Bei Haltern von Freilandhühnern

Stallpflicht sorgt für Probleme: Landwirten bleibt nur Bodenhaltung

Großflächiges Plakat: Die Familie Reitze wirbt an der B 251 nahe der Ortseinfahrt von Oelshausen für ihre Eier.

Wolfhager Land. Die weiterhin geltende Stallpflicht für Geflügel im Landkreis Kassel stellt Landwirte mit Freilandhaltung vor eine Herausforderung: Nach Ablauf der zwölfwöchigen Schonfrist gelten ihre Produkte als Eier aus Bodenhaltung.

Das bringt weniger Geld im Verkauf. Zudem sind die Tiere nicht an die ausschließliche Stallhaltung gewohnt – Kannibalismus droht. Freilandhühner haben tagsüber Zugang zu großflächigen Außenbereichen.

Ein Ende der Stallpflicht scheint nicht in Sicht: Am Mittwoch bestätigte das Land den ersten Fall von Vogelgrippe in Kassel. „Wir hoffen darauf, dass mit dem Ende der Wildvogelzüge das Risiko sinkt“, sagt Landkreissprecher Harald Kühlborn. Die endgültige Entscheidung liege beim Ministerium. Stadt und Landkreis Kassel gelten aufgrund von erhöhtem Geflügelaufkommen und vielen Wildvögeln als Risikogebiet.

„Für die Tiere ist die ungewohnte Situation schwierig“, sagt Dr. Christiane Keppler vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen. Die Hühner würden sich eher gegenseitig verletzten. Die Umstellung ist für die Landwirte mit höheren Kosten verbunden. Gleichzeitig müssen sie mit Kosteneinbußen rechnen: Ihre Eier werden nicht mehr mit der Zahl Eins für Freilandhaltung ge-stempelt, sondern mit der Zwei für Bodenhaltung. „Im Verkauf macht das vier bis fünf Cent Unterschied aus – pro Ei“, sagt Bernd Weber vom Hessischen Bauernverband. Der Handel habe sich aber bewegt: Die Gruppen Edeka und Rewe würden weiterhin den Preis für Freilandeier zahlen.

„Die Einbußen sind spürbar“, sagt Stefanie Wittich vom Kreisbauernverband Kassel. Konkurrenz komme aus Landkreisen, die nicht mehr von der Stallpflicht betroffen seien. 

Vogelgrippe und Stallpflicht

Seit November 2016 gilt in Hessen eine Stallpflicht für Geflügel. Auslöser waren Fälle von Vogelgrippe mit dem hochansteckenden Erreger H5N8. Eine Gefahr für den Menschen besteht nach derzeitigem Erkenntnissstand allerdings nicht. Wie andere Bundesländer lockerte Hessen die Stallpflicht im Februar: Lediglich in Landkreisen mit besonders hoher Geflügeldichte und dort, wo ein erhöhtes Risiko durch Wildvögel besteht, bleibt sie bestehen. Dazu gehören die Landkreise Kassel, Waldeck-Frankenberg, Schwalm-Eder und Rotenburg. In Hessen gibt es 55 bestätigte Fälle: 54 Wildvögel und ein Pelikan aus dem Opel-Zoo. Nutztiere waren bisher nicht betroffen.

Landwirte hoffen auf das Ostergeschäft

Wer auf der Bundesstraße 251 in Richtung Wolfhagen fährt, dürfte auf Höhe der Oelshäuser Ortseinfahrt etwas stutzen: „Freiland-eier von wirklich glücklichen Hühnern“ heißt es da auf einem großflächigen Plakat. Das ist ziemlich kurios, weil seit November im Landkreis Kassel Stallpflicht für Geflügel gilt. Die Vogelgrippe wütet, und auch wenn in Hessen bisher keine Nutztiere betroffen waren – ein Risiko will man nicht eingehen. „Ach ja, das Plakat“, sagt Katja Reitze auf HNA-Nachfrage, „bis vor Kurzem stimmte das mit den Freilandeiern sogar noch.“ 

Jetzt nur 50 statt 1000 Quadratmeter Platz: Seit November sind die 245 Hühner der Reitzes in einem Stall untergebracht.

Bis zum 13. Februar durften Landwirte noch Freilandeier auf ihre Kartons schreiben – eine Ausnahmeregelung, um den Druck durch die Stallpflicht zu mindern. Das galt auch für Katja Reitze mit ihren 245 Hühnern und fünf Hähnen. „Ab jetzt heißt es aber Bodenhaltung“, erklärt sie. Seit Juli 2016 verkauft die 45-Jährige im Nebenberuf Eier auf ihrem Hof. Hühnermobil auf dem Hof Wobei Verkauf vielleicht der falsche Ausdruck ist: Im Hofeingang der Reitzes steht eine freizugängliche Holzhütte. Die Kunden holen sich die frischen Eier einfach aus dem Kühlschrank, im Idealfall bezahlen sie auch noch. „Das funktioniert“, sagt Katja Reitze. Zumindest, bis die Stallpflicht dazwischenfunkte. Das Hühnermobil, das bewegliche Heim der Tiere, steht jetzt auf dem Hof – der nicht dafür ausgelegt ist, die Hühner langfristig unterzubringen. 

Das Zuhause der Tiere ist von den 1000 Quadratmeter großen Wiesen auf den 50 Quadratmeter kleinen Schuppen zusammengeschrumpft. „Wir stellen unsere Feldmaschinen derzeit bei Verwandten unter“, sagt Reitze. So wurde Platz für die Tiere geschaffen: „Auch wir merken die Folgen der Stallpflicht. Ich bin schon mehrfach von Leuten angesprochen worden, dass es bei unseren Hühnern ja gar keine Freilandhaltung mehr wäre.“ Und es werden weniger Eier aus der Holzhütte geholt, außer zum traditionellen Karneval: Da lief es gut. Jetzt hoffen die Reitzes auf das Ostergeschäft. Machen sie sich Sorgen, dass die Stallpflicht weiter gilt? „Natürlich sorgen wir uns, es ist auch Existenz, die da dran hängt.“ 

Thomas und Cordula Rose mit Eiern.

Allein das Hühnermobil hat die Familie rund 40.000 Euro gekostet, die Tiere selbst etwa 1500 Euro. Trotzdem kann Reitze die Stallpflicht nachvollziehen: „Die Gesundheit der Tiere steht an erster Stelle.“ Die größte Angst hat sie davor, dass die Tiere sich gegenseitig verletzen, weil sie den engen Raum nicht gewohnt sind. Mitarbeiter bleiben „Es ist eine schwierige Situation, wir machen das Beste draus. Unsere treuen Mitarbeiter bleiben auf jeden Fall“, sagt die 45-Jährige über ihre Hühner. Den größten Schaden sieht Katja Reitze darin, dass die Hühner nicht mehr von der Straße aus zu sehen sind: „Die sind für sich selbst Reklame gelaufen“, sagt sie. Immerhin das Plakat steht noch.

Das Ei bringt weniger Geld

Jeden Monat, den die Stallpflicht länger dauert, wird es für Thomas Rose schwieriger. Sein erster Gedanke nach dem Vogelgrippe-Fall in Kassel war: „Dann dauert es noch.“ Die Stallpflicht setzt dem Landwirt aus Oberelsungen zu. Gemeinsam mit seiner Frau Cordula hat Rose 7500 Hühner auf dem Hof, die ihren Stall nicht verlassen dürfen. Deren Eier landen nordhessenweit in den Supermärkten – derzeit meist zum Preis von Eiern aus Bodenhaltung. Der Landwirt hat vollstes Verständnis für die Ausgangssperre, das Problem sei allerdings die unterschiedliche Handhabe zwischen den Bundesländern und Landkreisen. Die Konkurrenten ohne Stallpflicht seien spürbar im Vorteil. Der Stall der Roses mit Wintergarten bietet auf 1000 Quadratmetern genug Platz für die Hühner. Mehr Kosten und Arbeitsaufwand haben sie dennoch: „Wir müssen die Tiere intensiver betreuen“, sagt Cordula Rose.

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