Eichen für den Wald von morgen

Fläche im Wolfhager Stadtwald als Saatgutbestand zugelassen

Stadtwald Wolfhagen Revierförster Friedrich Vollbracht an einer 185 Jahre alten Traubeneiche
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Stadtwald Wolfhagen Revierförster Friedrich Vollbracht an einer 185 Jahre alten Traubeneiche

Die Stadt Wolfhagen geht bei der Aufforstung ihres Kommunalwaldes einen neuen Weg. Die Jungpflanzen von Traubeneichen, die in den nächsten Jahren auf den ehemaligen Fichtenstandorten in den Boden kommen sollen, stammen von 185 Jahre alten Bäumen aus dem Stadtwald zwischen Wolfhagen und Bühle.

Wolfhagen – Wolfhagens Parlament gab jetzt grünes Licht für den Abschluss eines mehrjährigen Lohnanzuchtvertrags mit einer Baumschule.

Einige Monate zuvor hatte das Regierungspräsidium (RP) Kassel die Traubeneichen auf der 25 Hektar großen Stadtwaldfläche als anerkannten Saatgutbestand zugelassen. Damit sei es nach dem Forstvermehrungsgutgesetz möglich, den Nachwuchs für den Wald aus dem eigenen, heimischen Bestand zu holen und ihn nicht aus entfernteren Gebieten zukaufen zu müssen, sagt Revierförster Friedrich Vollbracht.

Die seit einigen Jahren starke Nachfrage nach Jungpflanzen habe den Markt leer gefegt. Das RP warnt bereits vor Betrügern, die ungeeignetes und standortunangepasstes Saatgut anbieten. Es empfiehlt den Abschluss von Lohnanzuchtverträgen.

Und genau das hat Wolfhagen nun vor und sucht in einem Umkreis von 200 Kilometern nach einer passenden Baumschule. Ab Januar sollen deren Mitarbeiter die zweijährigen Sämlinge im Stadtwald ausbuddeln, sie in Anzuchttöpfe pflanzen und bei besten Bedingungen aufpäppeln. Ab dem Jahr 2023, so Vollbrachts Plan, können die jungen Traubeneichen gestärkt in den Stadtwald zurückkehren.

In den vergangenen Jahren sind mehr als 80 Prozent der Fichten ausgefallen, sie fehlen auf einer Fläche von 360 Hektar des knapp 1800 Hektar großen Stadtwaldes. Auf 180 Hektar soll durch Pflanzung ein neuer Wald entstehen. Neben Ahorn, Vogelkirsche, Stieleiche, Elsbeere, Douglasie und Großer Küstentanne wird die Traubeneiche die Baumart mit den mit Abstand meisten Exemplaren sein.

Für das Vorhaben, von dem sich Förster Vollbracht für nachfolgende Generationen viel verspricht, wird mit Kosten in Höhe von 1,2 Millionen Euro gerechnet. Bei einer Förderquote von 85 Prozent muss die Stadt einen Eigenanteil in Höhe von 120 000 Euro aufbringen, der sich bis 2025 auf vier Haushaltsjahre verteilt. Die vergleichsweise hohen Kosten kommen zustande, weil das Ausgraben und Aufbereiten der Sämlinge aufwendig ist und Personal bindet.

350 000 junge Bäume werden in den Stadtwald gepflanzt

Not macht erfinderisch. Denn wenn es zuletzt darum ging, für die vielen gerodeten Bereiche in Wolfhagens Stadtwald geeignete Sämlinge zu finden, dann war Krisenstimmung angesagt. Die mitunter schwierigen Bodenverhältnisse stellen hohe Anforderung an die Waldbäume von morgen.

Das macht die Suche nach passendem Pflanzenmaterial auf einem ohnehin angespannten Markt nicht gerade leicht.

Doch Revierförster Friedrich Vollbracht hatte eine Idee.

Warum nicht das nutzen, was die heimische Natur anbietet? Millionenfach drängt unter den bald 200 Jahre alten Traubeneichen bei Bühle der Nachwuchs empor. Kleine, zarte Triebe, die im Schatten ihrer Elternbäume relativ schlechte Chancen haben, den erbitterten Kampf ums Licht zu gewinnen. Die Setzlinge sind das Produkt eines Mastjahres, dass es für Eichen zuletzt 2020 gab. Wann es das nächste gibt, ist abhängig von der Natur, oft aber vergehen zwischen fünf bis sieben Jahre bis die Eichen wieder Früchte ausbilden.

Vollbracht machte das Regierungspräsidium Kassel, das zuständig ist für die Zulassung von Saatgutbeständen, auf den wertvollen Nachwuchs im Stadtwald aufmerksam. Experten begutachteten die Eichen, deren Vitalität, die Qualität der Früchte und die genetische Reinheit. Letztlich gab es Top-Noten für die Traubeneichen zwischen Bühle und Wolfhagen. „Das hat es in den letzten 50 Jahren nicht gegeben“, sagt der Förster und meint damit den Umstand, dass der Stadtwald – abgesehen von der Naturverjüngung – selbst das Material für den künftigen Wald liefert.

Zwei Strategien verfolgt Friedrich Vollbracht. Die eine ist sicherer und teuer, die andere mit einer höheren Ausfallquote behaftet, aber preiswerter. Wenn also Anfang kommenden Jahres die zwei Jahre alten Traubeneichen dem Wald entnommen und vorübergehend eingetopft werden, so erfordert das viel Personaleinsatz und kostet entsprechend Geld. Allerdings ist diese Variante mit einer größeren Wahrscheinlichkeit verbunden, dass die Setzlinge später, wenn sie eine Freifläche begrünen sollen, auch anwachsen. Auf diese Weise soll eine halbe Million junger Eichen aus dem Wald geholt werden. Vollbracht geht von einer Ausfallquote von mindestens 25 Prozent aus. Ab 2023 sollen 350 000 Bäumchen wieder im Wolfhager Forst angepflanzt werden. In der Zwischenzeit kümmert sich eine Baumschule um den Nachwuchs, gibt ihm Licht und sorgt dafür, dass die mitunter wenig verzweigten Wurzeln an Stärke gewinnen.

Beim nächsten Mastjahr kommt die zweite Strategie zum Tragen. Dann werden die Eicheln unter den mächtigen Bäumen aufgelesen und von der Baumschule für die Aufzucht junger Traubeneichen genutzt, die drei bis vier Jahr später ebenfalls in den Wald gepflanzt werden können.

Dass nun die Eiche der Baum der Wahl für die zahlreichen ausgefallenen Fichtenbestände ist, hat verschiedene Gründe, sagt Friedrich Vollbracht. Einer sei gekoppelt an die Standortfrage. 20 Prozent der Böden im Stadtwald seien wechselfeucht, und diese machten anderen Waldbaumarten das Leben schwer. Die verdichteten und ebenen Schluffböden trügen dazu bei, dass das Niederschlagswasser nicht in tiefere Schichten abtransportiert werden kann und sich Staunässe bildet. Die einzige Möglichkeit der Wasserregulierung ist neben der Aufnahme durch Pflanzen die Verdunstung. Andererseits seien diese Böden knochentrocken, sollte es lange Zeit nicht regnen. Der Fichte habe das nicht gutgetan. Die Traubeneiche hingegen könne mit ihrer kräftigen Pfahlwurzel die dichten, festen Böden durchstoßen und Feuchtigkeit aus sehr tiefen Schichten ziehen. Die Baumart toleriere länger anhaltende Phasen von Trockenheit. Was sie hingegen nicht mag, seien andere Baumarten neben sich. „Eichen darf man nicht in Mischung pflanzen“, sagt Vollbracht und verweist auf seine 30-jährige Erfahrung, die er im Stadtwald gesammelt hat.

Im Übrigen habe die Eiche schon einmal bewiesen, dass sie in die Region passt. Vor 200 Jahren etwa habe man bevorzugt Eichen gepflanzt. Zahlreiche Exemplare gebe es noch heute. Und einige bilden nun den Ausgang für eine neue Waldgeneration.

(Antje Thon)

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