Standing Ovations für beeindruckende Leistung der Spielgemeinschaft

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Prachtvolle Gewänder, eleganter Tanz: Beim Ball im Hause Capulet haben sich Romeo Montagu und seine Freunde eingeschlichen. 

Niederelsungen. Fleißarbeit steht vor der Spielfreude: Seitenlange Texte in ungewohnter Sprachführung müssen die Waldbühnen-Darsteller auf Abruf parat haben, bevor die Liebesgeschichte von Romeo und Julia in Fluss kommt.

Stromschnellen gespreizten Parlierens sind dabei ebenso zu umschiffen wie allzu betonte Schwere bei eleganten Wortspielereien, die Shakespeare zur hohen Kunst erhoben hat. Auf der Niederelsunger Freilichtbühne ist zu erleben, dass auch Laienschauspieler derartige Klippen meistern und die Zuschauer mitreißen können.

Die Sprache verlangt Exaktheit vom Darsteller und genaues Hinhören vom Theatergast. Nach einer Eingewöhnungphase parallel zur Vorstellung der wichtigen Akteure des bekannten Liebesdramas erschließen sich Wortwitz und sprachgewaltige Schönheit der Dichtkunst William Shakespeares (1564 bis 1616). „Romeo und Julia“ ist nach anfänglichen Längen unbeschwerter Genuss.

Arnd Röhl und seinem Co-Regisseur Holger Elsner ist gelungen, das höfische Verona der frühen Renaissance unter nordhessischen Baumwipfeln erstehen zu lassen. Die Geschichte vom Liebespaar, das wegen der Fehde seiner Familien nicht zusammenkommen kann und in den Tod geht, ist von Märchen und Mythen nicht erst seit dem elisabethanischen Zeitalter bekannt und beflügelt die Fantasie bis heute – da darf die Regie das Augenmerk getrost auf andere Dinge richten.

Premiere auf der Niederelsunger Waldbühne

Bei den Dialogen und (verkürzten) Monologen ist dies, wie gesagt, trotz des für Laien enormen Textpensums gut gelungen: Die vom Autor gewollte Entfaltung des Individuums auch in der Sprache wird umgesetzt. Besonders wirkungsvoll demonstrieren das Johannes Böhle als Romeos Freund Mercutio und Susanne Schönewald als Julias Amme und Vertraute Amelia. Beide überzeugen auch durch dem Charakter der Rolle angepasstes Spiel.

Gutes Gespür

Das trifft – mal mehr, mal weniger – auch auf die anderen Darsteller aus Reihen der Capulets und Montagus, der Fürsten, der Bediensteten und des Klerus zu: Die Auswahl der Schauspieler haben Röhl und Elsner offensichtlich mit viel Gespür für deren Mentalität und Fähigkeiten getroffen. Dass Romeo und Julia (Marius Werner und Svenja Schmidt spielten die Premiere) bei der darstellerischen Kraft einiger ihrer Mitspieler nicht ganz mithalten können, machen sie durch anrührende und rollenadäquate Klarheit wett.

Die Balance zwischen Heiterkeit und Tragik wird vom Regie-Duo bis zum Ende des Stückes beibehalten. Das und ungewöhnliche dramaturgische Elemente wie etwa das „Einfrieren“ von Massenszenen oder der Einschub einer kurzen Passage eines Queen-Songs in die höfische Schreittanzmusik bewahren die Aufführung vor Rührseligkeit und Kitsch. Trotzdem dürften am Ende der Liebesgeschichte, die in der Niederelsunger Aufführung durch überraschenden Video-Einsatz Tiefe erhält, einige Tränen geflossen sein.

Standing Ovations und viel Applaus für eine beeindruckende Leistung des 200 Akteure starken Waldbühnen-Ensembles.

Von Cornelia Lehmann

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