26-Jährige. Das Beobachten von Greifvögeln habe sie schon immer als „spannend und interessant“ empfunden. „Es ist eine ganz besondere Beziehung zwischen Mensch und Tier“, nennt sie einen Aspekt, der die Faszination der Beizjagd ausmacht. „Der Vogel braucht mich eigentlich nicht. Er kommt zurück, weil er mit seinem Falkner etwas Angenehmes verbindet.“

Im Rahmen der Jagdausbildung habe das Thema Falknerei nur eine Nebenrolle gespielt. Da kam eine kleine Anzeige, die Jessica Hölscher in einer Fachzeitschrift für Jäger durch Zufall entdeckt, gerade richtig. Da wurde ein Kurs angeboten, der ausgerechnet in ihrer alten Heimat Melsungen stattfinden sollte. Voraussetzung: Man musste bereits im Besitz des Jagdscheins sein. Sie meldete sich an, eignete sich während eines dreitägigen Blocks und zuhause die Theorie an, vertiefte das Ganze während der Praxistage im Naturschutzzentrum Wetzlar und der Falknerei im Tierpark Sababurg. Am Esszimmertisch übte sie eifrig an einer Stoffattrappe das Binden der Lederriemen, das sogenannten Geschüh, mit dem der Vogel auf der Faust des Falkners oder einer anderen Sitzvorrichtung fixiert wird. Nach einem Intensivwiederholungswochenende stand die zweitägige Prüfung in Weilburg an. Da musste sie ihr Wissen in den unterschiedlichen Sachbereichen – Ornithologie, Recht, Ausübung der Beizjagd – unter Beweis stellen. Von den 38 Prüflingen schafften es 27. Jessica Hölscher war eine der Erfolgreichen.

Einen passenden Beizvogel hat sie noch nicht. „Ich will nichts übers Knie brechen“, sagt sie. Erst mal will sie weiter lernen bei erfahrenen Falknern. Vor dem zeitlichen Aufwand, den die Falknerei erfordert, habe sie keine Sorge. Und sie betont: „Ich würde mir auch nie ein Tier anschaffen, wenn ich ihm nicht gerecht werden könnte.“

Info: 38 Prüflinge, davon 16 Frauen, traten im September im Forstlichen Bildungszentrum Weilburg zur Falknerprüfung an. 27 Prüflinge waren erfolgreich. Der Besitz eines Jagdscheines ist Voraussetzung für die Falknerprüfung. Die Falknervereine der Bundesländer und auch kommerzielle Jagdschulen richten Lehrgänge aus, aktuell auch online. Daneben nimmt das Selbststudium einen erheblichen Platz ein: In einem der Standardlehrbücher sind 1048 Fragen verfasst. Die Prüfung umfasst einen mündlichen und einen Praxisteil. Der Fragenkatalog ist vielfältig und soll ausdrücklich die vorhandene Sachkunde im Umgang mit dem Tier abfragen. Themen, die vorkommen können, sind etwa Ernährung, Tierwohl, einschlägige Rechtsgebiete, Handling und Anbindehaltung des Tieres sowie Umgang mit verletzten Findlingsvögeln. Der praktische Prüfungsteil beinhaltet die Haltung des Beizvogels sowie die Jagd mit Greifvögeln mit jeweils komplexen Aufgabenstellungen zu den möglichen Arten Sperber, Wanderfalke, Habicht/Wüstenbussard und Steinadler.  (Norbert Müller)

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