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Der Fall Lukas B. – Zierenbergerin findet ihren toten Freund

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Von: Eva Krämer

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Am Zierenberger Bahnhof wurde Lukas B. Ende Januar das letzte Mal gesehen.
Am Zierenberger Bahnhof wurde Lukas B. Ende Januar das letzte Mal gesehen. © Eva Krämer

Sieben Wochen lang war Lukas B. aus Zierenberg verschwunden. Dann die Nachricht: er ist tot. Seine Freundin Lea S. hatte ihn Tage lang gesucht. Von der Polizei habe sie sich im Stich gelassen gefühlt.

Zierenberg – „Ich kreise immer um dein kleines Köpfchen und du wirst immer in meinem kleinen Herzchen bleiben.“ Das war die letzte Nachricht von Lukas B. an seine Freundin Lea S.

Ende Januar war der 26-Jährige aus der gemeinsamen Wohnung in Zierenberg verschwunden. Vergangenen Samstag dann die traurige Gewissheit: Lukas B. ist tot. Gefunden wurde er im Bereich „An der Ziegelei“ in Zierenberg – von seiner Freundin Lea. Sieben Wochen lang hatten Lukas Angehörige nach ihm gesucht.

Kurz nach seinem Verschwinden meldete Lea ihn als vermisst. Doch von der Polizei fühlte Lea sich wenig unterstützt, wie sie nur wenige Tage, nachdem sie Lukas gefunden hatte, gegenüber der HNA berichtet.

Vorwürfe an die Polizei

„Die Polizei hat uns im Stich gelassen. Die ganze Zeit habe ich hier in Zierenberg keinen Streifenwagen gesehen“, sagt sie. Mehrmals riefen sie und Lukas Eltern bei der Polizei an. „Lukas litt unter Borderline.

Er war krank und hätte dringend ärztliche Hilfe benötigt“, so die 24-Jährige. Bei der Polizei habe Lea sich nicht ernstgenommen gefühlt. „Als ich der Polizei erzählt habe, dass Lukas vermutlich eine Psychose hat und dringend Hilfe braucht, haben die Polizisten das heruntergespielt.“

Die Abschiedsnachricht, die Lukas an Lea kurz vor seinem Verschwinden schickte, habe man kaum beachtet. „Ich verstehe nicht, warum die Polizei nicht mit Hunden nach ihm gesucht hat“, sagt Lea.

Borderline-Persönlichkeitsstörung

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (Borderline, englisch für Grenzlinie) ist eine psychische Erkrankung. Impulsivität, instabile, aber intensive zwischenmenschliche Beziehungen, rasche Stimmungswechsel und ein schwankendes Selbstbild sind typisch für das Krankheitsbild.

Die Betroffenen erleben starke Stimmungs- und Gefühlsschwankungen, die zu einer extremen innerlichen Anspannung führen. In diesen Phasen kann es zum Missbrauch von Drogen, selbstverletzendem Verhalten bis hin zum Suizid kommen. Mehr als 60 Prozent der Betroffenen hat mindesten einen Suizidversuch hinter sich.

Begleiterkrankungen sind unter anderem Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen, soziale Phobien oder Zwangs- und Panikstörungen.

Der Sozialpsychiatrische Dienst des Landkreises Kassel bietet Hilfe und Beratung bei psychischen Beeinträchtigungen, sozialen Nöten und krankheitsbedingten Problemen an. Telefon: 0561 /115 Montag bis Freitag von 7 bis 18 Uhr und samstags von 9 bis 13 Uhr.

Weitere Infos zu Borderline-Persönlichkeitsstörung, weiten psychischen Erkrankungen und Hilfe gibt bei der Vitos Klinik in Kassel. Kontakt zur Vitos Klinik in Kassel: Tel. 0561/3 10 99 90, per E-Mail an kpp@vitos-kurhessen.de, Website: vitos.de

Alle Zeugenaussagen, von Leuten, die Lukas angeblich gesehen hätten, seien falsch gewesen. „Er soll in Dörnberg gewesen sein. Das hat für uns aber gar keinen Sinn gemacht“, sagt Lea. Ein paar Tage nach seinem Verschwinden wurde der Rucksack von Lukas B. in einem Garten nahe des Zierenberger Bahnhofs gefunden.

„Die Sachen waren im ganzen Garten verteilt. Sein Portemonnaie lag in der Regentonne“, sagt Lea. Auch nach dem Fund glaubt Lea, habe die Polizei nicht nach Lukas gesucht.

„Ich wollte ihn einfach finden“

Tagelang machten sich die 24-Jährige und auch Lukas Eltern, die aus Sachsen-Anhalt nach Nordhessen fuhren, auf die Suche. „Unser Vermieter hat uns unterstützt und die Nachbarschaft mobilisiert. Ich habe tausend Vermisstenmeldungen drucken lassen und diese in Briefkästen verteilt“, erzählt Lea.

Doch er blieb verschwunden. Am Samstag hatte Lea sich erneut auf die Suche nach Lukas gemacht. „Ich wollte ihn einfach finden“, sagt sie. „Meine Tochter gab mir einen Glücksstein mit. Den habe ich während der Suche dann in die Hand genommen und einfach nur gehofft, dass ich ihn finden werde.“

Ein Prozent Hoffung war noch übrig

Lea suchte das gesamte Gebiet um den Zierenberger Bahnhof ab. „Ich war stundenlang unterwegs. Erst später habe ich gemerkt, dass meine Hände und Beine von den Büschen total zerkratzt waren“, erzählt sie. In einem unwegsamen Gelände im Bereich „An der Ziegelei“ fand sie Lukas dann.

„Ich habe sofort gewusst, dass er es ist“, sagt sie. „Er trug ein schwarzes T-Shirt mit einem weißen Aufdruck. Solche T-Shirts hat er immer getragen.“ Sie rief die Polizei an und führte die Beamten an die Stelle, wo sie ihn gefunden hatte.

„Schon bevor ich Lukas fand, wusste ich eigentlich schon, was passiert ist“, sagt die 24-Jährige. „Dennoch hatte ich ein Prozent Hoffnung, dass wir ihn lebend finden werden.“

„Er war ein sehr liebevoller, ehrlicher und sensibler Mensch.“

Lea S. über ihren Freund Lukas B.

Lea und Lukas lernten sich über Social Media kennen

Lea und Lukas lernten sich über Social Media kennen. „Erst haben wir gegenseitig unsere ganzen Bilder geliket“, erzählt sie. „Dann haben wir geschrieben – Tag und Nacht.“ Bei der Erinnerung an Lukas beginnt die junge Frau zu lächeln.

Nach ein paar Wochen trafen sich die beiden zum ersten Mal und verliebten sich. Vor eineinhalb Jahren zog Lukas von Sachsen-Anhalt zu Lea nach Wolfhagen. Im Dezember sind die beiden dann nach Zierenberg umgezogen.

Dort arbeitet Lea in einem Seniorenheim. „Meine sechsjährige Tochter hat zu ihrem leiblichen Vater nur wenig Kontakt. Lukas war für sie wie ein Papa.“

„Ich glaube, dass er sich diesen Ort bewusst ausgesucht hat“

Lea geht nun jeden Tag an die Stelle, wo sie Lukas gefunden hat. „Natürlich ist es schrecklich, was dort passiert ist. Aber trotzdem hat der Ort auch etwas Schönes. Dort ist es total ruhig und windstill. Irgendwie warm und ganz friedlich“, erzählt sie. „Ich glaube, dass er sich diesen Ort bewusst ausgesucht hat.“

In wenigen Tagen wäre Lukas 27 Jahre alt geworden. „An seinem Geburtstag werde ich an die Stelle gehen und dort ein Bier mit ihm zusammen trinken“, sagt Lea. „Ich weiß, dass er das gut gefunden hätte.“

Kontakte zur Telefonseelsorge

Der Verein Telefonseelsorge bietet bei Krisen und Problemen jeder Lebensphase rund um die Uhr eine kostenlose und anonyme Beratung an. Zudem gibt es auch Hilfe in einem Online-Chat. Kontakt: Tel. 08 00/1 11 01 11, 08 00/1 11 02 22 oder 08 00/11 61 23 und unter online.telefonseelsorge.de

Auf der Internetseite der Kassenärztlichen Vereinigung Hessens finden Hilfesuchende Psychotherapeuten, Psychiater und Ärzte in ganz Hessen. Kontakt: arztsuchehessen.de oder telefonisch unter 06 92 47 41/77 77.

Fahndung wurde sofort eingeleitet

Polizeisprecherin Ulrike Schaake über den Fall Lukas B.

„Eine besorgte Angehörige hat am 24. Januar, gegen 17 Uhr, bei der Polizeistation Wolfhagen eine Vermisstenanzeige erstatten“, teilte Ulrike Schaake, Sprecherin des Polizeipräsidiums auf HNA-Anfrage mit. Lukas B. habe am 22. Januar sein gewohntes Lebensumfeld verlassen. „Die Angehörige teilte mit, dass sie eine Nachricht erhielt, die auf eine mögliche Suizidabsicht hindeuten könnte“, so Schaake.

Daraufhin habe die Polizei neben der Aufnahme der Vermisstenanzeige und Einleitung einer Fahndung sofort Suchmaßnahmen ergriffen. Die Wohnung des Vermissten sowie die Umgebung seien noch am gleichen Abend abgesucht worden. „

Polizei suchte an verschiedenen Tagen in Zierenberg, Wolfhagen und Habichtswald

Die Ortung der Handys führte leider zu keinem Ergebnis“, sagt Schaake. Da in diesem Fall eine akute Gefahr für den Vermissten angenommen wurde, habe die Polizei eine Öffentlichkeitsfahndung mit einem Foto des Vermissten eingeleitet.

„Nach Hinweisen hat die Polizei mit Unterstützungskräften an verschiedenen Tagen in Zierenberg, Wolfhagen und Habichtswald nach Lukas B. gesucht“, so die Sprecherin weiter. Einen konkreten Aufenthaltsort hätten die Ermittlungen nicht ergeben. Auch der Rucksack von Lukas B., der nach dem Verschwinden gefunden wurde, habe keine Hinweise ergeben.

Bei einer orientierungslosen Person würde eine große Suchaktion Sinn machen

„Wird eine Person als vermisst gemeldet und liegen keine konkreten Hinweise auf den aktuellen Aufenthaltsort vor, sind groß angelegte Suchaktionen mit Hubschraubern oder Rettungshunden in einem Gebiet, das nicht näher eingegrenzt werden kann, nicht erfolgversprechend“, so Schaake.

Würde aber beispielsweise eine orientierungslose Person aus einem Krankenhaus vermisst werden, die kurz nach dem Verschwinden in einem bestimmten Bereich gesehen wurde, mache eine große Suchaktion Sinn.

„Wir können nachvollziehen, dass die Ungewissheit für alle Angehörigen eine emotionale Belastung dargestellt hat und möchten unser Beileid zum Ausdruck bringen“, sagte Schaake. (Eva Krämer)

Die Verzweifelte Suche nach Lukas B. aus Zierenberg

Ulrich und Marlies B. erleben gerade den größten Albtraum ihres Lebens: Sie sind die Eltern von Lukas B., der seit 14 Tagen vermisst wird. Sie baten die die Bevölkerung um Hilfe.

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