Gitarren aus Zigarrenkisten gebaut: Dem Spirit des Blues auf der Spur

Ehlen. Es ist der Blues, der ihn antreibt. Jener Musikstil, der ganz tief aus der Seele kommt. Er will ihn nicht nur spielen, Michael Dittmar will ihn fühlen. Wenn er zur Gitarre greift, um ihr ein paar kernige Riffs zu entlocken, dann wird der Geist der schwarzen Musik lebendig.

Es ist ja auch keine übliche Gitarre, die der 51-Jährige spielt, das hört und sieht man schnell. Sechs Saiten? Von wegen, drei tun es auch. Von einem schnittigen Resonanzkörper kann auch nicht die Rede sein, der nämlich besteht aus einer alten Zigarrenkiste.

Der Ehlener hat das gute Stück selbst gebaut, wie einst die armen Country- und Blues-Musiker in den Südstaaten der USA. „Man glaubt nicht, was die kann“, sagt er mit leuchtenden Augen und haut in die Saiten. Der Sound überzeugt, erfüllt den kleinen Proberaum im heimischen Garten mit einer derartigen Wucht, als wäre Blueslegende Seasick Steve persönlich am Werk.

Ein Video des US-amerikanischen Blues-Musikers war es, das vor knapp zwei Jahren Dittmars Liebe für die Cigarbox-Gitarren entflammte. Er machte sich auf, dem Spirit des Blues auf die Spur zu kommen, funktionierte seinen Werkzeugschuppen in eine Gitarrenmanufaktur um und fing an zu tüfteln.

Die erste Zigarrenbox fand sich bei eBay, eine La Aurora aus der Dominikanischen Republik. Dass die nicht so gut klingt wie kubanische Kisten, das wusste der Blues-Fan da noch nicht. „Mich hat der Löwe darauf einfach fasziniert.“

Ideenreichtum statt teurer Originalteile: auch Fressnäpfe und Kronkorken kommen bei Michael Dittmars Gitarren zum Einsatz.

Entsprechendes Zubehör hatte er gleich mit ersteigert, eine Bauanleitung brauchte er nicht. „Die hatten die Sklaven, die vor über 150 Jahren ihr Leid, ihr Klagen und auch ihre Freude im Blues besangen, auch nicht“, sagt Dittmar, der ansonsten als Systemadministrator arbeitet und als Frontmann der Bands „Woodlouse Blues“ und „Dreeschhuus Blues“ auf der Bühne steht.„Ich wollte, dass es komplett mein Instrument wird, daher bin ich ganz meinem Gefühl gefolgt.“

Einen alten Besenstiel sägte er Pi mal Daumen zum Gitarrenhals, als Soundholes dienten Stecker einer alten Adressiermaschine. Dass er beim Einbau der Mechaniken den Bohrer hier und da an der falschen Stelle ansetzte, stört ihn heute nicht mehr. „Es war schließlich mein Erstlingswerk“, sagt er und deutet stolz auf all seine anderen Schätzchen.

An die 50 Cigarbox-Gitarren hat er mittlerweile gebaut, darunter auch mit seltenen Kisten aus Kuba oder ganz exklusiven Exemplaren aus Amerika. „Sie alle haben ihren Reiz, jede einzelne stellte mich vor neue Herausforderungen“.

Zubehör nämlich sei teuer, Einfallsreichtum mache sein Hobby aber erschwinglich: „Ich verarbeite auch mal Fressnäpfe, Tee-Eier oder Kronkorken, Hauptsache meine Gitarren klingen gut.“ Das Material für die nächste Gitarre steht schon bereit, ans Aufhören denkt Michael Dittmar noch lange nicht. Schließlich will er ihn spielen und fühlen - den Blues, der sein Antrieb ist.

Von Sascha Hoffmann

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