Sängerin Lotte im Interview

Lotte live in Wolfhagen: Darum will die Pop-Aufsteigerin jetzt Kanten zeigen

Sängerin Lotta alias Charlotte Rezbach
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Ihr Liedermacher-Pop macht gute Laune: Sängerin Lotte

Bald wird der Liedermacher-Pop von Sängerin Lotte im Vox-Format „Sing meinen Song“ zu hören sein. Hier erklärt sie, warum deutscher Pop oft so versöhnlich klingt.

Wolfhagen – 2022 könnte das bislang erfolgreichste Jahr von Lotte werden. Im Frühjahr ist die Musikerin einer der Stars in der neuen Staffel des Vox-Formats „Sing meinen Song“. Danach wird das dritte Album der 26-Jährigen erscheinen, deren Liedermacher-Pop einfach gute Laune macht. Wir telefonierten mit Lotte vor ihrem Auftritt am Samstag in der Kulturhalle Wolfhagen.

Ich musste eben die Aufnahme für unser Gespräch starten. Lief währenddessen in der Telefon-Warteschleife ein Lied von Ihnen?
Gott sei Dank nicht. Ich höre meine Musik nicht so gern.
Warum nicht?
Ich finde, das wäre ein bisschen so, als würde man Bilder von sich an die Wand hängen, obwohl das auch einige machen (lacht). Ich singe meine Lieder total gern, aber wenn sie im Radio laufen, drücke ich sie weg.
Im Radio werden Ihre Songs hoch und runter gespielt. Sie haben fast 1,5 Millionen monatliche Hörer bei Spotify und mehr als 80.000 Abonnenten bei Instagram. Und im Frühjahr sind Sie einer der Stars in der neuen Staffel von „Sing meinen Song“. Können Sie Ihren Erfolg selbst so richtig fassen?
Nee, nicht so richtig. Früher dachte ich, wenn ich berühmt bin, ändert sich alles. Aber das ist nicht so. Ich bin immer noch die gleiche. Ich muss immer noch den Müll rausbringen. Ich muss immer noch duschen. Ich habe immer noch Migräne, wenn ich zu viel arbeite. Die Probleme sind immer noch dieselben. Das Leben als erfolgreicher Mensch ist nicht so rosa, wie man sich das früher vorgestellt hat.
Sie haben als Jugendliche davon geträumt, eine berühmte Musikerin zu werden?
Nein. Eigentlich war der Plan, wie meine Mama Ärztin zu werden. Ich habe mich schon immer für Gesundheit interessiert. Musik war meine beste Freundin. Ich habe Songs geschrieben, um Gefühle zu verarbeiten. Als ich die Songs später Leuten vorgespielt habe, sagten sie: „Das berührt mich voll. Willst du nicht auftreten?“ Dann ist das irgendwie so passiert.
Sie haben statt Medizin kurz Philosophie studiert, ehe Sie alles auf die Musik gesetzt haben. Wie entsetzt waren Ihre Eltern?
Ich komme aus einer akademischen Familie, wo alle in ihren Berufen einen relativ normalen Alltag haben, den ich eher nicht kenne. Mein Abi-Schnitt war 1,0. Ich war schon ein kleiner Streber. Als ich das mit der Musik gesagt habe, war die Überraschung groß. Aber meine Eltern haben mich von Anfang an krass unterstützt.
Gesundheit ist Ihnen immer noch wichtig. Wie achten Sie darauf im Musikgeschäft?
Das ist harte Arbeit. Ich versuche, mich gesund zu ernähren und ein bis zwei Tage in der Woche, frei zu machen, was nicht einfach ist: Konzerte sind meist am Wochenende. Unter der Woche ist doch oft Arbeit. Und die geht nicht selten bis 23 Uhr. Meditieren hilft mir. Und Therapie. Ich spreche regelmäßig mit Freunden oder einer Expertin über die Psyche. Das ist wie bei Sportlern, die eine Art Coach haben, um den Stress zu bewältigen.
Meine Tochter ist 15 und ein großer Fan von Ihnen. Sie heißt auch Charlotte und hat mir bei der Vorbereitung des Interviews geholfen. Sie hat mich darauf hingewiesen, dass Sie Anfang des Jahres eine lange Social-Media-Pause gemacht haben. Warum?
Ich kann freier kreativ sein, wenn ich nicht gleich alles, was ich tue, dokumentiere, Kommentare dazu bekomme und bewertet werde, obwohl es noch gar nicht fertig ist. Darum hat es mir total gutgetan, mal das Handy wegzulegen, das einen enormen Suchtcharakter hat. Zum Beispiel habe ich Instagram gelöscht. Stattdessen war auf dem Display des Handys das Icon einer anderen App, die ich nie benutze. Und trotzdem bin ich am Anfang zehnmal am Tag auf diese App gegangen, weil sie dort war, wo vorher Instagram war. Das war total krass und hat mir gezeigt, wie abhängig man werden kann. Es war total gut, stattdessen rauszugehen, spazieren zu gehen, Musik zu machen und das echte Leben zu spüren.
Gerade arbeiten Sie an Ihrem dritten Album. Spüren Sie zum ersten Mal richtig Druck, weil man von Ihnen nun Nummer-eins-Hits erwartet?
Nein, aber ich weiß jetzt, wie das Business läuft. Ich weiß, dass ich idealerweise ein, zwei Songs fürs Radio brauche, Titel, die fürs Streaming gut sind, und etwas Überraschendes, das anders ist. Trotzdem versuche ich, mich davon frei und nur Musik wegen der Musik zu machen. So entstehen die ehrlichen Schätze. Ich glaube, dass meine Fans emotional schlau sind. Die checken, wenn irgendetwas gewollt ist.
Warum ist „Sing mein Song“ das erfolgreichste Musikformat im deutschen Fernsehen?
Viele der Teilnehmer wie Johannes Oerding und Clueso kenne ich schon ewig. Darum glaube ich, dass es ein bisschen wie auf einer Klassenfahrt wird. Und genau das ist das, was das Format ausmacht und von anderen Shows unterscheidet. Man fährt gemeinsam an einen Ort und macht Musik. Wir sind jetzt schon dabei, die verschiedenen Versionen einzuüben. Das ist so liebevoll. Egal ob es in Südafrika oder wegen Corona in Deutschland stattfinden wird - wir werden alle eine wahnsinnig gute Zeit haben.
Nicht nur der Satiriker Jan Böhmermann macht sich gern über den deutschen Wohlfühl-Pop lustig. Auch Kritiker monieren, dass es vielen Songs an Ecken und Kanten sowie ernsten Themen fehle. Inwiefern können Sie die Kritik nachvollziehen?
Die Kritik, die auch mich betrifft, finde ich auf eine Art berechtigt. Aber es braucht eben auch Songs, die einem nicht nur die Probleme vorhalten, sondern die superschöne Welt zeigen. Privat höre ich ebenfalls gern Lieder, in die ich mich nur reinfallen lassen kann, ohne über etwas Negatives nachzudenken. Es ist toll, dass Musik einem für einen kleinen Moment Sorgenfreiheit schenken kann. Trotzdem sollte man als Künstler Farbe bekennen und zu gesellschaftlichen Themen Stellung beziehen. Darum will ich auf meinem dritten Album auch Kanten zeigen.
Aber es wird jetzt kein Polit-Album, oder?
Nein, aber es stimmt, dass deutscher Pop oft sehr versöhnlich klingt. Es heißt dann etwa: „Ich fand dich doof, aber ich kann verstehen, warum du das gemacht hast.“ Es heißt fast nie: „Ich hasse dich einfach.“ Solche Emotionen unreflektiert und falsch wiederzugeben, finde ich auch wichtig. Darauf habe ich Bock.
Sie sind in der Kleinstadt Ravensburg am Bodensee aufgewachsen und über Mannheim und Hamburg in Berlin gelandet. Warum ziehen fast alle Musiker irgendwann in die Hauptstadt?
Ich bin damals wegen einer Beziehung hergekommen und hatte keinen Bock mehr, zu pendeln. Hier gibt es viel Studios. Und Berlin ist natürlich auch eine bunte Stadt, die einem viel Input liefert. Als kreativer Künstler kann man hier sehr gut arbeiten und findet schnell ein Umfeld, in dem man sich wohlfühlt. Dann bleibst du lieber gleich da statt zu pendeln und die Zeit im Zug oder Auto zu verbringen.
Ihren jüngsten Song „Mauern“ haben Sie mit dem Bestsellerautor Sebastian Fitzek geschrieben. Wie kam es dazu?
„Mauern“ ist erst einmal mein Song. Ich erzähle davon, was passiert, wenn man sich wie in der Pandemie zurückzieht und zu viel allein ist. Irgendwann kam die Anfrage von Sebastian Fitzek, der ein Buch mit Musik machen wollte. Zu „Playlist“ gibt es eine Playlist mit vielen Künstlern. Er schrieb, dass er meine Musik total feiere. Davon war ich mega geflasht, denn ich lese seine Thriller, seitdem ich 15 bin.
Die Abschlussfrage ist von meiner Tochter. Sie möchte wissen: „Bist du glücklich mit deinem Leben?“
Das ist eine schwierige Frage. Ich würde sagen: größtenteils ja, aber nicht nur. Ich bin auf einem guten Weg. Wahrscheinlich arbeite ich ein bisschen zu viel. Wahrscheinlich bin ich zu oft allein. Aber ich will mir wieder mehr Zeit für die Menschen nehmen, die mir wichtig sind.

Lotte: Samstag, 20 Uhr, Kulturhalle Wolfhagen. kulturkarten.de

Von Matthias Lohr

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