Drogenkonsum im Altkreis Wolfhagen für Polizei und Jugendpflege schwer greifbar

Den Jugendlichen fehlen Angebote

Steigt der Cannabiskonsum im Altkreis Wolfhagen an? Die Kriminalstatistik weist zwar steigende Zahlen aus. Allerdings mahnt die Polizei bei der Interpretation der Daten zur Vorsicht. So könnten für eine Person, der Drogenhandel nachgewiesen wurde, mehrere Verfahren anhägig sein. Unberücksichtigt in der Statistik sind auch Fälle, in denen der Drogenhandel übers Internet erfolgt
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Steigt der Cannabiskonsum im Altkreis Wolfhagen an? Die Kriminalstatistik weist zwar steigende Zahlen aus. Allerdings mahnt die Polizei bei der Interpretation der Daten zur Vorsicht. So könnten für eine Person, der Drogenhandel nachgewiesen wurde, mehrere Verfahren anhägig sein. Unberücksichtigt in der Statistik sind auch Fälle, in denen der Drogenhandel übers Internet erfolgt

Hat der Altkreis Wolfhagen ein Drogenproblem? Nach den Messerattacken in Viesebeck und Wolfhagen im August, die einem 25-Jährigen zur Last gelegt werden, tauchte die Frage auf. Es heißt, der mutmaßliche Täter habe Drogen konsumiert. Die Staatsanwaltschaft hat ein Gutachten zur Frage der Schuldfähigkeit beauftragt und lässt darin auch den Hang des Mannes zu Rauschmitteln prüfen.

Wolfhager Land - Aus der polizeilichen Kriminalstatistik lässt sich keine einfache Antwort ableiten. Aus der Datensammlung geht zwar hervor, dass die Zahl aller erfasster Rauschgiftdelikte im Altkreis von 2016 (62 Fälle) bis 2019 (152) deutlich gestiegen ist. Allerdings spielt die Statistik für 2020 nur 100 Delikte aus und damit weniger als in den beiden Vorjahren – 2018 waren es 113 Fälle. Zu den niedrigen Zahlen für 2020 sei anzuführen, dass diese in vielen Deliktsbereichen rückläufig seien, sagt Ulrike Schaake, Sprecherin des Polizeipräsidiums Nordhessen. Zurückzuführen sei das auf Lockdown und Kontaktbeschränkungen während der Pandemie.

Für das laufende Jahr liegt noch keine Statistik vor. Erfasst in dem Zahlenwerk sind Besitz, Erwerb oder Handel mit Betäubungsmitteln. Nach Angaben des Kommissariats 34 der Kasseler Kripo, das Delikte wie Handel mit Betäubungsmitteln in Stadt und Kreis Kassel bearbeitet, gebe es im Altkreis Wolfhagen im Bereich der Drogenkriminalität keinen erkennbaren Schwerpunkt, sagt Schaake.

Wolfhagens Jugendpfleger Frank Mahlich, der auch dem Präventionsrat angehört, in den mehrere Altkreiskommunen eingebunden sind, hat dennoch den Eindruck, dass der Cannabiskonsum zugenommen hat. „Vor allem sind die Konsumenten jünger geworden, die Jugendlichen sind mitunter 13, 14 Jahre alt“, sagt er. Allerdings habe auch er das Problem, dass die Situation für ihn und seine Kollegen schlecht greifbar sei. Es sei schwer, an die Jugendlichen heranzukommen. Von einer unbekannten Dunkelziffer spricht auch Wolfhagens Polizeisprecher Karsten Turski. Bei Kontrollen würden Joints weggeworfen. Und: Keine Mutter zeige ihr Kind an.

„In Wolfhagen gibt es Leute, die nicht arbeiten und vom Drogenverkauf leben“, sagt ein Bürger der Stadt, der nicht namentlich genannt werden möchte. Er ist davon überzeugt, dass der Drogenkonsum in der Wolfhagen zugenommen hat. Das berichten ihm unter anderem seine Kinder und weitere Jugendliche. Man könne es sehen, wenn man mit offenen Augen durch die Stadt gehe, sagt der Mann, der auch in der Kommunalpolitik aktiv ist. Die jungen Leute träfen sich im Umfeld der bft-Tankstelle, am Bahnhof, Am Rosengarten, am Kreisel und jeder wisse, wo man die Drogen bekommen könne. Ein weiterer Treffpunkt seien die Bruchwiesen. Man müsse nicht lange suchen, um die Reste von Joints auf dem Boden zu finden. Bekannte hätten ihm erzählt, dass sie sich nicht mehr in den Park begeben würden.

Die Jugendlichen würden sich in Wolfhagen mit Drogen versorgen. „Ich glaube nicht, dass 14-Jährige mit dem Zug nach Kassel fahren, um dort Drogen zu kaufen“, sagt der Stadtverordnete, der sich einen stärkeren Auftritt und mehr Entschlossenheit bei der Lösung des Problems wünscht.

Auch Wolfhagens Jugendpfleger Frank Mahlich hat den Eindruck, dass die Zahl der Kiffer in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Das sei aber kein Problem, dass einzig in Wolfhagen auftrete – ähnlich sehe es in anderen Städten und Gemeinden des Wolfhager Landes aus. Gleichzeitig sagt er aber auch, dass Schulsozialarbeiter, Polizei, Jugendpfleger und der Präventionsrat, dessen Mitglieder sich alle zwei Monate treffen, dran seien. Aber zur Wahrheit gehöre eben auch, dass es schwierig sei, an die Jugendlichen heranzukommen. Selbst wenn die jungen Leute Vertrauen fassten, heiße das noch lange nicht, dass sie plötzlich auf den Konsum von Haschisch, und um diese Droge gehe es hauptsächlich, verzichten würden.

Angebote für Jugendliche im Alter von 15, 16 Jahren zu finden, sei nicht einfach. Da gebe es sicherlich einige, die im Sportverein gut aufgehoben seien, und in kleineren Orten könnten Jugendclubs eine gute Adresse sein. Vor einigen Jahren habe es in Wolfhagen eine Parkour-Gruppe gegeben, die sei unter den jungen Leuten sehr beliebt gewesen. Doch irgendwann, mit dem Fortgang von Schlüsselfiguren, war die Gruppe tot.

Ein Großteil flüchte sich in Cliquen, dort hörten die jungen Leute mitunter Rap – ein Musikstil, in dem Drogen, dicke Autos und schicke Frauen das Weltbild bestimmten. „Ja, und die Jugendlichen glauben an das Klischee. Für sie ist es die Realität“, sagt Mahlich, der es gut fände, wenn es in Wolfhagen einen Streetworker gebe. Der könnte die Orte aufsuchen, an denen sich die jungen Leute oftmals an den Wochenenden und abends treffen. In Baunatal habe man mit einem Streetworker gute Erfahrungen gemacht. Er und seine Kolleginnen würden sich hin und wieder mal zum Skaterpark und in die Bruchwiesen begeben, um den Jugendlichen Gesprächsangebote zu unterbreiten.

Die Polizei machten regelmäßig Kontrollen, sagt Karsten Turski von der Dienststelle in Wolfhagen. Auch er habe das Gefühl, dass etwas mehr Drogen konsumiert würden. „Nur ist das auch wirklich so?“, fragt er und verweist auf die Statistik, aus der sich eine Zunahme nicht ableiten lasse. „Im Hellfeld ist die Zahl der Drogendelikte in etwa konstant“, sagt er. Was sich im Dunkelfeld abspiele, entziehe sich seiner Kenntnis. Um aber Kinder und Jugendliche vom Drogenkonsum fernzuhalten, müsse schon früh mit Aufklärung und Intervention begonnen werden. Dazu brauche es Angebote. Vereine spielten eine wichtige Rolle, Jugendzentren und die Schulen.

(Von Antje Thon)

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