Familie Kheder sitzt seit sieben Monaten in Bulgarien fest

Ausbildungsverträge könnten syrischen Flüchtlingen Weg nach Wolfhagen ebnen

Hoffen seit sieben Monaten auf eine Rückkehr nach Deutschland: Mervan Kheder, Mutter Azizah Hamou und Katia Kheder. Die Familie wurde im Februar nach Bulgarien abgeschoben.
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Hoffen seit sieben Monaten auf eine Rückkehr nach Deutschland: Mervan Kheder, Mutter Azizah Hamou und Katia Kheder. Die Familie wurde im Februar nach Bulgarien abgeschoben.

Seit sieben Monaten sitzt die abgeschobene syrische Flüchtlingsfamilie Kheder in Bulgarien fest. Die Wolfhager Walter-Lübcke-Schule unterstützt die ehemaligen Schüler und ihre Mutter seitdem mit Spenden.

Wolfhagen - Nun besteht die Chance, dass zumindest Katia und ihr Bruder Mervan wieder nach Deutschland einreisen dürfen. Beide haben feste Ausbildungsverträge im Altersheim Phönix in Wolfhagen und beim Bauunternehmer Düsterwald in Viesebeck.

Dieser Umstand könnte ihnen den Weg zurück nach Wolfhagen ebnen. Voraussetzung ist jedoch eine Stellungnahme der Agentur für Arbeit, bei der unter anderem geprüft wird, ob der regionale Arbeitsmarkt einen Mangel an Fachkräften aufweist. Speziell in den angestrebten Berufsfeldern von Katia als Altenpflegerin und Mervan als Maurer. „Wir geben die arbeitsmarktpolitische Stellungnahme zwar ab, treffen jedoch keine Entscheidung über eine Rückkehr der Familie Kheder“, erklärt Cornelia Harberg, Sprecherin der Agentur.

Die Entscheidung liegt bei der Ausländerbehörde für die Stadt und den Landkreis Kassel. Um die Einreisesperre aufheben zu können, müsse eine Prognose erstellt werden, ob ein Visaantrag Aussicht auf Erfolg habe, so Kassels Bürgermeisterin Ilona Friedrich. „Für Katia und Mervan Kheder wird dies im Rahmen der potenziellen Ausbildungsverträge geprüft.“ Sobald die dazu nötigen Formulare vorliegen, soll die Stellungnahme beauftragt werden. „Das Ergebnis ist momentan also leider noch offen“, so Friedrich. Für die Mutter liege derzeit jedoch keine bundesrechtliche Grundlage für einen zukünftigen Aufenthaltstitel vor.

Dr. Jonathan Leuschner, der Anwalt der Familie, hat die Formulare am Dienstag eingereicht. Er hofft auf eine Entscheidung noch in diesem Jahr. „Die Möglichkeit für die Familie, in Bulgarien eine Existenz aufzubauen, ist sehr gering“, so Leuschner, der auch andere Geflüchtete in Bulgarien vertritt.

Die Zeit drängt. Der Walter-Lübcke-Schule gehen laut Lehrer Stefan Zindel die Spenden aus, mit denen die Familie derzeit unterstützt wird.

Die Situation der abgeschobenen Familie Kheder wird immer unerträglicher und die Nerven liegen blank. „Wir können hier nichts tun und haben panische Angst, wieder nach Syrien zurückzumüssen“, sagt Katia Kheder, die aktuell mit einem fieberhaften Infekt im Bett liegt und auf ihrem Handy die Nachrichten verfolgt.

Die Angst verfolgt sie in ihren Albträumen. Gerade in der vergangenen Woche hat sich der schwerste Terroranschlag seit Jahren in Damaskus, der Heimatstadt der Familie, mit vielen Toten und Verletzten ereignet. Ein weiteres Zeichen für die Familie, dass es in Syrien für sie keine Zukunft mehr gibt.

„Wir haben Heimweh nach Wolfhagen und unser größter Wunsch ist es, wieder zurückzukehren in unser Leben dort. Wir wollen niemandem zur Last fallen und unsere Existenz dort durch Arbeit selbst bezahlen“, sagt die 18-Jährige Katia.

In dem von der Walter-Lübcke-Schule angemieteten Zimmer reihe sich ein eintöniger Tag an den nächsten, seit sieben Monaten, unterbrochen manchmal durch Lebensmitteleinkäufe oder einen Spaziergang. Katia schläft mit ihrer Mutter in einem Bett, Mervan auf dem Sofa. Mutter Azizah Hamou habe gesundheitliche Probleme. Doch einen Arztbesuch kann sich die Familie nicht leisten.

Auch Sprachkurse gebe es in Sofia nicht, so Katia. Sie verstehen die Sprache nicht und könne sich mit niemanden verständigen. „Wir versuchen jetzt, mit einer App auf dem Handy Sprachen zu lernen und unser Deutsch und Englisch zu verbessern.“

Katia Kheder befand sich gerade in den Prüfungsvorbereitungen für ihre Mittlere Reife, als sie abgeschoben wurde. Katia und ihr Bruder Mervan wollten am 1. Oktober ihre Ausbildungsplätze antreten – Katia als Altenpflegerin in der Seniorenresidenz Phönix und Mervan als Maurer beim Unternehmen Düsterwald in Viesebeck.

Beide Ausbildungsbetriebe suchen händeringend nach Azubis und warten weiterhin auf die beiden jungen Leute. Durch frühere Praktika hätten die beiden laut ihren Ausbildungsbetriebe einen guten Eindruck hinterlassen. (Bea Ricken)

In dem karg eingerichtetem Zimmer wartet die syrische Familie Kheder, hier Mutter Azizah Hamou und der 19-jährige Mervan, seit sieben Monaten auf eine Rückkehr nach Deutschland. 

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