Auf der Jagd nach dem besonderen Moment

Tierfotograf Walter Sittig feierte seinen 85. Geburtstag

Walter Sittig mit einer seiner Fotografien. Es zeigt zwei Giraffen.
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Motive, die aus dem Rahmen fallen: Gut 40 Jahre fotografierte Walter Sittig humoristische Szenen aus der Tierwelt.

Gut 40 Jahre war Walter Sittig auf der Pirsch, getrieben vom Jagdfieber und der Aussicht auf den besonderen Schuss. Aber nicht mit Flinte oder Büchse machte der Mann, der morgen 85 Jahre alt wird, Beute, sondern mit seiner Kamera. Sittig, der seit 28 Jahren in Bad Emstal wohnt, zählt weltweit zu den erfolgreichsten Tierfotografen aus dem humoristischen Bereich.

Zeitungen und Zeitschriften in 36 Ländern veröffentlichten seine Bilder, in Deutschland zählten Blätter wie der Stern, die Quick, die Welt und die Frankfurter Rundschau dazu. Und auch die HNA, für die er schon in jungen Jahren als freier Journalist arbeitete, druckte seine Bilder mit den Bildern voller Situationskomik.

Dabei sieht es anfangs für Sittig überhaupt nicht nach einer Karriere als Kreativer aus. In seinem Geburtsort Hann. Münden betreiben seine Eltern ein gutbürgerliches Gasthaus, die Fette Henne. Eine Laufbahn als Kellner oder Kneipier könnten sie sich für ihren Ältesten wohl eher vorstellen.

Erstes Foto war ein Eisbär

Der aber hat andere Pläne, macht erst mal eine Lehre zum Speditionskaufmann, dann holt er die Mittlere Reife nach und lässt sich zum Sozialarbeiter ausbilden. Während einer Fortbildung 1964 in Remscheid macht er bei einem Ausflug in den Zoo von Wuppertal sein erstes humoristisches Tierfoto. Ein sich rekelnder Eisbär ist das Model.

Walter Sittig hat seine Bestimmung gefunden. In Berlin startet er im Herbst des selben Jahres eine dritte Ausbildung, die zum Fotografen. Zwei Jahre später hat er den Gesellenbrief in der Tasche. Aber erst 1973 wird die Tierfotografie sein Hauptberuf.

Auf Reisen ins Ausland merkt er schnell: Diese Touren kosten Geld, spielen es aber nur selten wieder ein. Besser ist es in Zoos und Tierparks, da hat er die verschiedensten Tiere nahe beieinander.

Hier legt er sich auf die Lauer, verbringt ganze Tage vor den Gehegen. Überwiegend sind die tierischen Modelle satt, häufig gelangweilt und so oft genug zu jenen Gebärden und Verhaltensweisen aufgelegt, die Walter Sittig im Bild festhalten will. Er wartet auf Posen und Grimassen, die man irgendwie auch vom Menschen kennt und in der Übertragung die Komik entwickeln, die die Anhänger von Sittigs Fotografie so begeistert.

Aus dem Berufsfotografen Sittig wurde ein Verleger in eigener Sache

Über die Jahre kommen fast 200 000 Aufnahmen zusammen. Ausschließlich in Schwarz-Weiß. Aber nur 7605 entsprechen Sittigs hohen Ansprüchen und werden auch veröffentlicht. In den 1990er-Jahren wird aus dem Berufsfotografen Sittig ein Verleger in eigener Sache. Seine Motive schmücken Kalender und Postkarten. Und er bringt Bücher wie die Reihe „Sittigs Tierleben“ auf den Markt, gefüllt mit „Fotos wider den tierischen Ernst“.

2005 nimmt er sein letztes Foto auf, ein Eichhörnchen. Seine Bilder und Negative hat er inzwischen einem befreundeten Galeristen in Hamburg übergeben, seine Kameraausrüstung der Kunsthochschule in der Hansestadt geschenkt.

Sittig selbst hat kaum noch Bilder aus seiner langen Schaffenszeit in seinem Haus in Bad Emstal. In seinem Arbeitszimmer kringeln sich Strippen an der Wand, an denen einst einige seiner gerahmten Werke hingen.

Sittig will Biografie veröffentlichen

Seine Erinnerungen sollen in einer Biografie erscheinen, die zu 90 Prozent fertig sei, sagt Sittig. Darin berichtet er auch über seine Kindheit und darüber, dass er in den 1960er-Jahren mal ein Jahr lang verheiratet war.

Was darin noch fehlt: Nach zwei Schlaganfällen 2016 und 2018 hat er sich wieder zurückgekämpft, um selbstständig in seinem Haus in Bad Emstal leben zu können. „Das Sprechen fällt mir ein bisschen schwer“, sagt Sittig, und Zahlen sind ihm nicht immer gleich gedanklich präsent.

„Ich war immer sportlich, bin in Europa mit dem Fahrrad viel rumgekommen“, erzählt er. Gute 20 Kilometer strampele er auch heute noch jeden Tag, am Sonntag gar 45. Allerdings auf dem Fitness-Rad vor dem Fernseher, sagt Walter Sittig schmunzelnd.

Die Lust an der Bewegung hat er sich erhalten. Grad so, als spüre er noch immer den Jagdtrieb des pirschenden Tierfotografen.

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