Ausgefallener Beruf

Profi-Kletterer André Gautsche ist ein Mann für besondere Aufgaben

Ein Mann hängt an Seilen gesichert an einer steilen Steinwand.
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Gesichert in der Wand: Im Katzenloch bei Ippinghausen befreit André Gautsche den Basalt im früheren Steinbruch vom Bewuchs.

Der Breitenbacher André Gautsche ist Profi-Kletterer. Er ist meist dann gefragt, wenn Leitern nicht mehr weiterhelfen – so auch kürzlich bei einem Auftrag des Fördervereins zum Erhalten der Weidelsburg.

Ippinghausen – Von einer grandiosen Aussicht kann André Gautsche an diesem Tag nur träumen. Als er in die zerklüftete Wand steigt, hat sich der Novembernebel noch nicht gelichtet.

Routiniert seilt sich der 54-Jährige, der sich nun ganz auf seine Sicherheitsausrüstung verlassen muss, Meter für Meter ab.

Kam durch Zufall zum Klettern: André Gautsche.

Gautsche sucht an diesem Tag nicht die alpine Herausforderung am Großen Watzmann, er ist am grauen Basalt im Katzenloch bei Ippinghausen unterwegs. Dort, unterhalb der Weidelsburg, führt er einen Auftrag des Fördervereins zur Erhaltung der Weidelsburg aus: Er befreit das vulkanische Gestein von störendem Bewuchs.

Der drahtige Breitenbacher ist Baum- und Industriekletterer und meist dann gefragt, wenn Hubsteiger und Leitern nicht mehr weiterhelfen.

Kürzlich hat er gemeinsam mit einem seiner Mitarbeiter das Mauerwerk der Weidelsburg von Pflanzen und deren Wurzeln befreit, dabei auch gleich schadhafte Fugen erneuert. Die Alternative zum Klettereinsatz wäre hier das aufwendige und teure Stellen eines Gerüsts gewesen.

Auf den Kletterberuf ist Gautsche durch einen Freund gekommen

Gautsches Wurzeln liegen ganz in der Nähe der Burg. In Naumburg und Altenstädt wächst er auf, dort verbringt er seine Jugend, ehe er nach Kassel geht, um auf dem zweiten Bildungsweg noch sein Fachabitur zu machen. Berufsziel: Architekt.

An der Kasseler Uni wäre das mit seinem Abschluss möglich gewesen, nicht aber mit seinem Notendurchschnitt. Mit 30, sagt er, habe er die Hoffnung auf einen Architekturstudienplatz abgehakt. Er entscheidet sich, Sozialwesen zu studieren, „aber die Motivation hat nicht lange gehalten“. In dieser Zeit verdient er sein Geld bereits in der Behindertenassistenz.

Als Lebensaufgabe empfindet er das aber nicht. Irgendwann bekommt er von einem Kumpel den Tipp, ein Baumkletterer suche einen Bodenmann, also einen Helfer, der die gekappten Äste wegzieht und in den Häcksler schiebt. „Ich wusste gar nicht, dass es sowas gibt“, erinnert sich Gautsche, der mit 39 Jahren zur harten Maloche an der frischen Luft wechselt.

Die Höhe und Fitness stellt kein Problem dar

Was folgt: Ausbildung und Zusatzqualifikationen. Vorher gilt es noch, die arbeitsmedizinische Untersuchung zu bestehen, die Prüfung, ob er für die Höhenarbeit tauglich ist. Als begeisterter Gleitschirmflieger, erzählt er, habe er mit Höhe keine Probleme.

Bald ist er selbst ein Routinier in Sachen Seilklettertechnik und Baumkunde, beherrscht das Fällen und Auslichten von Bäumen ebenso wie das sichere Bewegen am dünnen Seil. Wenig später absolviert er die Fortbildung zum Industriekletterer. Es ist an der Zeit, sich selbstständig zu machen, befindet er knapp fünf Jahre später.

Die nötige Fitness, sagt Gautsche, habe er von Anfang an mitgebracht, auch dank seines Faibles fürs Joggen, Kickboxen und Radfahren. Die braucht er auch, wenn er beispielsweise für Hessen-Forst Aufträge übernimmt. Anstrengend ist der Job eigentlich immer, sagt er, oft genug an der Grenze zum Hochleistungssport.

Gautsche über seinen Beruf: „Ständig gibt es neue Herausforderungen“

Über Langeweile kann André Gautsche jedenfalls nicht klagen, seit er sein eigener Chef ist. Schon gar nicht, wenn er mal wieder als Zapfenpflücker im Forst engagiert ist. Gautsche erzählt von der Samenernte auf fast 50 Meter hohen Douglasien im Harz oder auf Küstentannen in der Rhön. „Oben hast du Schwankungen von zehn Metern, wenn der Wind kommt.“

„Ich mache den Job wirklich gerne“, versichert Gautsche. „Ich bin gerne draußen, mag es, mich auszupowern, die Teamarbeit und auch den Umgang mit den Kunden.“ Das Faszinierende sowohl beim Industrieklettern als auch beim Baumklettern: „Es stellen sich ständig neue Herausforderungen.“

Er habe eine ganze Weile nach seiner Berufung gesucht, sagt der in Nordhessen verwurzelte Kraxler, „und ich bin letztlich da gelandet, wo ich mich wohlfühle“.

Die Bezahlung könnte zwar angesichts des Risikos und auch der Schwere der Arbeit besser sein. Aber, gibt André Gautsche zu bedenken, „man wird belohnt durch eine grandiose Aussicht“ – sofern man nicht gerade im nordhessischen Novembernebel hängt. (Norbert Müller)

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