Zwangsarbeiter aus der Ukraine blieb in der Region

Junger Historiker erforscht die Geschichte eines Grabsteins auf dem Wolfhager Friedhof

Versteckt in der Ecke: Der Historiker Phillip Landgrebe ist der Geschichte des Grabsteins ohne Inschrift auf dem Wolfhager Friedhof nachgegangen.
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Versteckt in der Ecke: Der Historiker Phillip Landgrebe ist der Geschichte des Grabsteins ohne Inschrift auf dem Wolfhager Friedhof nachgegangen.

Manchmal liegen Rosen vor dem grauen Grabstein ohne Namen. In einer zugewachsenen Ecke des Wolfhager Friedhofs steht das leicht bemooste Erinnerungsmal, das durch seine Form hier einzigartig ist: ein orthodoxes oder auch byzantinisch genanntes Kreuz.

Wolfhagen/Wettesingen. Kaum jemand weiß, welche Geschichte sich hinter dem Stein verbirgt. Dem jungen Historiker Phillip Landgrebe, dem der Stein bei einem Besuch des Friedhofs eher zufällig auffiel, ging es da nicht anders als den meisten anderen Wolfhagern. Er beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen.

Zwei Jahre hat der 25-jährige Historiker, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Kasseler Uni beschäftigt ist, recherchiert, hat mit Mitgliedern des Wolfhager Heimat- und Geschichtsvereins gesprochen, mit örtlichen Pfarrern, Friedhofsmitarbeitern, hat in Archiven nach Spuren gesucht. Und ist fündig geworden: Offenbar war die Person, an die der Grabstein erinnert, ein Mann namens Gabriel Kulczycki. In den von Dirk Lindemann herausgegebenen „Wolfhager Geschichten“ ist Kulczycki ein eigenes Kapitel gewidmet, das auf den Erinnerungen zweier bereits verstorbener Wolfhager gründet.

Danach arbeitete Gabriel Kulczycki als Knecht bei einem Wolfhager Landwirt. „Er war sehr klein, gedrungen, hatte stechende Augen und einen dicken schwarzen Schnauzbart“, ist in den Wolfhager Geschichten zu lesen. Und sehr misstrauisch sei er gewesen. Weiter wird berichtet, dass er meist bei den Kühen schlief, die er zu versorgen hatte  – „auf eigenen Wunsch“, obwohl er ein eigenes Zimmer im Wohnhaus gehabt habe.

Dort, so ist weiter zu lesen, sei ihm dann eines Abends ein Unglück passiert, als er eine kleine Granate, die er gefunden hatte, zu öffnen versuchte. Es kam zu einer Explosion, die Kulczycki drei Finger seiner linken Hand kostete. Phillipp Landgrebe machte sich daran, mehr zu finden. Er wollte vor allem auch klären, wieso Gabriel Kulczycki, der soziale Außenseiter, der nur sehr schlecht Deutsch sprach, nach Deutschland gekommen war und warum er blieb. Wichtige Hinweise fand Landgrebe in den Arolsen Archives. Dort belegen Dokumente, dass Kulczycki, der am 14. September 1897 in einem Dorf in der Westukraine geboren wurde, 1943 als Zwangsarbeiter nach Deutschland kam. Bis 1945 arbeitete er auf Höfen in Nordhessen, unter anderem auch auf dem Gutshof in Wettesingen. Dort erlebte er auch die Befreiung durch amerikanische Truppen.

Spätestens 1948 zog Kulczycki, der Mitglied der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche war, dauerhaft nach Wolfhagen. In den Arolser Archiven fand Landgrebe keine schlüssige Erklärung dafür, warum er blieb. Es fanden sich auch keine Hinweise, ob Kulczycki verheiratet war, Kinder hatte oder ob er sonstige Verwandte in der alten Heimat suchte. Als Westukrainer war er bis 1939 polnischer Staatsbürger. Bei Kriegsende wurde seine Heimat in die Sowjetunion eingegliedert, die Zwangsarbeiter der Unterstützung des NS-Regimes verdächtigte, wie Landgrebe erklärt. Angst vor Strafe nach der Rückkehr mag der Grund für sein Bleiben gewesen.

Weitere Hinweise fand der Historiker im Archiv des Landeswohlfahrtsverbandes. Ende der 1950er-Jahre lebte Gabriel Kulczycki in einer kleinen Holzbaracke am Rand Wolfhagens. Er war krankheitsbedingt arbeitsunfähig, bezog eine kleine Rente, lebte zurückgezogen. Im März 1961 erhielt er eine gesetzliche Betreuung und musste die Hütte, die abgerissen werden sollte, verlassen. Er wurde in ein Pflegeheim in der Nähe von Haunetal eingewiesen, kehrte aber auf eigene Faust im April nach Wolfhagen zurück. Seine nächste Station war das örtliche Krankenhaus, wo man mit dem inzwischen schwer Dementen nicht klar kam. Keine zwei Wochen nach seiner Rückkehr, ist in seiner Akte notiert, wurde Gabriel Kulczycki nach Haina in die Psychiatrie eingewiesen. Dort, so Phillip Landgrebe, habe er wiederholt den Wunsch geäußert, nach Wolfhagen zurückkehren zu dürfen, weil dort alle seine Bekannten seien. Und erstmals habe er auch Verwandte erwähnt, eine Schwester und einen Sohn.

Gabriel Kulczycki starb am 16. Juni 1961. In den „Wolfhager Geschichten“ heißt es, dass der Ortsgerichtsvorsteher, der damals den Nachlass Kulczyckis zu ordnen hatte, in der Holzhütte hinter Bretterwänden und im Bett versteckt fast 20 000 Mark gefunden habe. Mehr als genug für ein ordentliches Begräbnis und den Grabstein ohne Inschrift.

Der Stein, vermutet Phillip Landgrebe nach Gesprächen mit Friedhofsarbeitern, sei wohl wegen seiner besonderen Form bis heute erhalten geblieben, stehe aber nicht mehr am ursprünglichen Platz. Kulczyckis Grabstelle wurde längst eingeebnet, die Position ist nicht mehr bekannt. „Der Grabstein sollte auf den Ehrenfriedhof der Gefallenen des Zweiten Weltkriegs versetzt werden“, schlägt Landgrebe vor. Und man sollte ihn mit einer kleinen Gedenktafel zur Erinnerung an die Zwangsarbeiter versehen, schließlich seien auf dem Wolfhager Friedhof mindestens neun weitere Zwangsarbeiter beigesetzt worden.

Die Rosen, fand Landgrebe heraus, stammen von Spätaussiedlern aus Osteuropa, die in den 1990er-Jahren nach Wolfhagen übersiedelten. Sie machten das orthodoxe Kreuz zu ihrem Erinnerungsstein, ohne die eigentliche Geschichte zu kennen. (Norbert Müller)

Mit Bild erhalten: die Akte des Zwangsarbeiters Gabriel Kulczycki mit einem

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