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Tafel erinnert an Zwangsarbeit in Wolfhager Munitionsanstalt

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Erinnert an die Zwangsarbeiter in der Wolfhager Muna von 1942 bis 45: Die Holzplatte steht im Regionalmuseum Wolfhager Land.
Erinnert an die Zwangsarbeiter in der Wolfhager Muna von 1942 bis 45: Die Holzplatte steht im Regionalmuseum Wolfhager Land. © Beate Bickel/nh

Eine Bretterwand aus der Muna im Regionalmuseum Wolfhager Land ist das Exponat des Monats. Zwangsarbeiter haben auf den Brettern gezeichnet.

Wolfhagen – Im Regionalmuseum Wolfhager Land kann man im Fischerraum, aus Platzgründen etwas versteckt platziert, ein Museumsexponat der besonderen Art entdecken. Es handelt sich um einen Ausschnitt einer Profil-Bretterwand (ein Meter mal 71 Zentimeter) einer Lagerbaracke der ehemaligen „Lufthauptmunitionsanstalt Wolfhagen“. Es zeigt eine Kreidezeichnung mit einer Fahne mit blau ornamentiertem Rand und dem Emblem Hammer und Sichel sowie in Rot die kyrillischen Buchstaben CCCP. ( = Union der sozialistischen Sowjetrepubliken).

In den 1938/39 errichteten Baracken waren zunächst die Bauarbeiter für die Luftwaffen-Muna untergebracht. Während des Krieges dienten die Baracken der Unterbringung der zivilen Zwangsarbeiter und ab 1942 vor allem denen aus Russland und der Ukraine.

Russische und ukrainische Zwangsarbeiter: Das Foto entstand 1944 in der Muna Wolfhagen, der Pfeil verweist auf Fjodor Sbiranik.
Russische und ukrainische Zwangsarbeiter: Das © Repro: Beate Nickel

Nach dem Krieg konnten die Bewohner Philippinendorfs die Baracken erwerben. Horst Koenies machte das Museum auf die Inschrift seiner Baracke aufmerksam. Alle Spuren vom Leben und Arbeiten der ehemaligen Zwangsarbeiter waren vor der Sprengung der Muna und der Ankunft der Amerikaner (31. März 1945) vernichtet worden. So entstand im Museum die Idee zur Rettung der Zeichnung, als eine Art „Gedenkplatte“ an die menschenverachtende Behandlung der ehemaligen Zwangsarbeiter in der Wolfhager Muna.

Während des Krieges traten die seit Urzeiten bestehenden Spannungen und Konflikte zwischen Russen und Ukrainern in den Hintergrund. Hatten die Ukrainer die Wehrmacht zunächst als Befreier vom Bolschewismus begrüßt, mussten sie feststellen, dass ihr Territorium ebenso Ziel der Eroberung des Lebensraumes im Rahmen der NS-Ideologie war.

Der Autor dieses HNA-Beitrages konnte 2002 Kontakt mit einem ehemaligen Muna-Zwangsarbeiter Fjodor Sbiranik, Jahrgang. 1927, aus Krementschug (Ukraine) aufnehmen. Er war 1942 fünfzehnjährig als Dienstverpflichteter nach Deutschland verschleppt worden. Zusammen mit anderen Ukrainern und Russen musste er in der Muna hauptsächlich Munitionsladearbeiten an der Bahngleisanlage und in den Bunkern verrichten: Schwerstarbeit ohne hinreichende Versorgung für Erwachsene und insbesondere Jugendliche. Sbiranik berichtet von unhygienischen Verhältnissen und dem ewigen Hunger. Bemühungen, die Lage der Frauen und Männer zu verbessern, scheiterten zunächst.

Letztlich konnte sich aber die schon seit März 1943 von Propagandaminister Goebbels initiierte Linie durchsetzen, dass die bisherige Behandlung der Zwangsarbeiter nicht nur leistungsmindernd sei, sondern sich auch negativ auf die politische Einstellung auswirke. Statt auf rassische Abqualifizierung der Zwangsarbeiter als Untermenschen setzte man auf die antikommunistische Kampfstellung. Infolgedessen verbesserte sich auch die Lage der Zwangsarbeiter in der Muna. Sbiranik berichtet, dass man sogar unbewacht die Lagergrenzen verlassen und „auf Spaziergängen, die Schönheit der Landschaft genießen konnte“.

Vor diesem Hintergrund und vielleicht auch im Wissen um das Vorrücken der sowjetischen Streitkräfte dürfte gegen Ende des Krieges die Kreidezeichnung auf der Barackenwand zustande gekommen sein.

Service: Regionalmuseum Wolfhager Land - Museum, Ritterstraße 1, Wolfhagen, 05692 / 99 24 31, Fax: 05692 / 99 24 34, E-Mail: info@regionalmuseum-wolfhager-land.de

Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch und Donnerstag von 10 bis 13 Uhr und von 14 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung. Führungen, Schulführungen und Kinder-Geburtstage nach Vereinbarung. Es gilt die 2G-Regelung. VON BERND KLINKHARDT

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