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Putzfrauen schrubben im Verborgenen

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Von: Johannes Rützel

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Die Reinigungskräfte Anna Lubina (links) und Roswitha Magis-Ok reinigen unter anderem die Mehrzweckhalle in Dörnberg. Wenn andere morgens zur Arbeit fahren, sind sie oft schon fertig.
Die Reinigungskräfte Anna Lubina (links) und Roswitha Magis-Ok reinigen unter anderem die Mehrzweckhalle in Dörnberg. Wenn andere morgens zur Arbeit fahren, sind sie oft schon fertig. © Johannes Rützel

Zum Tag der Putzfrau haben wir Reinigungskräfte besucht. Der Beruf ist anspruchsvoll und erfordert einige Fachkenntnisse.

Wolfhagen – Putzkräfte schrubben, wienern, wischen und saugen im Verborgenen. Eine Arbeit, oft im Zwielicht der Dämmerung ausgeführt, vor oder nach Ladenschluss.

Schulkinder sind gerade auf dem Weg, der Pendelverkehr ist in vollem Gange und die Sonne noch nicht aufgegangen, da sind Roswitha Magis-Ok und ihre Mitarbeiterin Anna Lubina in der Mehrzweckhalle Dörnberg schon fast fertig mit ihrer Arbeit. Die Kroatin Anna Lubina kam 2014 nach Deutschland, seitdem putzt sie in Wolfhagen und Umgebung. „In Kroatien war es sehr schwierig mit dem Arbeitsmarkt“, erklärt sie den Grund für ihr Auswandern. Am Putzen mag sie den Rhythmus der Arbeit, Wasser holen, Staubsaugen, Staubwischen, danach das Bad, wie sie sagt.

2003 gründete Roswitha Magis-Ok ihre Reinigungsfirma Putz Rosi in Wolfhagen, einfach weil sie gerne putzt und selbstständig sein wollte, erklärt sie. Zwielicht umgab die Reinigungsbranche aber auch im übertragenen Sinn zum Anfang der 2000er Jahre. „In Großstädten wurde viel von Ausländern völlig unterbezahlt gearbeitet“, erinnert sie sich. Die meist ausländischen Frauen wussten nicht, dass sie Anspruch auf einen Tariflohn hatten. Die Firmen hätten das ausgenutzt und unrealistische Angebote abgegeben, die die Arbeitnehmer dann oft in ihrer Freizeit erfüllen mussten.

Um das Image der Branche aufzupolieren, hat die Krimiautorin Gesine Schulz 2004 den „Internationalen Tag der Putzfrau“ am 8. November ausgerufen, um den Reinigungskräften Danke zu sagen. Die Protagonistin ihrer Geschichten ist gleichzeitig Putzfrau und Detektivin.

Und diese Kombination liegt sogar nahe. „Eigentlich sieht man die Leute fast nackt, wenn man in Privathaushalten putzt“, sagt Roswitha Magis-Ok. Das sei sehr intim, das Verhältnis zwischen Bewohnern und Putzfrau beruhe auf gegenseitigem Respekt, Vertrauen und Diskretion.

Nicht über alle Auftraggeber möchte Magis-Ok Auskunft geben. Es seien Schwimmbäder dabei, Gemeinden und Gewerbeobjekte. In Wolfhagen sei sie auch die Einzige, die das Putzen in Privathaushalten anbietet.

Aber es gebe auch Ekel im Beruf. Einmal fand Putzfrau Anna Lubina in einem Haus getragene Unterwäsche in der Küche und Hasenköttel überall verteilt. Diesen Kunden hat Roswitha Magis-Ok dann gekündigt. Besonders belastend sind auch die Grundreinigungen von verwahrlosten Wohnungen.

In einer Wohnung habe ein starker Raucher und Messi gewohnt. Die Spinnweben hingen 30 Zentimeter und schwarz vor Rauch von der Decke, erzählen die beiden Putzfrauen. Nach drei Stunden putzen sei die Küche anstatt dunkelbraun wieder weiß gewesen. „Von einer Betreuerin eines anderen Messis wurde ich mal allen Ernstes gefragt, ob wir da putzen können und auch Sachen entsorgen“, erinnert sich Magis-Ok. Dabei stehe sie am Ende der Problemlösungskette.

Einfach einen Kittel und Leggins anziehen und putzen gehen, so laufe das heute nicht mehr, erklärt Roswitha Magis-Ok. Putzkräfte müssen selbstständig arbeiten und Entscheidungen treffen können. Dazu komme das nötige Fachwissen: Rotschimmel und Schwarzschimmel, Säuren und Laugen, offen- oder geschlossenporige Fliesen, Parkett oder Stirnholz oder Laminat, Antiquitäten und Marmor.

Die zehn Mitarbeitenden von Magis-Ok kommen fast alle aus Rumänien oder Moldawien, auch zwei Männer sind dabei. Fast alle haben eine abgeschlossene Ausbildung oder sogar studiert. Warum sie dann in Deutschland Putzen gehen? „Die Leute wollen halt sofort arbeiten und Geld verdienen, anstatt sich um Ausbildungsanerkennung, Umschulungen oder Sprachkurse zu kümmern“, fasst Magis-Ok ihre Erfahrungen zusammen. Geld, Kinder, Wohnung und Auto seien den Menschen meist wichtiger als Selbsterfüllung im Beruf.

In die Bresche springt die Arbeitgeberin. Sie bietet im Betriebssportraum Sportkurse an, damit ihre Mitarbeiter fit bleiben. Vor kurzem hat sie sogar begonnen, Deutschkurse zu organisieren. Zweimal die Woche je zwei Stunden. Die Zeit bekommen die Mitarbeiter zwar nicht bezahlt, kosten tut sie die Teilnahme aber auch nichts. Zusätzlich gibt es noch ein Netflix-Abo für den Zugang zu deutschsprachigen Medien.

Arbeitsschutz und Service für die Kunden geht für Roswitha Magis-Ok Hand in Hand. Auf Chemiecocktails verzichtet sie und setzt auf Essigreiniger, Orangenöl und andere umweltfreundliche Produkte. Ihre Geheimwaffe ist ein Putzmittel, das aus fermentiertem Zuckerrohr besteht und 60 verschiedene Arten von Mikroorganismen enthält, die sonst auch auf der menschlichen Haut und im Darm vorkommen.

Die braune Flüssigkeit riecht säuerlich. Zum Beweis der Verträglichkeit nimmt Roswitha Magis-Ok sogar einen Schluck davon. Das würde Oberflächen nicht keimfrei machen, sondern eine natürliche mikroorganische Besiedelung fördern, erklärt sie. Wenn die nützlichen Mikroben sich ausgebreitet haben, dann fänden schädliche Krankheitserreger dort schlicht keinen Platz mehr.

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