Ärzte: Gelber Zettel erst nach einer Woche

Johannes Degen, Hausarzt aus Ehlen, hört eine Patientin ab. Foto: Ricken

Wolfhager Land. Weil Arbeitgeber bei Krankheit oft schon am ersten Tag eine Krankmeldung verlangen, gehen die Deutschen überdurchschnittlich häufig zum Arzt.

Das gehe zulasten der Langzeitkranken, sagen Mediziner der Uni Magdeburg, die drei Jahre nach der Ursache der vielen Arztbesuche geforscht haben - und wie sich das ändern lässt. Sie kamen zu einem eindeutigen Ergebnis: Die Bitte um den gelben Zettel ist für die Deutschen ein besonders häufiger Anlass für kurzfristige Besuche bei ihrem Hausarzt - zwischen zehn und 18 mal im Jahresdurchschnitt. Die meisten anderen Länder West- und Mitteleuropas kommen dagegen auf niedrigere Werte, ohne dass die Menschen dort gesundheitlich schlechter dastehen. „Wir sollten in Deutschland darüber nachdenken, die Regeln für Krankmeldungen zu lockern. Ziel kann es sein, dass Beschäftigte sich für bis zu einer Woche selbst krankmelden können.“, sagt Wolfram Herrmann, Leiter des Magdeburger Forscherteams.

Dies würde die Hausärzte entlasten und ihnen mehr Zeit für deutlich kränkere Patienten geben, meint Dr. Dirk Wetzel, Allgemeinmediziner in Zierenberg. Außerdem könnten sich die Grippe und sonstige Virusinfekte nicht in den Wartezimmern verbreiten. Im Gesundheitsamt des Landkreises Kassel kann man die Magdeburger Studie bestätigen. Die Krankschreibungspraxis in Deutschland sollte überdacht werden, sagt Pressesprecher Harald Kühlborn.

Als Arbeitgeber halte er von dem Vorstoß aus Magdeburg gar nichts, sagt dagegen Hans Franke, Geschäftsführer von Energy Glas in Wolfhagen. Er sehe eine Gesundheitsgefahr für seine Mitarbeiter, die sich ohne ärztliche Einschätzung selbst therapieren würden. Zum anderen fehle ihm Planungssicherheit für seine Produktion. In seiner Firma sei es kein Thema, aber anderswo könne man mit einer solchen Praxis Blaumachern Tür und Tor öffnen.

Hintergrund: Attest am ersten Tag

Arbeitnehmer müssen auf Wunsch ihres Chefs schon am ersten Krankheitstag ein ärztliches Attest vorlegen. Das hatte das Bundesarbeitsgericht aufgrund einer Klage vor zwei Jahren entschieden. Die Arbeitgeber müssen demnach auch nicht begründen, warum sie bereits so früh einen Krankenschein vorgelegt bekommen wollen. Bislang galt als Faustregel, dass die Krankschreibung erst nach dem dritten Tag vorgelegt werden muss. Auch Tarifverträge können das Recht auf eine frühere Vorlage ausschließen.

Laut Gesetz sind Beschäftigte dazu verpflichtet, ihren Arbeitgeber unverzüglich zu informieren, wenn sie wegen Krankheit im Job ausfallen (ewa)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.