Interview mit Psychotherapeut Jochen Krämer

Die Folgen des Corona-Lockdowns auf Kinder und Jugendliche: Leistungsabfall und Versagensängste

Jochen Krämer, Diplom-Pädagoge und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut.
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Jochen Krämer, Diplom-Pädagoge und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut.

Der organisierte Freizeit- und Vereinssport verharrt wegen der Corona-Pandemie seit Oktober bewegungslos im Lockdown.

Wolfhagen ‒ Wir sprachen mit dem Wolfhager Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Jochen Krämer über mögliche Folgen des Bewegungsmangels für Kinder und Jugendliche.

Kann sich Bewegungsmangel auf die körperliche und psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen auswirken?
Die Auswirkungen von Bewegungsmangel sind hinreichend untersucht. Sie betreffen den ganzen Menschen körperlich und seelisch durch den Mangel an Bewegung selbst, aber auch durch die Einschränkung der sozialen Entwicklung.
Ist die Einschränkung von Bewegungsangeboten auf Dauer medizinisch kritisch?
Ja, sehr kritisch, vor allem, da sie auf eine zunehmend passiver werdende Kultur trifft und diesen Trend verstärkt. Für Untergruppen ist vorstellbar, dass sie durch die jetzt einjährigen Maßnahmen in ihrer Bewegungsentwicklung auf Lockdown-Niveau fixiert werden und alles was mit Bewegung zu tun hat, als aversiv (Widerwillen hervorrufend, Anm. d. Red.) erleben. Es ist vor allem umso ärgerlicher, dass vielfältige Sportangebote unter Anleitung auch unter Corona-Sicherheitsbedingungen an der frischen Luft möglich gewesen wären.
Welche Altersstufen leiden am meisten unter der Absage von Sportunterricht?
Das betrifft letztlich alle. Vor allem die, die es am nötigsten haben. Wobei diejenigen, die vielfältig Sport betrieben haben oder aus einem sportaffinen Umfeld kommen mit deutlich geringeren Schäden rechnen dürfen.
Für welche Altersgruppe stellt Corona ein besonders einschneidendes Erlebnis dar?
Wir müssen zwischen Corona und den Coronamaßnahmen unterscheiden. Als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut habe ich die gesamte Familie im Blick und muss sagen, dass es vor allem die ältere Generation hart getroffen hat. Erstens wegen den höheren gesundheitlichen Risiken, zum anderen wegen des Kontaktmangels und den zum Teil geringeren Internetnutzungsmöglichkeiten. Singles erleben meist mehr Einsamkeit. Eltern und Familien leiden mehr an Unsicherheit und Existenzängsten, die sich auf die Kinder übertragen. Für Kinder und Jugendliche stellen auch die Übergangsphasen eine hohe Hürde dar. Das geht von der Eingewöhnung in den Kindergarten, Einschulung, weiterführende Schule und Übertritt in den Beruf oder Studium.
Verbringen Kinder und Jugendliche wegen der Corona-Pandemie mehr Zeit vor Bildschirmen?
Zu diesem Thema liegen mittlerweile mehrere Studien vor. Ein großer Berufsverband der Psychotherapeuten (BVVP-Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten) hat Therapeuten und Kinderärzte befragt und die Daten von 10 000 Kindern analysiert. Seit Beginn wurde eine deutliche Zunahme von Leistungsabfall, Versagensängsten und Gewichtszunahme rückgemeldet sowie ein übermäßiger Medienkonsum festgestellt.
Gibt es Unterschiede zwischen gut aufgestellten und sozial benachteiligten Familien?
Ja, freilich. Interessant ist hierzu die COPSY-Studie (Corona und Psyche) der Uniklinik Hamburg-Eppendorf. Dort wurden im Sommer 2020 und im Winter 20/21 mehr als 2600 Kinder, Jugendliche und Eltern befragt und die Werte verglichen. Fast jedes dritte Kind leidet seit dem letzten Jahr an psychischen Auffälligkeiten (Sorgen, Ängste, Rückzug, Kopf- und Bauchschmerzen). Zehnmal mehr Kinder als vor der Pandemie machen keinen Sport mehr, was jedoch nicht heißt, dass sie als psychisch krank einzustufen sind.
Was können Trainer und Eltern ihren Sprösslingen an die Hand geben, um sie wieder an den organisierten Sport heranzuführen?
Im Freizeitbereich werden die Trainer deutlich unfittere Kinder in Empfang nehmen, die sich langsam wieder an ein soziales Miteinander gewöhnen dürfen. Wahrscheinlich kommt auch viel Freude auf die Trainer zu. Diese ist wichtig aufzugreifen, und nicht zu früh mit Leistungsansprüchen zu bremsen.
Gab es in der Vergangenheit andere vergleichbare Begebenheiten?
Größere Pandemien gab es schon mehrere. Persönlich sehe ich Corona und die global koordinierten Maßnahmen eher als Testlauf für weitere noch kommende Pandemien und andere Phänomene an, die sich aufgrund der Zunahme der Weltbevölkerung, der globalen Mobilität, Massentierhaltung etc. ergeben und an die sich unsere Gesellschaften anpassen müssen. Wir werden anders leben müssen, ich weiß aber noch nicht wie. Auf jeden Fall wird es spannend.
Werden der Lockdown und die Corona-Pandemie negative Folgen auf die Psyche und körperliche Entwicklung der Kinder und Jugendlichen haben?
Der Lockdown hat schon jetzt negative Folgen. Die Frage ist, welche davon wieder verschwinden und welche bleiben sowie welche langfristigen Folgen sich noch entwickeln. Bei psychischen Störungen kann es zum Teil mehrere Monate dauern, bis sie sich manifestieren.
Ist bei Ihnen das Patientenaufkommen aufgrund von Corona höher?
Ja. Ich musste erstmalig eine Warteliste selbst für die kurzfristigen Diagnostik- und Beratungstermine einführen. Manche Anfragen fallen aber nicht in die psychotherapeutische Zuständigkeit, sondern kommen zustande, weil viele Kollegen der Jugendhilfe, Klinikambulanzen, Kinderschutz und Schulpsychologie ihre Arbeit eingestellt und sich auf Telefonate und Chats beschränkt haben. In Folge landen dann vermehrt Menschen bei niedergelassenen Psychotherapeuten. (Joachim Hofmeister)

Zur Person:

Jochen Krämer (48) ist verheiratet und hat drei Kinder. Er arbeitet als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut in Wolfhagen. Ein Schwerpunkt seiner Praxis liegt in der Angstbewältigung und dem Selbstverteidigungstraining.

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