Notizen aus dem Ersten Weltkrieg dienen Otto Wendt als Buchvorlage

Blick in die Geschichte: Otto Wendt vor dem Kriegstagebuch des Dorflehrers Carl Eysel. Davor ein Album mit Fotos Altenstädter Kriegsteilnehmer, vorn rechts ein druckfrisches Exemplar von Wendts Buch. Foto:  Norbert Müller

Altenstädt. Carl Eysel war ein akribischer Sammler von Informationen, dazu ein Hurra-Patriot, der Obrigkeit treu ergeben. 34 Jahre lang war er Dorfschullehrer in Altenstädt. Was von ihm bleibt: Ein Kriegstagebuch, das er im Juli 1914 begann und vier Jahre lang führte.

Seinen Aufzeichnungen ist es zu verdanken, dass man gut 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg detailliert über das Schicksal der 167 Kriegsteilnehmer aus Altenstädt Bescheid weiß.

Fund auf Dachboden

Jahrzehnte schlummerten die Aufzeichnungen auf dem Dachboden des Hauses an der Altenstädter Schmiedegasse, in dem Eysel bis zu seinem Tod 1952 wohnte. Bei Aufräumarbeiten wurden sie entdeckt. Das Kriegstagebuch fand schließlich den Weg zu Otto Wendt, Mitglied des Naumburger Geschichtsvereins. Gut ein Jahr hat er sich intensiv mit dem Buch beschäftigt, hat die in Sütterlin niedergeschriebenen Texte Wort für Wort in heutige Schrift transkribiert.

167 junge Männer

Und dabei, erzählt der 70-jährige Wendt, sei er immer tiefer eingetaucht in eine lange zurückliegende Zeit, in das Denken einer vom Nationalismus geprägten Generation, die zu Kriegsbeginn noch glaubte, bis zum Triumph sei es ein kurzer Weg. Und vor allem in die Schicksale der 167 jungen Männer aus Altenstädt, die für den Kaiser in den Krieg zogen. 31 von ihnen verloren dabei ihr Leben.

Fiel als erster Altenstädter: Am 8. Dezember 1914 wurde der Erste Gefreite Georg Kimm in Galizien getötet.

Wo und wie sie zu Tode kamen - all das hat Lehrer Eysel notiert. Selbst den genauen Wortlaut der jeweiligen Todesnachricht an die Angehörigen hat er in seinen Aufzeichnungen verewigt. Im Kriegstagebuch findet sich aber mehr als die detaillierten Biografien der Kriegsteilnehmer. Carl Eysel spiegelt auch das Leben in Altenstädt wieder. Er beschreibt, wie die Arbeit in der Landwirtschaft ohne die jungen Soldaten weiterlief, berichtet von so genanten Liebesgaben für die Soldaten: gestrickte Socken, Pulswärmer und Leibbinden.

Goldsammlungen der Schüler

Begeistert schreibt der Lehrer von den Leistungen der Schüler bei Gold- und Kupfersammlungen, bei der Ernte, beim Zusammentragen von Himbeer-, Brombeer- und Waldmeisterblättern für die Teegewinnung, von Früchten der Mehlbeere für Kaffee-Ersatz, von Laubheu als Einstreu in den Ställen. Stolz hält er fest, dass die Altenstädter Kinder mit ihren Ergebnissen bei den Sammlungen an erster Stelle im Landkreis Wolfhagen standen.

Speck

Im Kriegstagebuch wird auch über den Abtransport der großen Kirchenglocke berichtet, über die Verpflichtung zur Abgabe von Ersatzteilen für Fahrräder, wobei sowieso nur noch der Rad fahren durfte, der beruflich darauf angewiesen war. Und über den kalten Steckrübenwinter, als 1916/17 die wenigen Kartoffeln in den Kellern kaputtfroren. Auch die Preise der damaligen Zeit sind gelistet - ein Pfund Speck war mit 85 Pfennig teurer als ein Pfund Rindfleisch (80 Pfennig).

Aus all den Überlieferungen Eysels hat Otto Wendt ein für die Altenstädter Heimatgeschichte bedeutsames, 248 Seiten starkes Werk zusammengestellt.

Vorbestellungen für das Buch „Altenstädt im 1. Weltkrieg“ nimmt Herausgeber Otto Wendt unter 05625/5065 entgegen. Der Verkaufspreis wird laut Wendt bei etwa 15 Euro liegen.

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