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Das Kino in Wolfhagen blickt zurück auf das dritte Corona-Jahr

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Von: Paul Bröker

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2022 war erfolgreich, sagt der Wolfhager Kinobetreiber Kai Mellinghoff. Damit sei die Situation anders als in vielen anderen Städten, wo die Kinos um ihre Existenz fürchten. Der Saal sei derzeit fast immer ausgebucht.
2022 war erfolgreich, sagt der Wolfhager Kinobetreiber Kai Mellinghoff. Damit sei die Situation anders als in vielen anderen Städten, wo die Kinos um ihre Existenz fürchten. Der Saal sei derzeit fast immer ausgebucht. © Paul Bröker

„Streaming macht uns nicht kaputt“ - Kino-Betreiber Kai Mellinghoff aus Wolfhagen spricht im HNA-Interview über Besucherzahlen und Corona.

Wolfhagen – Die Kinobranche siecht dahin. Deutschlandweit hat sie in diesem Jahr mehr als 30 Prozent an Zuschauern verloren. Wie kann sich in solch einer Situation ein Kino in einer kleinen Stadt wie Wolfhagen behaupten? Kinobetreiber Kai Mellinghoff ist erstaunlich zuversichtlich und erzählt im Interview, wieso sein Kino dennoch erfolgreich ist.

Corona hat der Kinobranche stark zugesetzt. Wie liefen die vergangen zwei Jahre bei Ihnen?

Man mag es kaum glauben, aber ich habe dieses Jahr ähnlich viele Besucher gehabt wie 2019 vor der Pandemie. Doch auch uns hat Corona natürlich beeinflusst: Wie andere auch mussten wir abwechselnd schließen und öffnen. Erst im Oktober 2019 hatten wir unser Kino aufwendig renoviert. Das war im Nachhinein ein Glücksfall. Die Leute merken jetzt: Hier kriegen wir ein Premiumerlebnis zum günstigen Preis.

Hat Ihnen dabei geholfen, dass es staatliche Förderung gab?

Die letzten und einzigen Corona-Hilfen haben wir im Sommer 2020 bekommen, als das Kino erstmals geschlossen war. Von dem Kulturfonds, den es seit einem Jahr gibt, haben wir dagegen keinen Gebrauch gemacht. Das mussten wir auch nicht, denn wir haben unsere laufenden Kosten immer klein gehalten. Bei der letzten Schließung waren wir neben einem anderen Kino in Hessen die ersten, die wieder geöffnet haben. Auch bei der ersten Schließung 2020 haben wir als eines der ersten Kinos wieder geöffnet. Wir möchten keinem auf der Tasche liegen.

Welche Filme haben denn dieses Jahr besonders zum Erfolg beigetragen?

Hervorragend gelaufen sind „Top Gun: Maverick“, „Schule der magischen Tiere“, „Minions 2“ und – besonders hervorzuheben – „Wunderschön“. Zusammengefasst: Alle Filme, bei denen sich die Leute mit einem Aperol Spritz oder einem Gin Tonic auf die Liegeplätze legen und das Filmerlebnis genießen, haben supergut funktioniert. Weniger gut laufen dagegen Filme, in denen brutale Gewalt vorkommt. Momentan ist der zweite Avatar-Teil der absolute Renner.

Wie kann sich ein kleines Kino heute behaupten?

Eine Rolle spielen sicherlich die Preise für Tickets, Snacks und Getränke. Wir haben daher bei den Getränken lediglich die Preiserhöhung unserer Lieferanten weitergegeben. Besonders wichtig ist aber auch der Service. Die Leute haben während der Pandemie ihr Verhalten geändert. Gerade meine Hauptklientel, die über 40- oder 50-Jährigen, möchte noch etwas Abstand halten. Daher bildet sich bei uns im Foyer keine lange Schlange und im Saal bieten wir nach wie vor ausschließlich Social-Distance-Plätze.

Klingt nach einem Erfolgsrezept. Reiten Sie so gesehen auf einer Welle?

Mich macht stolz, dass wir in den nächsten Jahren nicht schließen werden müssen. Ich investiere weiter in unser Kino. Als nächstes bekommt die Theke eine aufwendige Überdachung. Die Leute kommen zum Teil von weit her, um hier in Wolfhagen Filme zu sehen. An den vielen positiven Bewertungen im Internet merke ich: Meine Herangehensweise geht auf. Das Wolfhager Kino ist mir eine Herzensangelegenheit: Von morgens bis abends, sieben Tage die Woche.

Und die Streaming-Anbieter? Bereiten Ihnen Netflix und Co. nicht Sorgen?

Die Streamingdienste haben uns das Geschäft nicht kaputtgemacht. Man muss jedoch differenzieren: Die ganze Mittelware, die früher im Kino lief, die funktioniert heute nicht mehr. Alles, was Charakter hat, läuft dagegen weiter prächtig. Somit sind wir auf gute Filme angewiesen. Was das Kino heute noch leistet, zeigt wohl kein Film besser als der neue Avatar. 3D, Laserprojektion, atmosphärischer Sound: Dieses Erlebnis ist zu Hause selbst mit einem 95-Zoll-Fernseher nicht gleichwertig. Das kann nur das Kino

Also alles bestens oder hatte die vergangene Zeit auch ihre Schattenseiten?

Manche Vorführungskonzepte kann ich derzeit leider nicht anbieten. Zum Beispiel das kulinarische Kino. Über 14 Jahre hat das zweimal jährlich stattgefunden. Zunächst gab es im Chattenturm bei musikalischer Untermalung ein Drei-Gänge-Menü. Anschließend haben wir bei Kerzenschein im Kino einen Sektempfang gemacht und einen Film gezeigt. Durch den Social-Distance-Abstand können wir derzeit jedoch nicht so viele Menschen in unseren Saal lassen, sodass sich das rentiert. Auch Frühstück im Kino läuft daher schon seit drei Jahren nicht mehr.

Zur Person

Kai Mellinghoff (56) ist in Wolfhagen geboren und aufgewachsen. Er hilft schon von Kindesbeinen an im Kino mit. Gegründet hat das Wolfhager Kino im Jahr 1948 sein Großvater Eugen Schiffmann. Im Jahre 1981 übernahm dann Vater Friedhelm. Seit dem Jahr 2000 führt Kai Mellinghoff selbst die Geschäfte. Seine Ehefrau Ellen, die das Haarstudio Filmschnitt betreibt, unterstützt ihn bei Events. (Paul Bröker)

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