Selbstständige Evangelisch-Lutherische Kirche feiert Jubiläum im kleinen Kreis

Seit 100 Jahren Balhorner Gotteshaus Heim der Gläubigen

Aus alter Zeit: Helmuth Merkwirth, Hans-Georg Löber und Richard Mey (von links) mit dem Bauplan der Kirche, der im Original erhalten ist. Rechts ein Modell des Gotteshauses. Fürs
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Aus alter Zeit: Helmuth Merkwirth, Hans-Georg Löber und Richard Mey (von links) mit dem Bauplan der Kirche, der im Original erhalten ist. Rechts ein Modell des Gotteshauses. Fürs

So voll, wie bei der Einweihung des Balhorner Gotteshauses am Vogelsberg, wird es am kommenden Sonntag nicht werden.

Balhorn – Fast 1000 Besucher, so ist überliefert, drängten sich am dritten Advent 1921 beim Einweihungsgottesdienst im Kirchenschiff und auf den Emporen. Wegen der Corona-Pandemie wird die Selbstständige Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde (Selk) nun deutlich bescheidener feiern.

Maximal 80 Gläubige werden zum Gottesdienst, der um 10 Uhr beginnt, eingelassen. Mehr sei aktuell bei Einhaltung der Abstandsregel nicht machbar, sagt Richard Mey, der Rendant der Kirchengemeinde. Die Hygienebestimmungen, sagt der Mann, der für die Finanzen der Selk in Balhorn zuständig ist, gelte es einzuhalten, auch anschließend im Gemeindehaus, wo im großen Saal eine Ausstellung über die 100-jährige Geschichte der Kirche vorbereitet wurde.

Neben uralten Gesang- und Gebetbüchern, einer Bibel und Fotos früherer Gemeindepfarrer ist auch die Originalzeichnung des Architekten zu sehen, sowie Kopien von Zeitungsberichten von der Kirchweihe an jenem dritten Advent vor 100 Jahren.

Hier wird am Sonntag mit dem nötigen Abstand Gottesdienst gefeiert: Helmuth Merkwirth, Richard Mey und Hans-Georg Löber im Innenraum der Kirche mit dem schlichten Holzaltar in der Apsis.

Besucher erfahren, dass die seinerzeit als „Renitenten“ bezeichneten evangelischen Christen, die der lutherischen Kirche altkonfessioneller Prägung angehörten, bereits 1874 zum Bau eines eigenen Gotteshauses in Balhorn entschlossen. Im selben Jahr wurde mit dem Bau begonnen. Das Gebäude, von den Gemeindegliedern auch Betsaal genannt, wurde in einfacher Holzbauweise errichtet und wurde schon nach dreimonatiger Bauzeit eingeweiht.

Bald nach dem Ersten Weltkrieg war eine grundlegende Sanierung nötig. Die Gemeinde holte eine Kostenschätzung für eine Runderneuerung ein, ließ aber auch prüfen, was für den Bau einer Kirche aus Sandstein zu berappen wäre. Trotz der enormen Kosten von geschätzten 120 000 Reichsmark entschied sich die Gemeinde für den Neubau, der dann letztlich mit 150 000 Reichsmark zu Buche schlug. Finanziert wurde das Projekt komplett aus Spenden der Gemeindeglieder, die zudem auch eifrig am Bau mithalfen.

Am Montag nach dem Konfirmationsgottesdienst, am 3. April 1921, wurde mit dem Abbruch der alten Kirche begonnen. Drei Wochen später wurde feierlich der Grundstein gelegt. Das Baumaterial karrten Landwirte zur Baustelle: Den Sand holte man aus einer Grube bei Breitenbach, die Sandsteine aus Brüchen am Bahnhof und im Erzebach. Das Holz für den Dachstuhl stammt aus den Wäldern von Elmarshausen, die Gutsbesitzer waren Anhänger der evangelisch-lutherischen Konfession. Am 11. Dezember, dem dritten Adventssonntag, weihte die Gemeinde ihr neues Gotteshaus ein. Das Wolfhager Kreisblatt berichtete seinerzeit: „Die Einweihung der neuerbauten Kirche der hiesigen renitenten Gemeinde fand bei herrlichstem Wetter unter äußerst zahlreicher Beteiligung am vergangenen Sonntag statt. Am Pfarrhaus sammelte sich der Zug zur Kirche. Voran schritten sechs Geistliche, an die sich die Kirchenältesten mit den heiligen Geräten anschlossen. Der Posaunenchor, aufgestellt am Portal des neuen Gotteshauses, blies, die ankommende Gemeinde begrüßend: Alles was Odem hat, lobe den Herrn.“

Mit ähnlicher Begeisterung hätte man nun auch 100 Jahre später das Jubiläum der Kirchweihe gefeiert. Aber vom ursprünglich angedachten Programm für Sonntag, sagt Helmuth Merkwirth vom Festausschuss, blieb wegen der Pandemie nur ein bescheidener Teil übrig. „Wir haben dann gesagt, wir verlegen es wegen Corona in den Sommer und ins Freie.“ Dazu gehören unter anderem auch Konzerte, sagt Kirchenvorstandsmitglied Hans-Georg Löber, von denen übers Jahr verteilt jeden Monat eins stattfinden soll. Mit Veranstaltungen an der frischen Luft habe man inzwischen ja auch schon eine gewisse Routine, ergänzt Richard Mey. In den vergangenen zwei Jahren habe die Gemeinde, der 520 Gläubige angehören, „vieles ins Freie verlegt, von der Taufe bis zur Konfirmation“.

Am Sonntag werde nun aber erst mal drinnen der Gottesdienst in kleinem Kreis gefeiert, in der Kirche, die sich dank regelmäßiger Pflegearbeiten und einer großen Sanierung anno 2017 so schmuck präsentiert wie vor 100 Jahren. (Norbert Müller)

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