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Ein Deutscher aus dem Kreis Wolfhagen berichtet aus Butscha

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Von: Bea Ricken

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Ankunft in Butscha: Zivilisten begrüßen die ukrainischen Soldaten.
Ankunft in Butscha: Zivilisten begrüßen die ukrainischen Soldaten. © Privat

Ein Deutscher, der zuletzt in Ahnatal und Wenigenhasungen gelebt hat, kündigt seinen Job und meldet sich freiwillig als Sanitäter im ukrainischen Kriegsgebiet.

Wenigenhasungen/Ahnatal/Butscha/Irpin – Adreno berichtet in mehreren Folgen über die aktuellen Geschehnisse.

Der Welt stockt angesichts der schrecklichen Bilder von toten Zivilisten in Butscha der Atem: Adreno ist mittendrin. „Wir bekamen in den vergangenen Tagen den Einsatzbefehl nach Irpin zu fahren, um sicherzustellen, dass die russischen Truppen sich aus der Stadt entfernt haben“, berichtet der 26-Jährige, der inzwischen die Leitung seiner medizinischen Basis übernommen hat und sich um Dokumentation, Logistik und Versorgung vor Ort kümmert.

Es gab auch Anzeichen von Folter, manche Zivilisten wurden mit Panzern überfahren

„Den Weg von Irpin nach Butscha sind wir zu Fuß gegangen. Als wir Butscha erreichten, bot sich uns ein Bild der Zerstörung und wir sahen Gräueltaten. In der ganzen Stadt lagen getötete Zivilisten.“ Diese seien nicht einfach nur getötet, sondern teils mit Schüssen in den Hinterkopf brutal hingerichtet worden. „

Auch Anzeichen für Folter konnten wir bei einigen Zivilisten erkennen, manche wurden mit Panzern überfahren.“ Ein anderes Team hätte in dem Ort ein Massengrab gefunden. „Ich selbst habe das nicht gesehen. Uns wurde mitgeteilt, dass sich dort rund 280 tote Zivilisten in einem einfachen Erdloch befänden, die hingerichtet worden seien. Makaber: Adreno sah auch einen Straßenhund mit dem Bein eines Menschen im Maul.

So viele Zivilisten wie möglich zu töten sei wohl Putins Art der Entnazifizierung

Neben den Zivilisten habe er auch tote russische Soldaten gesehen, die zurückgelassen worden seien. So viele Zivilisten wie möglich zu töten sei wohl Putins Art der Entnazifizierung. „In der dunklen Vergangenheit Deutschlands tötete unser Land Juden einfach nur deshalb, weil sie Juden waren. Jetzt tötet die russische Föderation Ukrainer, nur weil sie Ukrainer sind“, so Adreno bitter.

„Als wir in Butscha durch die Straßen liefen, kamen Überlebende aus ihren Häusern. Sie brachten uns Essen und eine ältere Dame kochte für alle. Nachdem wir seit Tagen nur Trockennahrung hatten, war dies eine Wohltat. So viel Herz und Dankbarkeit inmitten der vielen Toten. Ich bin beeindruckt von der Stärke dieser Menschen“, erklärt der deutsche Sanitäter.

Von der deutschen Regierung ist Adreno enttäuscht

„Die Welt hilft, aber das ist nicht genug.“ Deutschland habe immer wieder Schritte in Richtung Russland unternommen. Er spreche dabei von der Regierung und nicht von den Bürgern. „Ich sehe die Hilfe, die wir von Deutschen erhalten und ich möchte mich bei allen dafür bedanken. Es bedeutet uns hier sehr viel. Selbst wenn nur ein kleines Paket aus Deutschland mit Mullbinden oder etwas Schokolade und einem Brief ankommt, wie in den vergangenen Tagen. Für uns ist das viel.“

Von der deutschen Regierung ist Adreno enttäuscht. „Ja, es sind einige Waffen bereits hier angekommen aber die Lieferungen verzögern sich. Oft werden Waffen geliefert, die wir nicht mehr benötigen, und alles das, was wir benötigen, wird verzögert und abgelehnt. Wo sind Luftabwehrsysteme, wo sind Schiffs-Abwehr-Raketen?“

„Der Krieg muss sofort gestoppt werden“

Deutschland habe geholfen aber auch die Ukraine in den Rücken gestochen. Das beste Beispiel sei Nordstream 2. Deutschland hätte vor Jahren realisieren müssen, das Wladimir Putin lediglich die Sprache der Gewalt spreche. Heute spüre die Welt das und viele Länder würden wirklich helfen, beinahe die gesamte westliche Zivilisation. Doch Deutschlands Regierung sei nicht der größte Unterstützer in diesem Krieg.

„Ich möchte mich aber auch im Namen der Ukrainer von Herzen bei allen Bürgern und auch Supermarktketten und anderen Unternehmen bedanken, die hier Lebensmittel, medizinische Ausrüstung, Kleidung und vieles, vieles mehr herbringen. Und vor allem bei den Deutschen die ukrainische Flüchtlinge mit Wärme in Deutschland begrüßen und ihnen Sicherheit bieten.“

Was in Butscha und Irpin passiert sei, werde man auch in anderen Teilen des Landes finden. „Das sind keine Einzelfälle. Der Krieg muss sofort gestoppt werden, Sanktionen allein werden nicht reichen.“ (Bea Ricken)

Zur Person

Adreno (26) lebte bis zu seinem Eintritt in die ukrainische Armee in Ahnatal mit Zweitwohnsitz in Wenigenhasungen. Er arbeitete bis zu seiner Ausreise aus Deutschland als Alten- beziehungsweise Krankenpfleger und hat nach eigenem Bekunden Weiterbildungen für Taktische Einsätze Medizin und Taktische Kampfeinsätze absolviert. Die Ukraine kennt er durch seine Lebensgefährtin, die selbst aktuell im Kriegslazarett arbeitet. 

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