Vor 30 Jahren

Als sich das Gesicht der Stadt durch den Hessentag veränderte

Längst Geschichte: Die zum Hessentag aus Rundhölzern errichtete Burg zum Spielen für Kinder gibt es nicht mehr. ARCHIV
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Längst Geschichte: Die zum Hessentag aus Rundhölzern errichtete Burg zum Spielen für Kinder gibt es nicht mehr.

Anfang der 1990er-Jahre wurde in Wolfhagen viel gebaut, vor dem Hessentag herrschte Aufbruchstimmung. Der Glanz von damals ist verblasst. Manches wird bereits, anderes müsste erneuert werden.

Wolfhagen – Es ist 30 Jahre her, da erlebte Wolfhagen einen Bauboom, der den meisten Einwohnern bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Straßen wurden umgestaltet, ein Parkhaus wurde errichtet, ein weiteres aufgestockt, das alte Rathaus wurde saniert, der Feuerwehrstützpunkt bekam ein neues Dach und wurde erweitert, und das Freibad erhielt eines der ersten Edelstahlbecken in Nordhessen.

Viele, so Michael Joost, Leiter des Wolfhager Amts für Energie und Stadtentwicklung, brächten heute den baulichen Ehrgeiz von damals mit dem Hessentag in Verbindung, der 1992 in Wolfhagen gefeiert wurde.

„Der Hessentag – das war für uns wie die Olympischen Spiele“

Das jedoch stimme nur zum Teil, sagt Joost, der damals das Bauamt leitete und sich gut an die Aufbruchstimmung erinnert, die in jenen Jahren im Vorfeld des Hessentages in der Stadt herrschte. „Der Hessentag – das war für uns wie die Olympischen Spiele.“

Doch bei Weitem nicht jede Investition habe ihre Legitimation durch das Landesfest erhalten. Man müsse das schon differenziert betrachten, sagt er heute. Für viele Projekte seien in Wiesbaden Fördermittel beantragt worden, und zwar ganz unabhängig von der Aussicht, dass im Frühjahr 1992 Wolfhagen Gastgeber der Festwoche wird und Tausende von Menschen zu Besuch kommen würden.

Der Feuerwehrstützpunkt wäre auch ohne Hessentag erweitert worden

Der Feuerwehrstützpunkt etwa wäre auch ohne Hessentag erweitert worden. Denn sein Dach war undicht und der Handlungsdruck groß. 1,27 Millionen Mark flossen 1991 in das Gebäude an der Schützeberger Straße, Räume wurden erneuert und nach kontroverser Debatte eine Atemschutzwerkstatt integriert.

Schon damals sei das ein wichtiges Signal gewesen, den Prüfdienst in Eigenregie bewerkstelligen zu wollen. Wenn man so wolle, sei da der Grundstein für das heutige Dienstleistungszentrum mit hauptamtlichen Beschäftigten gelegt worden, sagt Joost. Inzwischen sind die Tage des alten Stützpunktes gezählt, weiter stadtauswärts entsteht ein neues Domizil. Der Umzug soll im kommenden Jahr erfolgen.

Wolfhagens Erlebnisbad war in aller Munde

War im Sommer 1991 ein Glanzstück: Das sanierte Erlebnisbad in Wolfhagen. Das damals eingebaute Edelstahlbecken war eines der ersten in Nordhessen. An ihm ist auch nach 30 Jahren kein Vergang.

In aller Munde war auch Wolfhagens Erlebnisbad, allerdings hatte auch das nichts mit dem Hessentag zu tun. Anfang Januar 1991 starteten die Arbeiten für die Runderneuerung, gut fünf Monate später strahlte die Anlage in neuem Glanz. Vor allem das schicke und langlebige Edelstahlbecken zog Blicke auf sich.

Kommunalpolitiker aus nordhessischen Städten und Gemeinden schwärmten nach Wolfhagen aus, um sich über die neuartige Sanierungsvariante zu informieren. Fast drei Millionen Mark hatte Wolfhagen in sein Bad gepumpt, Fördermittel aus Wiesbaden habe es nur für die Absorberanlage gegeben, sagt Joost. Mit ihr ist es möglich, umweltfreundlich Wasser zu erwärmen.

Die Umkleiden stammen aus den 60er Jahren

Inzwischen, nach 30 Jahren, wird am Bad der Sanierungsstau offensichtlich. Während das Edelstahlbecken noch tipptop sei, stammten die Umkleiden tatsächlich aus den 1960er-Jahren – dieser Charme lasse sich auch nicht verbergen.

Die Filter, deren durchschnittliche Lebenszeit gewöhnlich bei 15 bis 20 Jahren liegt, hätten schon jede Menge Wasser aufbereitet. Joost: „Doch mit jedem Jahr erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für eine Havarie.“

Bei der Verschönerungsaktion bewies nicht jeder mit der Wahl der Farbe eine glückliche Hand

Die Sanierung des Alten Rathauses war für 5,37 Millionen Mark im März 1990 abgeschlossen. Das hübsche Fachwerkhaus, seit eh und je Fixpunkt in der Altstadt, machte zwar auch zwei Jahre später zum Landesfest noch eine gute Figur, hatte seine Schönheitskur aber nicht dem Fest zu verdanken. Das mag bei vielen anderen Gebäuden in Wolfhagens historischem Kern anders gewesen sein.

Motiviert von einem Investitionsprogramm ließ so mancher Eigentümer die Fachwerkfassade seines Hauses im Vorfeld des zehntägigen Volksfestes farblich veredeln. Bei der gut gemeinten Verschönerungsaktion bewies nicht jeder mit der Wahl der Farbe eine glückliche Hand. Noch Jahre später mussten die schädlichen Farben durch offenporige und damit holzverträgliche Anstriche ersetzt werden.

Die Teich- und Bruchwiesen haben vom Hessentag profitiert

Lob von Hessens Umweltminister: Joschka Fischer (Bildmitte) setzte Wolfhagens nach acht Jahren Bauzeit modernisierte Kläranlage beim Hessentag in Gang, rechts Bürgermeister Giselher Dietrich.

Die Teich- und Bruchwiesen haben vom Hessentag profitiert. Mit Unterstützung des Landes flossen vor 30 Jahren zwei Millionen Mark in die Renaturierung des Stadtparks. Der Bach wurde aus seinem Betonrohr geholt und durfte sich in kleineren Bögen in den Wiesen wieder ausbreiten. Flachwasserbereiche wurden geschaffen, an die Besucher nah herantreten konnten.

Minister Jörg Jordan weihte während des Hessentages die nun naturnahen Teich- und Bruchwiesen ein. Ebenfalls im Gestaltungspaket enthalten waren neue Spielplätze. Die allerdings waren alleinige Angelegenheit der Stadt. Besonders reizvoll für Kinder: eine aus Rundhölzern errichtete zehn Mal zehn Meter große Burg. Allerdings zeichnete sich Letztere nicht durch Langlebigkeit aus, das Holz faulte.

Der Sanierungsstau am Klärwerk liegt heute jenseits der Zehn-Millionen-Euro-Grenze

In die Tage des Hessentages fiel auch der Abschluss der Arbeiten am Klärwerk. Umweltminister Joschka Fischer besuchte Wolfhagen und durfte den Knopf drücken, mit der die Anlage ihre Arbeit aufnahm. Acht Jahre war am Klärwerk gebaut worden. Von den 13 Millionen Mark über nahm das Land acht Millionen.

Die damals hochmoderne Reinigungsanlage erfüllt heute jedoch nicht mehr die Standards, die von Jahr zu Jahr strenger werden. Der Sanierungsstau liegt heute jenseits der Zehn-Millionen-Euro-Grenze und soll in den kommenden Jahren nach und nach aufgelöst werden.

Richtig viel Geld floss zu Beginn der 1990er-Jahre in Wolfhagens Verkehrsinfrastruktur. Zwischen Wilhelm- und Torstraße wurde für 3,3 Millionen Mark (mit Geld aus dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz) ein neues Parkhaus mit 104 Stellplätzen geschaffen.

Kurz nach dem Hessentag sollte die Schützeberger Straße zur Fußgängerzone werden

Das Parkhaus an der Schäferstraße erhielt für zwei Millionen Mark (kommunales Geld) eine weitere Ebene und ein Satteldach, damit es sich besser in die Altstadt einfügt. Zudem wurden im Vorfeld des Hessentages zahlreiche Straßen erneuert.

Schon 1989 war die asphaltierte Schützeberger Straße mit ihren damals schmalen Bürgersteigen, angelehnt an ihre Historie, wieder gepflastert worden. Die bauliche Veränderung trug zur Beruhigung des Verkehrs bei. Die Menschen hatten mehr Platz, vor den Geschäften zu flanieren.

Die Beruhigung sollte kurze Zeit später – nach dem Hessentag – soweit gehen, dass sich das Parlament dazu entschloss, die Schützeberger Straße zur Fußgängerzone zu machen. „Doch die Kritik ließ nicht lange auf sich warten“, erinnert sich Joost. Die Beschwerden kamen von Geschäftsleuten und Gastronomen, die sich über zu wenig Publikum beklagten.

Inzwischen präsentiert sich die einstige Fußgängerzone als eine Piste mit zahllosen Rillen und Dellen

Also ruderten die Stadtverordneten zurück und sorgten dafür, dass Fahrzeuge die Schützeberger Straße wieder befahren durften. Inzwischen präsentiert sich die einstige Fußgängerzone als eine Piste mit zahllosen Rillen und Dellen. Michael Joost: „Die Straße ist fertig.“ Das Pflaster habe unter den vielen, mitunter auch schweren Lieferfahrzeugen gelitten.

Weitere Straßen wurden vor 30 Jahren erneuert. Mit kommunalem Geld wurde die Mittelstraße umgestaltet, auch sie wurde verkehrsberuhigt – sprich Fußgänger und Autofahrer teilten sich den Raum zwischen den Häuserzeilen. Daneben investierte die Kommune in Triangel und Ritterstraße, Zuschüsse gab es dafür keine.

Für die Burgstraße sah das wieder anders aus. Für die, so Joost, habe es Mittel aus dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz gegeben. Die Sache hatte jedoch einen Haken. Um die Zuschüsse abgreifen zu dürfen, musste die Burgstraße eine Hauptverkehrsstraße sein. Und damit war Tempo 30 zunächst passé, das kam erst später. (Antje Thon)

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