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Behutsame Pflege einer sensiblen Diva im Wolfhager Land

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Von: Antje Thon

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Gärtnermeister und Pflanzenfan Karl-Heinz Härtl in einem lichtdurchfluteten Wald nahe Wolfhagen.
Gärtnermeister und Pflanzenfan Karl-Heinz Härtl in einem lichtdurchfluteten Wald nahe Wolfhagen. Auf dem kalkreichen Boden hat der stark gefährdete Frauenschuh eine letzte Zufluchtsstätte in der Region. © Antje Thon

Der Frauenschuh ist akut vom Aussterben bedroht. An einzelnen Standorten bei Wolfhagen, Zierenberg und Breuna erholen sich die Bestände wieder – doch nur, weil Naturschützer lenkend eingreifen

Wolfhager Land – Er ist eine seltene Diva. Der Frauenschuh (Cypripedium calceolus), eine Orchideenart, deren Name zugleich Hinweis auf ihr unverwechselbares Aussehen liefert, liebt lichte Wälder, durch die das Sonnenlicht ungehindert auf luftige, kalkreiche Böden fällt.

Für sein Fortbestehen ist er angewiesen auf Sandbienen und einen speziellen Ammenpilz. Und wenn alles zusammenkommt, dann braucht es nach der Bestäubung viel Glück und mindestens 15 Jahre Zeit, bis aus einem Embryo eine Pflanze wird, die ein erstes Mal blüht.

Es sei aufwendig und vergleichsweise schwierig, die wenigen Bestände im Landkreis Kassel zu sichern und für ihren Erhalt zu sorgen, sagt Karl-Heinz Härtl, der sich seit Jahrzehnten um den Frauenschuh kümmert und in Niedenstein eine Gärtnerei betreibt. Vier Mal im Jahr werden Kontrollgänge in die Biotope unternommen, bei denen die Pflanzen und vor allem die Blüten gezählt werden.

Seit wenigen Jahren erfreuen sich die Naturschützer, über ein zaghaftes Erstarken der 50-jährigen Population

Hinzukommen bis zu zwei Dutzend Pflegegänge, bei denen geschaut wird, ob etwa die mit Hasendraht bespannten Holzrahmen, in deren Schutz die Orchideen gedeihen, noch intakt sind.

Und wenn es zu trocken ist, dann rückt Gärtnermeister Härtl mit seinem geländegängigen Jeep an, den er sich extra für seine Arbeit am Frauenschuh angeschafft hat und auf dessen Ladefläche sich ein riesiger Wassertank befindet. So kann er seine Schützlinge auch in schwer zugänglichen Regionen gießen.

Seit wenigen Jahren freuen sich die Naturschützer, zu denen auch Förster Reinhard Vollmer vom Forstamt Wolfhagen zählt, über ein zaghaftes Erstarken der alten, gut 50-jährigen Populationen.

Heute seien es die Lebensraumbedingungen, die es den Pflanzen schwer machen, dies soll verbessert werden

„Früher haben die Menschen Pflanzen ausgegraben“, das sei inzwischen aber nicht mehr das Hauptproblem, sagt Karl-Heinz Härtl, der dennoch nicht möchte, dass die genauen Standorte des Frauenschuhs veröffentlicht werden. Heute seien es eher die Lebensraumbedingungen, die es den Pflanzen schwer machen und an deren Verbesserung die Naturschützer arbeiten.

Und so ließ Vollmer vor einigen Jahren die zugewachsenen, dunklen Wälder, an denen der Frauenschuh zuvor heimisch war, auslichten. „Aus der Literatur wussten wir von 15 Plätzen im Landkreis Kassel, an nur acht haben wir ihn nachgewiesen“, sagt Härtl.

Neben der Pflege der Altstandorte verfolgen die Pflanzenfreunde mit Unterstützung der Oberen Naturschutzbehörde beim Regierungspräsidium Kassel noch eine weitere Strategie, um die Orchidee wieder heimisch werden zu lassen.

Mehr als 400 Nachkommen hat der Niedersteiner seit 2012 an Standorten ausgebracht

Zusammen mit Kollegen hatte Härtl Ende der 1970er-Jahre eine besondere Form der vegetativen Vermehrung von Pflanzen entwickelt, die in Expertenkreisen unter der Härtl-Bröcker-Lingelbach-Methode bekannt ist und europaweit praktiziert wird. Dafür werden aus den Rhizomen des Frauenschuhs kleine Teile geschnitten.

Aus diesen Schnittlingen entwickeln sich nach zwei Jahren vitale neue Pflanzen, die genetisch identisch sind mit der Mutterorchidee. Die Frauenschuhpflanzen, an denen die Methode entwickelt wurde, waren beim Ausbau der A 44 bei Zierenberg gerettet worden.

Mehr als 400 Nachkommen hat der Niedensteiner seit 2012 an Standorten ausgebracht, die für die weitere Entwicklung vielversprechend sind. Vielversprechend heißt in dem Fall: Der Boden besteht aus Kalkstein, ist locker und bietet den Sandbienen als Bestäubern einen geeigneten Lebensraum.

Es dauert 15 Jahre, bis man weiß, ob sich der Frauenschuh erfolgreich vermehren konnte

Wiesenschlüsselblumen und Sanikel, die wie der Frauenschuh ebenfalls gelb blühen, locken die Bienen schon im April an und gewöhnen die Insekten an den Standort, damit sie im Mai zur Blüte der Orchideen vor Ort sind.

Das Vorkommen anderer Orchideen wie Waldvögelein und Eiblättriges Zweiblatt, verschiedene Ständelwurzarten und das Leberblümchen zeigen an, dass im Boden ein bestimmter Pilz lebt, ohne dessen Vorhandensein die Vermehrung des Frauenschuhs ein hoffnungsloses Unterfangen wäre.

Von den 400 Orchideen, die Karl-Heinz Härtl und seine Mitstreiter im Landkreis verteilt haben, seien etwa 60 Prozent angegangen. Und von denen hätten bislang nur 30 Prozent geblüht, sagt Härtl. Ab der ersten Blüte heißt es für die Naturschützer, sich in Geduld zu üben. Denn nun dauert es mindestens 15 Jahre, bis sie wissen, ob sich der Frauenschuh erfolgreich vermehren konnte.

Für erfolgreiche Vermehrung muss vieles passen. Bei der geschlechtlichen Vermehrung des Frauenschuhs hat sich die Natur richtig was einfallen lassen.

Bei der geschlechtlichen Vermehrung des Frauenschuhs hat sich die Natur richtig was einfallen lassen. Es beginnt mit der Bestäubung. Nicht jedes Insekt ist der grazilen Pflanze mit ihrer bauchigen Kesselfallenblüte, in der es männliche und weibliche Geschlechtsorgane verbirgt, recht.

Willkomen sind fast ausschließlich Sandbienen. Mit Duft und Farbe lockt die Blüte im Mai die Bienen aus wenigen Hundert Metern Entfernung an. Die Sandbienen krabbeln in die Blüte und nehmen mit dem Kopf den Pollen auf, den sie in der nächsten Blüte auf der Narbe abstreifen. Belohnt werden die Bestäuber für ihre Arbeit – das Verlassen der Blüte ist sehr kräftezehrend – nicht, denn Nektar ist in dem Kessel keiner zu holen.

Nicht umsonst zählt der Frauenschuh zu den Täuschpflanzen. Acht bis zehn Tage nach der Bestäubung kommt es zur Befruchtung. War diese erfolgreich, schwillt der Fruchtknoten an. In ihm befinden sich bis zu 3500 Embryonen. Zwischen Ende September und November öffnet sich die Fruchtkapsel.

Der Samen muss mindestens vier Zentimeter tief im Boden eingetragen werden, um keimen zu können

Und nun gibt es zwei Varianten: Bei der ersten spült Regen die Samen in den Boden. Fehlt es in der entscheidenden Zeit an ausreichend Niederschlag, liegt es am Wind, den Samen zu verteilen – das ist die zweite Variante. Aber: Der Samen muss mindestens vier Zentimeter tief in den Boden eingetragen werden, um überhaupt keimen zu können.

Dabei helfen Mäuse, Insekten und Würmer. Im Boden müssen Samen auf ihren Ammenpilz treffen, der trägt im Falle des Frauenschuh den Namen Rhizoctonia Filiformes. Der Pilz möchte die Embryonen verdauen. Da die Samen von einer harten Hülle umgeben sind, pumpt der Pilz Wasser in die Embryonen, die nun aufquellen.

Bei diesem Prozess entsteht Keimungswärme, von der beide Partner, die symbiotisch miteinander verbunden sind, profitieren. Der Pilz kann sein Mycelgeflecht vergrößern. Der Embryo entwickelt nun ein bestimmtes Hormon, durch das seine Verdauung durch den Pilz verhindert wird.

Im fünften Jahr nach langer Dunkelheit zeigt sich im Mai/Juni das erste grüne Keimblatt

Vier Jahre verbringt der Samen in Dunkelheit im Boden. Im fünften Jahr zeigt sich im Mai/Juni das erste grüne Keimblatt. Von da an dauert es weitere zehn Jahre, bis aus der Jungpflanze eine erwachsene, blühfähige Orchidee wird. Von den Tausenden Embryos gelingt das statistisch nur einem einzigen. Allerdings kann der Frauenschuh auch Dutzende Jahre im Boden überdauern und Zeiten überstehen, die für ihn nicht geeignet sind. (Antje Thon)

Blüte des Frauenschuh im Gärtnereibetrieb Härtl in Niedenstein.
Blüte des Frauenschuh im Gärtnereibetrieb Härtl in Niedenstein. © Privat

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