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300 Arzneimittel fehlen: Ärzte und Apotheken am Limit – Auch Penicillin ist Mangelware

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Von: Clara Veiga Pinto

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Ein Apotheker hält Fiebersaft in die Kamera.
Viele Medikamente sind gerade nicht lieferbar. Für Apotheker und Ärzte bedeutet das mehr Arbeit. Auch Marco Diestelmann, Inhaber der Apotheke am Habichtswald in Ehlen, hat mit dem Mangel zu kämpfen. © Clara Pinto

Schon im Sommer ächzten die Apotheken im Landkreis Kassel unter Medikamentenmangel – mittlerweile hat sich die Lage weiter verschärft.

Wolfhager Land – Fiebersäfte, Blutdruckmittel und sogar Antibiotika wie Penicillin fehlen seit einigen Wochen. Gründe für die Knappheit sind unter anderem die Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine. Viele Wirkstoffe für Medikamente werden im kostengünstigen Fernost, vor allem in China und Indien, hergestellt. Wenn es dort Schließungen wegen Coronafällen gibt, fehlen am Ende die Arzneimittel in Deutschland.

Rund 300 Arzneimittel sind derzeit in Deutschland knapp. Das ist der Liste des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zu entnehmen.

Rund 300 Medikamente sind nicht lieferbar

Auch Mediziner Uwe Popert, der dem Vorstand des Kasseler Hausärzteverbandes angehört, weiß um das Problem. Er kritisiert, die Abhängigkeit von Ländern, die Deutschland mit Arzneimitteln beliefern. „Sobald die Produktion in Indien oder China gestoppt wird, sind wir hier in Deutschland aufgeschmissen“, sagt er.

Trotz vieler fehlender Mittel versuche man sich dennoch, immer wieder zu behelfen. „Für viele Mittel gibt es ja Alternativen. Auch für Penicillin“, sagt Popert. Zu unterschätzen sei die Knappheit allerdings auch nicht: „Zum Beispiel bei Blutdrucksenkern kann es gefährlich werden, wenn Patienten das Mittel nicht einnehmen, wenn es nicht verfügbar ist“, meint der Mediziner.

Personalmangel und Corona-Pandemie: Viele Arzneimittel fehlen

Insgesamt sei der Arzneimittelmangel laut Popert eine „politisch verantwortete Katastrophe“. Er sieht die Ursache für Lieferengpässe unter anderem beim Kostendruck im Gesundheitswesen. Immer mehr Hersteller zögen sich aus der Produktion zurück.

Außerdem gibt es auch Engpässe bei anderen für die Produktion nötigen Materialien wie etwa Glasfläschchen, Filtern oder Reinigungsmitteln. Und auch Personalknappheit spiele eine Rolle. Hinzu kämen Hamsterkäufe, die aktuell wieder zunehmen würden. „Gerade in der aktuellen Zeit kann das Gesundheitswesen das alles nicht stemmen“, sagt Popert.

Fiebersaft ist nicht immer die richtige Wahl

Vor allem fehlender Fiebersaft für Kinder macht vielen Eltern aktuell zu schaffen. Uwe Popert betont allerdings: „Der Name Fiebersaft ist irreführend. Eigentlich ist es ein Schmerzmittel, das nebenbei das Fieber senkt.“ Manchmal sei Fieber bei der Bekämpfung eines Infektes auch nützlich. „Bei einer Virusinfektion ist eine hohe Temperatur besser für den Körper“, sagt Popert. Viele Menschen würden das Fiebermittel irrtümlich einnehmen. 

Arzneimittelmangel spitzt sich zu: Apotheken und Ärzte haben mehr zu tun

Engpässe und fehlende Arzneimittel halten die Arztpraxen im Landkreis auf Trab. „Wenn ein Mittel verschrieben wurde, das nicht vorrätig ist, müssen Apotheken und Ärzte wieder in Kontakt treten und nach Alternativen suchen. Das ist einfach sehr aufwendig“, sagt Dr. Uwe Popert vom Hausärzteverband Kassel.

Alternativen finde man fast immer, doch auch dort sei Vorsicht geboten. Zum Beispiel bei Alternativen zu dem Antibiotikum Penicillin: Häufig werde auf das Breitband-Antibiotikum Amoxicillin zurückgegriffen. Das schlage allerdings auf den Magen und habe häufig stärkere Nebenwirkungen wie Übelkeit, Bauchschmerzen und Durchfälle, erklärt Popert.

Dr. Uwe Popert Kasseler Hausärzteverband
Dr. Uwe Popert Kasseler Hausärzteverband © Seeger, Daniel

Apotheken: Bestimmte Wirkstoffe nicht verfügbar

Gerade die Apotheken haben wegen der aktuellen Situation alle Hände voll zu tun. Marco Diestelmann, Inhaber der Apotheke am Habichtswald in Ehlen, ist ebenfalls betroffen. „Bestimmte Wirkstoffe und bestimmte Größen sind einfach nicht verfügbar“, sagt er.

Zwar finde man Alternativen, zum Beispiel Veränderungen der Dosierung in Absprache mit dem Arzt, allerdings sei das mehr Aufwand für alle. „Im Moment sehe ich keine Entspannung“, sagt Diestelmann. Die Lage sei anders als die Lage in der Corona-Hochzeit. „Damals war mal ein Wirkstoff nicht verfügbar. Heute zieht sich der Mangel durch viele Wirkstoffe“, sagt er. „Das ist eine andere Dimension.“ Aktuell kriege der Apotheker rund 200 Medikamente nicht geliefert, die er brauche.

Keine Alternativen für manche Medikamente

Auch in der Löwen-Apotheke in Vellmar sind die Auswirkungen des Medikamentenmangels zu spüren. „Um die 300 Medikamente fehlen uns“, sagt Apotheker Karim Ragab. Genau wie in Habichtswald käme er nur schlecht an Fiebersäfte und Antibiotika. „Das ist aktuell sehr schwierig, denn es ist Erkältungszeit.“ Teilweise finde man andere Lösungen, teilweise müsse er seine Kunden aber auch wieder wegschicken.

„Theoretisch könnte man einige Arzneimittel auch in der Apotheke herstellen. Das muss dann aber mit dem Arzt abgesprochen sein“, sagt Ragab. Bei der eigenen Herstellung gebe es für Apotheken auch strenge Vorschriften. Die meisten Kunden würden allerdings verständnisvoll mit der Situation umgehen, sagt Karim Ragab. „Manchmal geht es einfach nicht anders.“

Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apotheken wird enger

Ähnlich geht es auch Alina Lang, Inhaberin der Brunnen-Apotheke in Hofgeismar. Auch dort fehlen zahlreiche Mittel. „Manchmal fehlen leider auch lebenswichtige Medikamente, die man nicht einfach so umstellen kann“, sagt sie.

Alina Lang betont, dass eine enge Zusammenarbeit mit Arztpraxen aktuell sehr wichtig sei. „So entwickelt man dann auch ein gewisses Vertrauensverhältnis zu den Kunden“, sagt die Apothekerin. „Das unterscheidet uns auch vom Online-Handel. Dort wird nicht nach anderen Lösungen gesucht – es heißt einfach nur, dass das Produkt nicht verfügbar ist.“

Dennoch sei die aktuelle Situation nicht haltbar. „Wir merken gerade, wie abhängig unser Land von anderen Ländern ist“, sagt sie. Manchmal werde ein Wirkstoff für die ganze Welt nur in einer Firma produziert. (Clara Pinto)

Das sagt die Lungenfachklinik Immenhausen

Einige Krankenhäuser in Deutschland warnen auch vor dem Mangel von Krebspräparaten. In der Lungenfachklinik in Immenhausen, in der unter anderem auch Krebspatienten behandelt werden, gebe es aktuell keine fehlenden Arzneimittel. Chemotherapiemittel und Immuntherapiemittel seien immer geliefert worden. „Es gab wenige Fälle in diesem Jahr, in denen uns mal etwas nicht geliefert werden konnte“, sagt Dr. Achim Rittmeyer, Oberarzt für pneumologische Onkologie in Immenhausen. In diesen Fällen habe die Klinik allerdings immer ausweichen können, denn manche Mittel habe man bevorratet.

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