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Oberelsunger Pflegeheim Abendfrieden steht kurz vor dem Aus

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Von: Clara Veiga Pinto

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Belegungsstopp im Haus Abendfrieden: Seit November 2021 darf Betreiberin Gertrud Degener keine neuen Pflegebedürftigen mehr aufnehmen.
Belegungsstopp im Haus Abendfrieden: Seit November 2021 darf Betreiberin Gertrud Degener keine neuen Pflegebedürftigen mehr aufnehmen. © Clara Pinto

Seit November 2021 herrscht Belegungsstopp im Oberelsunger Haus Abendfrieden. Die Umsatzeinbußen sind hoch - die Bewohnerzahl hat sich halbiert.

Zierenberg – Gertrud Degener ist wütend. Wütend und fassungslos zugleich. Seit 29 Jahren ist sie Leiterin des Altenheims Haus Abendfrieden in Oberelsungen. Bis vor einem Jahr hatte sie noch 36 Bewohner. Jetzt sind es nur noch 18, und die Einrichtung muss mit erheblichen Umsatzeinbußen zurechtkommen. Für den wirtschaftlichen Betrieb der Einrichtung brauche sie nämlich 30 Bewohner. Der Grund ist ein Belegungsstopp, auferlegt von der übergeordneten Behörde, der Betreuungs- und Pflegeaufsicht, auch Heimaufsicht genannt.

Gertrud Degener Heimleiterin
Gertrud Degener Heimleiterin © Temme, Tanja

Alle stationären und ambulanten Betreuungs- und Pflegeeinrichtungen unterliegen in Hessen nämlich der staatlichen Aufsicht. Zuständige Behörde hierfür ist jeweils das örtliche Amt für Versorgung und Soziales, obere Aufsichtsbehörde ist das Regierungspräsidium Gießen. Die Hessische Betreuungs- und Pflegeaufsicht überprüft die Pflegeeinrichtungen, berät sie und geht Beschwerden von Mitarbeitern, Pflegebedürftigen und deren Angehörigen nach.

Wie kam es zum Belegungsstopp im Pflegeheim Abendfrieden?

Seit Anfang 2018 wurden von der Betreuungs- und Pflegeaufsicht beziehungsweise dem Medizinischen Dienst Hessen (MD) insgesamt zehn Begehungen und Prüfungen im Haus Abendfrieden abgewickelt. Dabei wurden laut Behörde in verschiedenen Bereichen „Mängel und wiederholte Mängel“ festgestellt, heißt es auf Anfrage. Diese seien nicht behoben worden.

Heimaufsicht verhängte den Belegungsstopp 2021

Im November 2021 kam es dann zum Belegungsstopp. Von heute auf morgen durfte das Haus Abendfrieden keine neuen Pflegebedürftigen aufnehmen. „Die Heimaufsicht hat uns dann sechs Auflagen gestellt, die wir erfüllen mussten“, sagt Heimleiterin Degener.

Pflegemängel wurden aufgelistet

Die Betreuungs- und Pflegeaufsicht hatte einiges zu bemängeln. Fehlerhafte Sauerstoffversorgung und Notrufklingeln außer Reichweite der Bewohner sind laut Degener nur wenige Beispiele.

Der Medizinische Dienst stellte auch Mängel bei der Wundversorgung im Haus fest. Die Wundversorgung „nach Art des Hauses“ sei aus pflegefachlicher Sicht kritisch, da hierbei unzureichend die Aspekte der modernen Wundversorgung gemäß dem aktuellen Stand des Wissens berücksichtigt worden waren.

Mit der „Behandlung nach Art des Hauses“ meint Degener die Anwendung von Natur-Arznei wie Salben aus Kräutern. „Durch diese Behandlungsart heilen die Wunden viel schneller“, sagt Degener. „Auch ein Arzt hat mir das bestätigt.“

So ging es hin und her zwischen Pflegeaufsicht und Haus Abendfrieden: Neue Prüfungen wurden veranlasst. Und neue Mängel wurden festgestellt, die die Einrichtung beheben sollte. Haus Abendfrieden sendete immer wieder Stellungnahmen. „Die wurden einfach ignoriert“, sagt der Rechtsanwalt des Hauses Abendfrieden, Dr. Volker Klippert.

Der Belegungsstopp zwingt das Pflegeheim vom Markt

Aktuell sieht es nicht gut aus für das Altenheim. „Auf Dauer kann Frau Degener das Haus finanziell nicht aufrecht erhalten“, meint Dr. Volker Klippert. „Durch den Belegungsstopp wird die Einrichtung vom Markt gezwungen“, sagt er weiter. In einer betriebswirtschaftlichen Auswertung berechnete ein Steuerberater den Verlust, den das Haus Abendfrieden wegen des Stopps machte. Er stellte die Einnahmen von Januar bis August 2021 mit denen von Januar bis August 2022 gegenüber. Heraus kam ein Wegfall von 145 000 Euro.

Heimleiterin Degener fühlt sich ungerecht behandelt

Die Heimleiterin fühlt sich ungerecht behandelt. „Seit 67 Jahren arbeite ich jetzt in der Pflege. Das Haus hat immer gute Bewertungen, unter anderem vom MD bekommen“, sagt sie. „Ich habe das Gefühl, dass die Heimaufsicht mich einfach wegschaffen möchte, weil ich schon 84 Jahre alt bin“, mutmaßt die Leiterin. „Das ist aber Quatsch. Ich bin noch topfit.“

Anwalt Klippert fügt hinzu: „Die Kernvorwürfe sind Dinge formaler Art. Das Pflegerische wird dabei außen vor gelassen.“ Aus seiner Sicht sind die Vorwürfe übertrieben. Das Ende vom Lied könne eine Schließung sein. „Dann würden 18 Bewohner und 18 Mitarbeiter auf der Straße stehen“, sagt Gertrud Degener.

Hinzu komme, dass die Pflegelage sowieso angespannt sei. „Viele Angehörige suchen Pflegeheim-Plätze für ihre Liebsten und bekommen keine, weil die Heime voll sind“, sagt Degener. Die Heimaufsicht verwehre den Menschen durch den Belegungsstopp Heimplätze.

Das sagt die Betreuungs- und Pflegeaufsicht über das Pflegeheim in Zierenberg

Auch die Betreuungs- und Pflegeaufsicht meldete sich auf Anfrage zu Wort: „Der Aufnahmestopp war erforderlich, da wiederholt bei Prüfungen in den letzten Jahren in der Einrichtung sowohl im konkreten Einzelfall als auch in allgemein struktureller Hinsicht Mängel festgestellt wurden“, schreibt der stellvertretende Pressesprecher Thorsten Haas. Degener sei trotz umfassender und wiederholter Beratungen durch die örtlich zuständige Betreuungs- und Pflegeaufsicht Kassel der Mängelbeseitigung nicht, nur teilweise oder nur oberflächlich nachgekommen, heißt es weiter. Stellungnahmen von Gertrud Degener seien, sofern diese zum Nachweis einer Mängelbeseitigung geeignet waren, stets berücksichtigt worden. „Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die seitens der Betreiberin vorgelegten Unterlagen, beispielsweise Prüfergebnisse beziehungsweise Bekundungen von Dritten aus den Jahren 2010 bis 2021, als Nachweis für eine adäquate Mängelbeseitigung zu aktuellen mängelbegründenden Feststellungen nicht geeignet waren“, informierte der stellvertretende Pressesprecher Thorsten Haas. 

(Clara Pinto)

Auch im südlichen Schwalm Eder Kreis ist ein Pflegeheim vom Aufnahmestopp betroffen, nachdem Bewohner schwere Vorwürfe erhoben haben.

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