Vorfall ereignete sich an Ostern

DNA-Analyse bestätigt: Wolf reißt Lämmer beim Zierenberger Gut Rangen

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Ziel des Wolfsangriffs: Die Schafherde von Schäfer Erhard Feuring weidet am Lauf der Warme bei Rangen. Noch heute ist die Herde misstrauisch, wenn Feuring mit seinen Hunden kommt. Der Schäfer bleibt jetzt auf seinen Kosten sitzen.

Es war ein Wolf, der an Ostern die Lämmer beim Zierenberger Gut Rangen getötet hat. Dies hat jetzt eine DNA-Analyse eindeutig ergeben, wie das Regierungspräsidium Kassel auf Anfrage der HNA mitteilte.

Damit gibt es in diesem Jahr in Nordhessen den zweiten bestätigten Wolfsriss. Bereits Ende März hatte eine Wölfin in Alheim-Licherode Schafe gerissen. Hessenweit wurde noch ein weiterer Wolfsriss Mitte April bei Fulda bestätigt.

Wolfsnachweise, bei denen ein Wolf zweifelsfrei, zum Beispiel durch ein Foto, erkannt wurde, gibt es laut einer Aufstellung des hessischen Umweltministeriums sechs weitere in diesem Jahr. Wie berichtet, hatte der Zierenberger Schäfer Erhard Feuring seine Schafe am Ostersonntag auf der Weide am Laufe der Warme eingefriedet. Am frühen Ostermontag erwartete ihn eine panische Herde und vier tote und zwei verletzte Lämmer, die überall auf der Weide verstreut lagen. 

Finanzielle Unterstützung erhält der Zierenberger Schäfer nicht, weil die Weide zur Warme hin offen war. „Warum hat man uns Schafhalter nicht rechtzeitig gewarnt, das der Wolf im Anmarsch ist“, fragt er. Er bleibe nun auf erheblichem Schaden sitzen. Dies seien nicht nur die getöteten Lämmer und die Tierarztkosten für das Einschläfern der verletzten Tiere. Er rechnet auch mit Folgen in Bezug auf die Fruchtbarkeit der Mutterschafe. 

Außerdem habe er Probleme mit seiner Herde, die ihm und seinen Hunden nicht mehr vertraue. Er selbst habe jeden Morgen Herzklopfen, wenn er zu seiner Herde gehe. Auch übers Aufhören habe er schon nachgedacht. In den vergangenen zehn Jahren konnten laut Klaus-Ulrich Battefeld, Wolfsexperte beim Umweltministerium, ein gutes Dutzend Wölfe in Hessen nachgewiesen werden. Fest niedergelassen hätten sich die Tiere bislang hier nicht.

Schafweide war zur Warme ungesichert

Der Wolf, der in Zierenberg die Schafe gerissen hat, war vermutlich ein durchziehendes Jungtier, meint Forstamtsleiter Uwe Zindel. Er glaubt nicht, dass sich das Tier dauerhaft im Altkreis Wolfhagen aufhält. Zindel sieht den Wolf grundsätzlich als Bereicherung für das Ökosystem, allerdings sei die nordhessische Landschaft kein geeigneter Platz für den Wolf. Die zerschnittenen Lebensräume mit vielen Verkehrswegen und Waldinseln böten nicht genügend Fläche und Raum. Der Forstamtsleiter befürchtet bei einer Zunahme der Wolfspopulation deshalb auch mehr Wildunfälle im Straßenverkehr. 

Das sieht Heike Balk von der Arbeitsgemeinschaft Wolf im Naturschutzbund Hessen anders: „Der Wolf ist ein Kulturfolger. Klar kann er auch in Nordhessen leben.“ Sie hält es für möglich, dass sich in Nordhessen auch ein Rudel etabliert. Der Wolf nutze zum Beispiel gern vom Menschen angelegte Wege, da er dort ohne großen Energieverluste vorankomme. 

Sie könne den Frust der Schäfer komplett nachvollziehen und sieht dringenden Handlungsbedarf vonseiten des Landes. „Schäfer sollten nicht nur Entschädigungen unbürokratisch erhalten, sondern außerdem finanzielle Unterstützung für Zaunmaterial und auch den Arbeitsaufwand“, meint Balk. Sie habe selbst schon Schafzäune aufgebaut und wisse, was das an Arbeit bedeute. 

Der Zierenberger Joachim Wadsack, Jäger und Mitglied im Internationalen Rat zur Erhaltung des Wildes und der Jagd (CIC) sieht die Lösung dagegen in ausgewiesenen Wolfsgebieten. Er könne nicht nachvollziehen, dass es Bezirke für das Rotwild gebe aber nicht für den Wolf. Wadsack ärgert sich auch über fehlende Entschädigungen. 

„In Hessen sind nur Einzelwölfe unterwegs“

Laut der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) lebten Ende 2018 rund 73 Rudel, 30 Paare und drei Einzeltiere in Deutschlands freier Natur. Dauerhaft heimisch ist der Wolf in Brandenburg, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern und Bayern. Laut Naturschutzbund (NABU) gibt es in Hessen bisher nur Einzelwölfe, die umher streifen. Zwei wurden auf Hessens Autobahnen überfahren.

Ein Kommentar von HNA-Redakteurin Bea Ricken: "Sachlich diskutieren"

Der bestätigte Wolfsriss in der Region verhärtet die Fronten zwischen Naturschützern auf der einen und Nutztierhaltern und Jägern auf der anderen Seite. Umso wichtiger ist eine sachliche Diskussion statt der Verbreitung von Schauergeschichten über den Wolf und die Aufzählung von Rissen, die nicht belegt sind. 

Ohne Zweifel, für den Schafhalter aus Zierenberg war der Vorfall an Ostern ein persönlicher Super-Gau. Warum der Mann nicht zumindest den wirtschaftlichen Schaden ersetzt bekommt, ist schwer zu verstehen. 

Damit der ehemals vom Menschen ausgerottete Wolf wieder neuen Lebensraum findet, hat es deshalb Priorität, Weidetierhalter schnell und unbürokratisch zu unterstützen und über effektiven Herdenschutz zu informieren. Da hinkt das Land Hessen hinterher. 

Dass der Wolf in der Region auftauchen würde, gilt immerhin schon lange als sicher. In anderen Ländern ist der Wolf längst Alltag und der Umgang entspannt. Lernen wir von diesen Erfahrungen.

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