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Urenkel Gary Buchheim aus den USA auf den Spuren Moses Blocks

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Von: Norbert Müller

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Lässig und beliebt: Moses Block an seinem Fuhrwerk, das mit Kirchenglocken beladen ist. Sie tragen die Aufschriften Bründersen (links), Oberelsungen (rechts) und in der Mitte vermutlich Viesebeck. Der Anlass für den Transport ist nicht bekannt.
Lässig und beliebt: Moses Block an seinem Fuhrwerk, das mit Kirchenglocken beladen ist. Sie tragen die Aufschriften Bründersen (links), Oelshausen (rechts) und in der Mitte wohl Viesebeck. Vermutlich wurden die Glocken als Nachschub für die Rüstungsindustrie um das Jahr 1917 zum Bahnhof gefahren. © Archiv Ernst Klein, Volkmarsen

Gary Buchheim aus den USA erforscht die Geschichte seiner Familie. Sein Urgroßvater Moses Block lebte in Wolfhagen und wurde 1942 ermordet.

Wolfhagen – Als Gary Buchheim dieses Foto zum ersten Mal sah, hat es ihn tief berührt. Er blickte einem drahtigen Mann in die Augen, der lässig an einem Fuhrwerk lehnt. Auf der Ladefläche fünf Kirchenglocken. Der Bärtige mit Schiebermütze und Zigarette im Mundwinkel ist Moses Block, Buchheims Wolfhager Urgroßvater.

„Ich hatte dieses Foto nie zuvor gesehen, und ich wusste auch nicht viel über sein früheres Leben“, so Buchheim, der heute 64-jährig in Springfield im US-Bundesstaat Virginia lebt. Während seiner Recherchen zur Familiengeschichte fand er das Bild in einem HNA-Bericht von 2019 über die Wolfhager Veranstaltung zur Reichspogromnacht, zu der Schüler der heutigen Walter-Lübcke-Schule gemeinsam mit ihrem Lehrer Marcus von der Straten über Moses Block, den jüdischen Urgroßvater, geforscht hatten.

Am Grabstein von Urgroßmutter Amalie Block: Gary Buchheim, inzwischen pensionierter Projektmanager, und seine Tochter Lana 2014 in Wolfhagen.
Am Grabstein von Urgroßmutter Amalie Block: Gary Buchheim, inzwischen pensionierter Projektmanager, und seine Tochter Lana 2014 in Wolfhagen. © Privat

Bislang hatte Gary Buchheim seine Ahnenforschung überwiegend der mütterlichen Linie mit ihren Verbindungen nach Bad Wildungen gewidmet. Nun wollte er auch mehr über die väterliche Seite erfahren. Und so stieß er bei seiner Suche im Internet auf besagten Bericht, in welchem er zu dem, was er bereits wusste, viel Neues erfuhr.

Man merkt Gary Buchheim an, dass ihm dieser Vorfahre, in Wolfhagen „Blocks Moses“ genannt, gleich sehr sympathisch war. Sein Urgroßvater war als Viehhändler, vor allem aber als Inhaber eines kleinen Transportunternehmens ein gefragter Mann in seiner Heimatstadt. Wenn es etwas von hier nach dort zu schaffen gab, wurde Block engagiert. Und die Aufgaben waren vielfältig. Sonntags kutschierte er den evangelischen Pfarrer von Wolfhagen zum Gottesdienst nach Bründersen, und wenn Kirchenglocken gefahren werden mussten, wie auf dem besagten Foto, war Moses Block, der als freundlicher und hilfsbereiter Mensch galt, erste Wahl.

Besuch in Hamburg: Moses Block (links) mit Sohn Julius, dessen Frau Hedwig und den Töchtern Edith (links) und Anita 1937 vor Julius´ Schuhgeschäft in Hamburg.
Besuch in Hamburg: Moses Block (links) mit Sohn Julius, dessen Frau Hedwig und den Töchtern Edith (links) und Anita 1937 vor Julius´ Schuhgeschäft in Hamburg. © Privat

Moses heiratete im November 1888 die zwei Jahre jüngere Amalie. Ihnen wurden in den folgenden Jahren fünf Söhne geboren: Willy, Emil (er starb bereits 1924), Berthold, Julius (der Opa von Gary Buchheim) und Theo. Amalie Block starb am Neujahrstag 1934 knapp 70-jährig.

Unbeschwert: Moses und Amalie Block zu Beginn der 30er-Jahre. 3
Unbeschwert: Moses und Amalie Block zu Beginn der 30er-Jahre. © privat/nh

Blocks Söhne spürten offenbar früh, dass es für Juden zunehmend gefährlich wurde. Der älteste Sohn Willy, der mit seiner Familie in Stockheim in der Wetterau als Kaufmann bei seinem Schwiegervater arbeitete, habe nach der Machtübernahme Hitlers das Menetekel bald erkannt und Pläne für seine Familie geschmiedet, Deutschland zu verlassen, erklärt Gary Buchheim. Am 10. Juni 1937 erreichen Willy und seine Frau Hedwig mit Sohn Erich und der Schwiegermutter per Schiff New York.

In Sachsenhausen inhaftiert

Moses’ Sohn Berthold, der im Ersten Weltkrieg für sein Land kämpfte, wurde Uhrmacher und eröffnete ein Geschäft an der Wolfhager Mittelstraße. Während der Pogromnacht wurde er festgenommen und knapp vier Wochen im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Wenige Monate später verließen Berthold, seine Frau und der achtjährige Sohn Alfred Wolfgang Deutschland und wurden in den USA heimisch.

Auch Julius, Gary Buchheims Großvater, brachte sich mit seiner Frau und den beiden Töchtern gerade noch rechtzeitig in Sicherheit. Der gelernte Schuhmacher betrieb Anfang der 30er-Jahre einen eigenen Laden in Hamburg. Auch Julius wurde nach der Pogromnacht im KZ Sachsenhausen festgehalten. Über die Erlebnisse während der sechswöchigen Haft habe er nie gesprochen, so Buchheim.

Viele Länder machten dicht

Nach Julius’ Rückkehr nach Hamburg versuchte das Paar fieberhaft, Visa zu bekommen, doch viele Länder machten dicht. Letztlich schafften sie es 1939 noch nach Bolivien. Die jüngere Tochter Edith heiratete hier 1953 den aus Bad Wildungen stammenden Konditor Gerd Buchheim. Ein Jahr später zog das Ehepaar in die USA, wo dann auch Gary Buchheim als eines von insgesamt vier Kindern geboren wurde. Der jüngste Sohn von Moses und Amalie Block, Theo, wurde Metzger und emigrierte 1936 nach Südafrika.

Moses Block wurde ermordet

Moses Block blieb in seiner Heimatstadt Wolfhagen. Er ertrug während der Pogromnacht in seinem Haus Torstraße 5 die Misshandlungen und Demütigungen und war der letzte Jude, der Wolfhagen verließ: Im Juli 1939 wurde er gewaltsam nach Kassel gebracht, von dort wurde er 1942 nach Theresienstadt und dann ins Vernichtungslager Treblinka transportiert, wo der 80-Jährige vermutlich unmittelbar nach der Ankunft ermordet wurde.

Nachkommen in vielen Ländern, auch in Deutschland

Moses Blocks Nachfahren, sagt Gary Buchheim, leben heute in vielen Ländern der Welt, auch in Deutschland. Buchheims jüngste Tochter, Moses Blocks Ururenkelin Jillian, wohnt mit ihrem Freund in Frankfurt/Main.

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