Eberhard und Renate Hempel

„Wir haben das Wagnis nicht bereut“

Neue Heimat Zierenberg: Eberhard Hempel mit seinem Enkel Bastian. Foto:  zih

ZIERENBERG. Als Eberhard und Renate Hempel im DDR-Fernsehen den „Versprecher“ von Günter Schabowski, Sprecher des Politbüros der SED, hörten, dass ab sofort die neue Reiseregelung gelte, wussten die heute in Zierenberg lebenden Eheleute: Das ist das Ende der DDR. Das Ehepaar Hempel betrieb in Podelwitz bei Leipzig die gut gehende Sportlergaststätte des Leichtmetallwerkes Rackwitz. Eberhard spielte dort auch in der Fußballmannschaft. Aus innerer Überzeugung waren beide keine Parteimitglieder. Im Gegensatz zu seinem Vater, der ihm immer wieder einzureden versuchte, dass die ruhmreiche DDR auch noch in 100 Jahren Bestand haben wird, wie Eberhard Hempel sagt.

Das Nein zur Partei hatte Folgen. Der gelernte Maschinenbauer durfte nämlich das Abitur sowie auch den Meisterlehrgang nicht machen. Zudem gingen sie nicht zur Wahl, wobei die DDR-Organe daraufhin mit der Urne in die Wohnung kamen, auch hier verweigerten sie sich. Die Familie Hempel, dazu gehörten zwei Söhne, engagierten sich von Anfang an in der Bürger- und Friedensbewegung, waren bei jeder Montagsdemonstrationen in Leipzig mit dabei. Aus beruflichen Gründen verließen sie nach der Wende ihre Heimat. Die Hempels wollten die von ihnen geführte Gaststätte kaufen oder pachten, was aber abgelehnt wurde. Darauf kündigten sie ihre Arbeitsstelle. Während die Familie vorerst in Podelwitz blieb, packte Eberhard im November 1989 seinen Koffer, reiste zu einem Onkel nach Wiesbaden, den er erstmals 1986 besuchen durfte.

Auf dem Hohen Dörnberg

Er musste sich im Aufnahmelager Gießen melden, wurde von dort in ein solches ins Münsterland gebracht. Da er dort angeben musste, mit seiner Familie bei seinem Onkel in Wiesbaden Fuß zu fassen, kam er zuerst in den ehemaligen Jugendhof auf dem Dörnberg. In einer Zierenberger Gaststätte lernte er Freunde kennen, die ihm eine Wohnung und auch Arbeit vermittelten. Der heute 60-jährige ehemalige Gastwirt: „In einer Kneipe kannst du die besten Kontakte knüpfen und Geschäfte machen, da triffst du immer wieder Menschen, die dir helfen.“

Er blieb in Zierenberg, holte im Februar 1990 seine Frau und den jüngsten Sohn nach, der ältere blieb bei seinen Großeltern in Leipzig wohnen. Auch seine Ehefrau fand sofort ein berufliches Standbein, die Familie baute sich eine neue Existenz auf. Eberhard: „Wir wussten, dass uns kein goldener Westen erwartet. Doch wir haben das Wagnis eines Neuanfangs, den wir nicht bereuen, als Kämpfernaturen angenommen. Man muss nur selbst wollen.“ Die Familie fährt regelmäßig zu Familienangehörigen sowie Freunden in die einstige Heimat. (zih)

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