Weniger Ausbildungsstellen

Corona sorgt für Verunsicherung bei Betrieben und Bewerbern im Wolfhager Land

Auch die Ausbildung zum Koch leidet unter Corona. Im Restaurant „Der Grischäfer“ in Bad Emstal haben sich sogar weniger Menschen beworben (Symbolbild).
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Auch die Ausbildung zum Koch leidet unter Corona. Im Restaurant „Der Grischäfer“ in Bad Emstal haben sich sogar weniger Menschen beworben (Symbolbild).

Auch der Ausbildungsmarkt leidet unter Corona. Insgesamt gibt es weniger Lehrstellen im Kreis Kassel sowie im Wolfhager Land.

Wolfhager Land – Die Krise sorgt für Verunsicherung sowohl bei den Betrieben als auch bei Bewerbern.

297 neu abgeschlossene Ausbildungsverträge gab es zum 31. Dezember 2020 im Landkreis Kassel laut der Handwerkskammer Kassel. Ein Jahr zuvor lag die Zahl noch bei 349. Somit haben 52 Menschen weniger im Landkreis Kassel mit einer Ausbildung im Handwerk begonnen. „Das ist ein Minus von 14,9 Prozent“, berichtet Barbara Scholz, Pressesprecherin der Handwerkskammer Kassel.

Das liege vor allem aber auch am pandemiebedingten Wegfall von Veranstaltungen und Messen zur Berufsorientierung und Berufsberatung. Auch Schülerpraktika könnten unter Corona-Bedingungen nur begrenzt organisiert werden. Oft können sie auch gar nicht stattfinden. Gleiches gelte für Nachwuchswerbungsaktionen der Betriebe selbst.

So sei es für beide Seiten, Betriebe sowie Schüler, schwierig geworden, in Kontakt zu kommen und zueinanderzufinden, sagt Scholz. „Wenn weniger Ausbildungsverträge eingetragen werden, dann liegt es aktuell nicht an Betriebsschließungen, sondern an Zurückhaltung bei Bewerbern und Betrieben“, erklärt Norbert Wett, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Kassel. Diese Zurückhaltung und Verunsicherung während Corona spüre man auch bei der Agentur für Arbeit, wie Cornelia Harberg, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit Kassel, berichtet.

Norbert Wett: Kreishandwerkerschaft Kassel

So gab es beispielsweise im Monat April dieses Jahres 117 gemeldete offene Berufsausbildungsstellen in der Geschäftsstelle Wolfhagen. Das seien 20 Stellen weniger als im Vorjahresmonat. Demgegenüber stehen 168 gemeldete Bewerber, wie Harberg erklärt. Damit sei die Anzahl der Bewerber sogar um 7 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen. Das sei laut Harberg jedoch eher ungewöhnlich. In anderen Geschäftsstellen im Kreis Kassel sei die Zahl der Bewerber meist gesunken.

Während einige Bereiche wegen Corona keine Auszubildenden mehr einstellen können, ist von einem Ausbildungsmangel „im Gesundheitswesen und der Verwaltung nichts zu spüren“, sagt Harald Kühlborn, Pressesprecher des Landkreis Kassel. Vor allem in der Pflege werde im Landkreis sogar mehr ausgebildet als zuvor.

Probleme gebe es eher im Einzelhandel oder Friseurbereich. Aber auch im Hotel- und Gastronomiebetrieb sowie in der Eventbranche verspüre man einen Rückgang, wie Thomas Fölsch von der Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg erzählt.

So musste auch Katarina Jabs, die das Friseurstudio Jekatarina Jabs in Bad Emstal betreibt, schon zwei Bewerbern absagen. „Die Zeit ist so ungewiss“, erklärt sie, warum sie während Corona derzeit keine Auszubildenden einstellt. Vorher habe sie immer Auszubildende im Laden gehabt, doch wegen der Pandemie wolle sie nichts riskieren. Frank Holzhauer, Inhaber des Hotel und Restaurants „Der Grischäfer“ in Bad Emstal, hat trotz Corona derzeit vier Auszubildende. Drei machen eine Ausbildung zum Koch, einer zum Restaurantfachmann. Doch die Coronakrise habe auch er gespürt. „Es haben sich weniger beworben“, berichtet Holzhauer.

Wegen der Pandemie werden die Auszubildenden auch an anderen Standorten eingesetzt und bekommen nicht zu 100 Prozent die Ausbildung, die sie sonst bekommen hätten. „Es ist etwas anderes, ob man in einer Großküche oder in einer Restaurantküche arbeitet“, sagt Holzhauer.

Stefan Leitner, Geschäftsführer der Firma Reinhardt Kraft Metallbau und Landtechnik in Naumburg, merkt zur Zeit keinen Mangel. Er hat, wie sonst auch, einen Auszubildenden in seiner Firma. „Wir haben durchweg viel Arbeit“, erklärt er. Er bedauert allerdings den zum Teil schulischen Ausfall während der Ausbildung.

Neues Angebot für Bewerber

Damit die Coronakrise nicht zur Ausbildungs- und Fachkräftekrise wird, hat die Agentur für Arbeit ein neues digitales Angebot geschaffen. „Wir versuchen, mit den Bewerbern in Kontakt zu bleiben“, sagt Claudia Harberg, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit.

Auf der Webseite, die sich hauptsächlich an Jugendliche richtet, werden alle wichtigen Informationen und Angebote rund um das Thema Ausbildung gebündelt: von Tipps für die Berufswahl und dem Online-Berufserkundungstool „Check-U“ über das persönliche Gespräch mit der Berufsberatung – zum Beispiel per Videoberatung – bis hin zu mehr als 100 000 Ausbildungsplatzangeboten aus der Jobbörse. In einer Veranstaltungsdatenbank finden die Jugendlichen außerdem virtuelle Ausbildungsmessen und weitere Events in ihrer Region.

Außerdem finden auch Arbeitgeber, Eltern und Lehrkräfte auf der digitalen Informationsplattform Hinweise und weiterführende Links. Ausbildungsbetriebe erhalten zum Beispiel alle wichtigen Informationen zum Bundesprogramm „Ausbildungsplätze sichern“ und gelangen per Link direkt zu den Förderanträgen.

Lehrer können unter anderem Materialien für den Berufsorientierungsunterricht herunterladen. Zudem finden Eltern Tipps, wie sie ihre Kinder bei der Berufswahl unterstützen können oder welche finanziellen Hilfen es gibt.

„Nehmt mit uns Kontakt auf“, rät Harberg. Die Arbeitsagentur habe das Ziel, dass kein sogenannter „Corona-Jahrgang“ entstehe. Alle sollen die gleichen Chancen haben, wie auch die Jahre zuvor. Dafür haben sie eine spezielle Hotline für die Berufsberatung eingerichtet. „Die Ausbildung ist eine wichtige Säule für Betriebe, um für Fachkräfte für morgen zu sorgen“, ergänzt Harberg. (Samira Müller)

Info: arbeitsagentur.de/m/ausbildungklarmachen, Mail: kassel.berufsberatung@arbeitsagentur.de, Tel.: 05 61/701 1774

Fachkräftemangel wird sich verschärfen

Weniger Ausbildungsstellen bedeutet für die Betriebe im Landkreis Kassel, dass ihnen mittelfristig weniger Fachkräfte zur Verfügung stehen, wie Scholz berichtet. Das könnte sie in ihrem Wirtschaftswachstum einschränken. Langfristig würden dann auch die Betriebsnachfolger fehlen. „Den Fachkräftemangel gibt es zwar schon immer, aber er wird sich durch Corona noch verschärfen“, sagt Thomas Fölsch von der Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg.

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