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Wolfhager Ehepaar sorgt sich um Verwandtschaft in der Ukraine

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Von: Norbert Müller

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Mit den Farben der Ukraine: Oleksandra Levytska und ihr Mann Arthur Grezki – beide mit ukrainischen Wurzeln – vor ihrer Wolfhager Wohnung.
Mit den Farben der Ukraine: Oleksandra Levytska und ihr Mann Arthur Grezki – beide mit ukrainischen Wurzeln – vor ihrer Wolfhager Wohnung. © Norbert Müller

Nach dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine ist die Sorge bei den in Deutschland lebenden Ukrainern um Familienangehörige und Freunde groß. So, wie bei Oleksandra Levytska und ihrem Ehemann Arthur Grezki, die in Wolfhagen leben.

Wolfhagen – Der Fernseher läuft an diesem Donnerstag, an dem russische Truppen die Ukraine überfallen haben, ohne Unterbrechung. Oleksandra Levytska sitzt nach Feierabend mit ihrem Mann Arthur Grezki auf dem Sofa ihrer Wolfhager Wohnung, auf dem Bildschirm werden die neuesten Bilder aus dem Kriegsgebiet übertragen. Die Aufnahmen, sagt Grezki, der als Sechsjähriger mit seiner deutschstämmigen Familie von der Ukraine nach Deutschland übersiedelte und seither in der ehemaligen Kreisstadt lebt, „wühlen auf“.

Gleiches gilt auch für das, was seine Frau Oleksandra an Neuigkeiten direkt aus der alten Heimat erfährt. Sie telefoniert heute bereits zum wiederholten Mal mit ihrer Mutter. Die lebt, wie auch der Vater und die sieben Geschwister, in Mukatschewo, einer Stadt im Westen der Ukraine nahe der ungarischen Grenze, wo bis vor gut drei Jahren auch die heute 29-Jährige zuhause war.

30 bis 40 Kilometer entfernt wird gebombt

Die Kampfhandlungen beschränken sich nicht auf den Osten des Landes, auf die sogenannten „Volksrepubliken“ der Separatisten, Donezk und Luhansk. Auch ins Grenzgebiet zu den EU-Staaten Polen und Ungarn haben die russischen Truppen den Krieg getragen. „Die Kampfhandlungen sind von Mukatschewo gerade mal 30 bis 40 Kilometer weg“, gibt Arthur Grezki die Informationen der Verwandtschaft weiter. „Das ist etwa so, als würde hier bei uns in Göttingen gebombt.“

Und dementsprechend sei die Situation dann auch in der Region. Von ihrer Mutter erfährt Oleksandra Levytska, dass Schulen und Kindergärten geschlossen sind, auch viele Geschäfte. Lebensmittelmärkte seien noch geöffnet, das Gedränge beschreibt sie als riesig. Dort werde angesichts der unsicheren Lage versucht zu hamstern. Züge und Busse fahren nicht mehr, vor den Geldautomaten, so die weiteren Infos aus der alten Heimat, drängen sich die Menschen, um an ihr Geld zu kommen. Und an den Tankstellen bilden sich lange Schlangen. „Meine Mutter sagte, an der Grenze stehen schon viele Autos, Leute, die wegwollen“, sagt Oleksandra Levytska. Aber für ihre Familie sei das keine Option. Die Rente der Eltern sei knapp, ein Auto besitzen sie nicht.

Auch in Mukatschewo, der Stadt, die über Jahrhunderte zu Ungarn und zum Kaiserreich Österreich gehörte, bereiten sich die Leute auf noch Schlimmeres vor. Koffer werden gepackt mit dem Nötigsten, mit wichtigen Dokumenten und Kleidung, wenn man sich kurzfristig wegen näherrückenden Kampfhandlungen in Sicherheit bringen müsste.

„Die Angst ist groß“

„Die Angst ist groß“, beschreibt Oleksandra Levytska die Gefühlslage in der Familie. Die Angst davor, dass die Sirenen anfangen zu heulen, vor einem Luftangriff warnen, man die Koffer packen und raus muss aus der Wohnung. „Aber wo sollen sie denn dann hin?“

Eigentlich sei es schon vor acht Jahren, im Zuge der Annexion der Krim absehbar gewesen, wohin die Reise mit dem Nachbarn Putin gehen würde, sagt Arthur Grezki. Er sieht für die folgende Entwicklung eine Mitschuld bei den westlichen Nachbarn, vor allem auch bei Deutschland. „Die Ukraine ist ein vergessenes Land“, klagt Grezki, „man weiß hier in Deutschland doch nichts über das flächenmäßig zweitgrößte Land Europas. Es hat sich eigentlich nie jemand dafür interessiert“. Bis auf Wladimir Putin.

Wohin die Reise politisch gehen könnte, darüber habe man oft mit der Familie gesprochen. Beispielsweise, wenn das Gas noch knapper und teurer wurde und es sich die Leute kaum noch leisten konnten. Viele hätten im Winter zuhause in dicken Mänteln und mit Mütze in den Wohnungen gesessen, weil sie sich den Brennstoff nicht mehr leisten konnten“, erklärt die 29-Jährige. „Putin hat die Preise erhöht, wie er Lust und Laune hatte“, ergänzt ihr Ehemann. Die Lage sei immer schlechter geworden, die Anspannung gestiegen. „Und heute Nacht ist es passiert“, bringt es Grezki auf den Punkt. „Einer hat einen Stein losgetreten, und der rollt jetzt.“

„Der pfeift auf alles“

Für Arthur Grezki besteht kein Zweifel: „Es wird mit der Ukraine nicht aufhören. Es wird über Sanktionen gesprochen, aber Putin wird sich von Sanktionen nicht beeindrucken lassen. Der pfeift auf alles. Der weiß doch, wie es hier läuft.“

Der 31-Jährige, der seine Frau bei einem Urlaub in Mukatschewo kennenlernte, wo auch seine Familie ihre Wurzeln hat, blickt entsprechend sorgenvoll in die Zukunft. Der Wolfhager mit den starken Gefühlen für die Ukraine mag sich angesichts der Situation, in der sich die Verwandtschaft befindet, nicht so recht darüber freuen, dass er mit seiner Frau auf dem besten Wege ist, sich in Deutschland ein Leben in sicheren Verhältnissen aufzubauen. „Wie kann es uns gut gehen, wenn es unseren Leuten dort in der Ukraine nicht gut geht?“ Norbert Müller

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