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Preis-Rekord: Der Milchpreis ist so hoch wie noch nie

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Von: Paul Bröker

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Trotz guter Abnehmerpreise ist die Stimmung bei den Milchbauern eher mau, da die Kosten enorm gestiegen sind. Im Foto Helmut Flörke aus Wolfhagen in seinem Kuhstall.
Trotz guter Abnehmerpreise ist die Stimmung bei den Milchbauern eher mau, da die Kosten enorm gestiegen sind. Im Foto Helmut Flörke aus Wolfhagen in seinem Kuhstall. © Bröker, Paul

Konventionelle und Bio Milch sind fast gleich teuer. Landwirte im Kreis Kassel profitieren von den hohen Preisen allerdings nicht.

Kreis Kassel – Der Milchpreis ist auf ein Rekordniveau gestiegen. Ein Liter konventionelle H-Milch kostet im Supermarkt 1,09 Euro. Im Frühjahr war die gleiche Milch noch für circa 80 Cent zu bekommen: eine Preissteigerung um 36 Prozent – deutlich höher als die Inflation.

Zudem gibt es eine weitere bemerkenswerte Entwicklung: Die Rohmilchpreise liegen für Bio- und konventionelle Milch nahezu gleichauf. „Das liegt daran, dass die Kunden Biomilch weniger nachfragen“, erklärt Johannes Gerhold vom Kreisbauernverband. „Bei weniger Geld im Portemonnaie greifen sie eher zu günstigeren Lebensmitteln.“ Die Biolandwirte müssten ihre produzierte Milchmenge dennoch loswerden. So würden sich die im Vergleich zur konventionellen Milch günstigen Preise erklären.

Kosten für Landwirtschaft steigen - Bio-Milch lohnt sich kaum noch

Die insgesamt höheren Preise erfreuen die Landwirte jedoch kaum. „Bei Dünger, Futter und Energie laufen uns die Preise davon“, beklagt Kreislandwirt Jörg Kramm aus Grebenstein. Dadurch verteuerten sich sämtliche Produktionsprozesse, sagt er. Denn derzeit hätten, anders als in normalen Jahren, die hohen Preise auch nicht zu einer Ausweitung der Milchproduktion geführt.

Johannes Gerhold Kreisbauernverband Kassel
Johannes Gerhold, Kreisbauernverband Kassel © Privat

Den Biolandwirten mache zusätzlich noch der trockene Sommer zu schaffen, sagt Johannes Gerhold. „Dadurch, dass sie auf mineralischen Dünger verzichten müssen, sind die Futtererträge gefallen.“ Es schmerze, dass der Preisabstand heute so gering ist, ergänzt Jörg Kramm. Der für die Bioproduktion höhere Einsatz bei gleichzeitig geringerer Produktion lohne sich damit kaum noch.

Die Haltung von Nutztieren nehme im Landkreis insgesamt ab. Davon sei auch die Kuhhaltung betroffen, so Kramm. Von 2020 bis 2022 sei die Zahl der Kühe von 5050 auf 4600 zurückgegangen. Von 77 Haltern seien 59 verblieben. „Gerade die Jüngeren haben keine Lust mehr auf Tierhaltung“, so der Kreislandwirt. Zwar kauften viele Verbraucher gerne regional, doch es fehle der Rückhalt für die Landwirte. Stattdessen begegneten ihnen oft pauschalisierende Vorverurteilungen. „Es macht einfach keinen Spaß mehr.“

Die Milch-Bauern im Kreis Kassel sind im Stimmungstief

„Kurzfristig lohnt sich das nicht“, sagt Johanna Krug aus Baunatal-Rengershausen über die Milchproduktion. Die 25-jährige soll einmal den Biolandhof Krug, den momentan noch ihre Eltern Bernd und Anja führen, mit etwa 75 Kühen übernehmen. Wenn die Abnehmerpreise für Biomilch zumindest langfristig wieder steigen und sich der Preisabstand zur konventionellen Milch wieder herstellt, könnte das auch gelingen.

Johanna Krug Biolandwirtin
Johanna Krug, Biolandwirtin © Privat

Die Krugs liefern ihre Biomilch an die Upländer Bauernmolkerei. Im Handel kostet eine Tüte Biomilch der Molkerei derzeit 1,75 Euro. „Die lassen gut mit sich reden und entscheiden eher für die Bauern“, sagt Johanna Krug. Dadurch, dass die Milchprodukte vor allem regional vermarktet werden, habe die Molkerei in den vergangenen Jahren ganz gut dagestanden.

Doch das Kaufverhalten hat sich geändert. „In den Köpfen ist bio immer gleich teuer. Da greifen die Kunden derzeit im Supermarkt lieber zu den Eigenmarken.“ Um dem entgegenzutreten, setzt der Krug’sche Hof auf Direktvermarktung: im eigenen Hofladen in Rengershausen. Dort habe man die Preise nur geringfügig erhöht. „Wir haben nur die eigenen Preiserhöhungen weitergegeben.“

Milch-Bäuerin kritisiert Supermärkte: Einzelhandel schöpft die Gewinne ab

Sie wundere sich, dass in den Supermärkten beispielsweise die Upländer-Butter wesentlich mehr koste als im eigenen Hofladen, so Johanna Krug. „Der Einzelhandel stopft sich das in die eigene Tasche“, vermutet die Landwirtin. „Bei uns würden die Kunden das nicht akzeptieren. Wir können unseren Ruf nicht riskieren, Aldi und Co. sind dagegen anonym.“

Die Kühe kümmert der Milchpreis nicht: Endlos hungrig kauen sie ihr Futter im Stall von Landwirt Helmut Flörke in Wolfhagen.
Die Kühe kümmert der Milchpreis nicht: Endlos hungrig kauen sie ihr Futter im Stall von Landwirt Helmut Flörke in Wolfhagen. © Paul Bröker

Auch konventionelle Landwirte blicken düster in die Zukunft. Einer von ihnen ist Helmut Flörke aus Wolfhagen. Er hält 70 Milchkühe. „Ich habe ein ganz blödes Bauchgefühl bei den derzeitigen Preisen“, sagt er. Die nützten auch ihm wenig. In früheren Jahren habe er sich auf die Preise langfristiger einstellen können, heute schwankten sie unentwegt.

Die prekäre Situation bei den Milchbauern habe nichts mit dem Krieg in der Ukraine zu tun, wie Flörke sagt. Er sieht die Gründe woanders. „Der Staat greift immer mehr ein, die Auflagen werden immer höher“, bemängelt er. Dabei verunsicherten die vielen Siegel die Verbraucher. „Am Ende schauen sie vor allem auf den Preis, wie man jetzt sieht.“

Landwirte fürchten Bürokratie und Politik gegen Tierhaltung

Für die mittelfristige Zukunft seines Betriebs sieht Helmut Flörke schwarz. „Und das, obwohl die Preise dieses Jahr gut waren.“ Größte Herausforderung sei das politische Umfeld. „Wirtschaft ist Psychologie“, sagt er. Die Stimmung wende sich gegen die Tierhaltung. Da helfe die übermäßige Bürokratie nicht weiter. „Wenn man heute mehr im Büro sitzt, um eine blödsinnige Dokumentation auszufüllen, dann kommen mir Zweifel am Beruf.“

Im Hofgeismarer Ortsteil Schöneberg wird es im Biobetrieb von Christian Scholle schon bald keine Kühe mehr geben, zumindest plant das der Landwirt. „Wir halten momentan noch 60 Kühe, aber das läuft jetzt aus“, sagt der 36-Jährige. An der Wirtschaftlichkeit liege es jedoch nicht. Mit dem derzeitigen Biomilchpreis von 55 Cent pro Liter könne man leben.

Spritpreise schlagen durch: Ein Landwirt tankt etwa 25.000 Liter Diesel pro Jahr

Christian Scholle hat sich bewusst entschlossen, auf andere Betriebszweige zu setzen als seine Eltern, die kurz vor der Rente stehen. „Der Kuhstall ist schon 25 Jahre alt, aber gerade haben wir erst anderthalb bis zwei Millionen Euro in unsere Legehennen investiert.“ Wenn es mit der Kuhhaltung hätte weitergehen sollen, wären weitere siebenstellige Investitionen nötig geworden. „Das überlegt man sich dann zweimal.“

Von den Preissteigerungen sei der Biobetrieb noch einigermaßen verschont geblieben. „Wir erzeugen das Tierfutter selbst und benötigen keinen Pflanzenschutzdünger“, erklärt Scholle. Einzig bei den Dieselpreisen sei der Preisanstieg merklich. Pro Jahr tanken die Scholles rund 25 000 Liter Sprit, der nun 50 bis 80 Cent pro Liter teurer geworden sei.

Molkereien: Nur 3 Cent mehr für Bio-Milch

Der Erzeugerpreis für Milch ist im vergangenen Jahr laut Statistik der EU-Kommission um rund 56 Prozent gestiegen. Im Vergleich zum Vorjahresmonat bekamen die Landwirte im Oktober dieses Jahres 59 statt 33 Cent pro Kilo. Auch bei Biomilch gibt es einen starken Preisanstieg. Laut dem Verband Bioland ist der Kilopreis von Januar bis Oktober von 52,1 auf 62,1 Cent gestiegen. Der Abstand zwischen konventioneller Milch betrug somit im Oktober nur noch etwa drei Cent. (Paul Bröker)

Milch- und Käseerzeugung hat in Hessen Tradition, regionale Produkte liegen im Trend: Landwirte aus ganz Hessen sind Teil des Projekts Hessische Milch- und Käsestraße.

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